Oberbürgermeister Rudolf Paul, Thüringen-Ausschuss und Provinzialregierung
8. Juni 1945
Protokoll der ersten Sitzung des umgebildeten Thüringen-Ausschusses mit dem Bericht des Ausschuss-Vorsitzenden Johannes Brumme, der Wahl Rudolf Pauls zum stellvertretenden Vorsitzenden und dem Bericht des kommissarischen Leiters des Staatsministeriums Hermann Brill
Protokoll der 1. Sitzung des umgebildeten Thüringen-Ausschußes Beginn am 8.6. 17.30 Uhr. (im Rentamt) Hs. Eintrag.
Anwesend : 8 Mitglieder, davon 3 vorm früheren Thüringen-Ausschuß im Anti-Nazi-Komitee, nämlich Kam.[erad] Ergänzt. Curt B ö h m e – Jena, „ Hugo G ü n t h e r,„ Johannes B r u m m e – Weimar.
Als neue Mitgliedere sind anwesend:Richard E y e r m a n n – Salzungen-Erfurt,Elisabeth Zajac F r ö l i c h – Weimar,Heinrich H o f f m a n n – Erfurt, Fritz In der Vorlage Felix. F r a n z – Weimar, [Felix] Zumhasch Hs. nachgetragen.
Als Gäste sind anwesend die Regierungsvertreter Mitglieder des im Mai 1945 gebildeten kommissarischen. Staatsministeriums. Dr. B r i l lDr. K o l t e rM o o g. Außerdem Oberbürgermeister Dr. B e h r.
Oberbürgermeister von Weimar.

Tagesordnung1. Wahl des Vorsitzenden2. Erweiterung des Ausschusses3. Bericht des Ministerialdirektors Dr. B r i l l
Kam. Brumme, Vorsitzender des bisherigen Thüringen-Ausschusses, eröffnet die Sitzung mit einer Ansprache. Er sagte unter anderem: Um den neuen Mitgliedern die Aufgaben des Ausschusses verständlich zu machen, will ich kurz auf die bisherige Entwicklung unseres Thüringen-Ausschusses und des deutschen Volksfront-Komitees eingehen. Was vor 1933 ummöglich war, ist nach 12 Jahren Nazidiktatur Wirklichkeit geworden, nämlich gemeinsame Arbeit aller Antifaschisten in gleicher Richtung zur Ausrottung des Nazismus bis zur Wurzel und zum Aufbau eines neuen, freien, demokratischen Deutschlands. In den ersten Jahren der Nazidiktatur wuchs der Volksfrontgedanke, unterstützt durch Männer in der Emigration und Illegalität, geführt in Berlin unter anderen von Dr. Brill. In besonders enger Zusammenarbeit zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten weitergeführt in Zuchthäusern und Konzentrationslagern, z.B. in Buchenwald seit 1938 mit verschiedenen Unterbrechungen, erneut seit Anfang 1944, was zur Gründung des Volksfront-Komitees in Buchenwald am 1. Mai 1944 führte, in dem unser Kam. Brill der Vorsitzende war. Hier wurde wirklich gearbeitet: Neue Planungen der deutschen Provinzen, Schaffung eines neuen Beamtentums, einer neuen Erziehung usw. Nach der Befreiung durch die Amerikaner bildete sich im Rahmen des internationalen Komitees Internationales Lagerkomitee (ILK) unter Leitung von Walter Bartel. auch das deutsche Komitee Deutsches [Volksfront] Komitee des ILK. in Buchenwald, das die Geschicke des Lagers in die Hand nahm. Auf der Volksfront-Delegierten-Versammlung Am 23.4.1945. hielt Kam. Brill eine Rede, wonach eine gemeinsame Entschließung aller Volksfrontvertreter angenommen wurde. Auch die Thüringer Landsmannschaft organisierte sich und auf ihrer ersten Versammlung, Am 21.4.1945. in der Kam. Brill wiederum sprach, wurde auch ein Thüringen-Komitee gebildet. In ihm waren vertreten: Grießer – Pößneck, Brill – Ohrdruf, Chaim – Gera, Brumme – Gera, Jungmann – Gera und Havelland – Eisenach. Spätere Mitglieder waren Wolf - Gotha, Bart[h] Ergänzt. – Gera, Wolters – Erfurt, Böhme – Jena und Bergner – Gera. Auf der 4. Sitzung dieses Thüringen-Komitees In Klammern zugefügt „in Buchenwald“; sie fand am 30.4.1945 statt. wurde eine Entschließung angenommen, in der sich das Komitee zu den Gedanken des nationalen Komitees freies Deutschland bekannte. Als die Kameraden von Buchenwald entlassen wurden, wurde nach entsprechenden Vorverhandlungen das Komitee nach Weimar verlegt und dort am 15. Mai der Thüringen-Ausschuß im Anti-Nazi-Komitee Weimar gebildet. Nach einer kurzen Ansprache des Kam. Walter Wolf, des bisherigen Vorsitzenden des Thüringen-Komitees, Seit dem 25.4.1945. wurde der neue Ausschuß wie folgt gebildet: 4 Buchenwälder Kameraden, nämlich Böhme , Jungmann , Bergner und Brumme und 4 Weimarer Kameraden, nämlich Friedrich , Blaicher , Günther und Sonntag . – Der Thüringen-Ausschuß arbeitete in der Folge immer eng mit dem Anti-Nazi-Komitee zusammen, besonders bei der Besetzung der Ministerien. Gemeint ist die von Brill vorgenommene Berufung von Bevollmächtigten der Fachministerien im Rahmen seines am 7.5.1945 vom Weimarer Oberbürgermeister Behr erhaltenen Auftrages zur Wahrnehmung der Geschäfte des Thüringischen Staatsministeriums. Als eine zentrale Planung der thüringischen Verwaltung möglich wurde, machten die hier vertretenen 4 antifaschistischen Parteien unter Anregung des Kam. Brill Vorschläge von ihren Vertretern, worauf sich unser jetziger Thüringen-Ausschuß bilden konnte. Für die Arbeit des Thüringen-Ausschusses möchte ich auf das Vorbild unserer Buchenwälder Arbeit zurückgreifen. (Es folgt die Verlesung der Volksfrontentschließung von Buchenwald vom 23.4.[1945]). Ergänzt;LATh-HStA Weimar, NL Johannes Brumme, Nr. 2, Bl. 11r; Wortlaut bei Wahl: “Thüringen-Ausschuß” (1997/D), S. 118. Gemäß dieser Entschließung wollen wir die Traditionen des Buchenwald-Komitees wachhalten. 1. Kämpferische Antifaschisten sein, die bewiesen haben, daß sie dem Nazismus Widerstand leisteten, und dabei gegenseitige Kontrolle, um ein Nachlassen in unserem antifaschistischen Kampf zu verhindern. 2. Ständiger Wille zur Einheit oder „Unverbrüchlichen Verbundenheit“ aller Antifaschisten, wie es im Manifest der demokratischen Sozialisten Maßgeblich von Brill verfasstes Buchenwalder Manifest der demokratsichen Sozialisten „Für Freiheit, Frieden, Sozialismus“ v. 13.4.1945, LATh-HStA Weimar, BPA, II/1-001, Bl. 1r-4r; abgedr. bei Brill: Gegen den Strom (1946/95/C), S. 97-102. heißt, das bedeutet, Kameraden sein, die angesichts der Aufgabe, Deutschland nach innen und außen zu befreien, sich nicht trennen lassen, das bedeutet, zusammen zu bleiben, bis die letzte Wurzel des Nazismus ausgerottet ist und bis wir gegenüber den Besatzungsmächten unsere politische Mündigkeit bewiesen haben. In diesem Sinne wollen wir in unsere Arbeit eintreten. Wir haben es jetzt mit dem Aufbau der Verwaltung Gesamtthüringens zu tun. Sie umfaßt 1. die Regierung bei der Säuberung und dem Umbau des Staatsapparates in Rat und Tat unterstützen und 2. dem Volk seine Lage klarmachen und es zur Unterstützung aufrufen. Zur Geschäftsordnung erhält Kamerad Zumhasch das Wort. Er beantragt, Punkt 2 zuerst zu behandeln. Da sich kein Widerspruch erhebt, wird zuerst Punkt 2 „Erweiterungen des Ausschusses“ behandelt. Das Wort erhält Kam. Eyermann . Er stellt den Antrag, den Ausschuß auf 2 Demokraten, 2 Vertreter des Zentrums und 2 Bauernvertreter zu erweitern. Kam. Zumhasch fordert dagegen paritätische Vertretung der Demokraten und des Zentrums, gegenüber sozialen Demokraten und Kommunisten. Er wird darin durch Herrn Moog unterstützt, der ausführt, daß das Volk eine so geringe Vertretung der bürgerlichen Parteien nicht verstehen würde und es sich gegen eine zu starke Vertretung der Arbeiterparteien wenden würde. Auch Herr Dr. Kolter macht dahingehende Ausführungen, worin er von Dr. Brill unterstützt wird. Die Redner sind der Meinung, daß Bauernvertreter erst ins Komitee eintreten sollen, wenn der Landbund richtige Antifaschisten präsentieren kann. Dr. Brill begründet die Erweiterung auch mit der Notwendigkeit, Ausschüsse zu bilden. Da sich gegen den Antrag von Erweiterung kein Widerspruch erhebt, wird er angenommen und der Vorsitzende bittet die beiden Parteien, ihre neuen Vertreter zu nominieren und empfiehlt den Demokraten, den Oberbürgermeister Dr. Paul aus Gera mit vorzuschlagen. Zum 2. Punkt der Tagesordnung, Wahl des Vorsitzenden, nimmt Kam. Günther das Wort. Er schlägt zum Vorsitzenden den bisherigen Vorsitzenden des Thüringen-Ausschusses, Kam. Brumme, vor. Dr. Brill schlägt vor, einen Sekretär zu ernennen. Kam. Brumme bittet um Ernennung zweier Stellvertreter. Herr Moog schlägt Herrn Dr. Paul vor und Dr. Brill Frau Zajac Frölich. Auf Vorschlag des Kam. Moog soll zur Wahrung der Parität die Zentrumspartei den Sekretär stellen. Zu Punkt 3 der Tagesordnung erhält Dr. Brill das Wort. Er führt unter anderem Folgendes aus: Seit meiner Einsetzung Gemeint sind die Berufung zum Berater der Amerikanischen Militärregierung für den Stadt- und Landkreis Weimar am 27.4.1945 und der Auftrag zur Wahrnehmung der Geschäfte des Thüringischen Staatsministeriums am 7.5.1945. habe ich die Stadtverwaltung und die Verwaltung des Landkreises neu geregelt und daraufhin die Umbesetzung der Ministerien vorgenommen, nachdem ich an das 8. Korps eine Denkschrift über die zentrale Verwaltung Thüringens Denkschrift v. 26.4.1945 (BArchK, N 1086, Nr. 95, Bl. 71r-74r). eingereicht habe. Nach späteren Verhandlungen habe ich dem Chef der neuen Militärregierung für Thüringen, Oberst Hatch , 1. einen Vorschlag für die neue Landesverwaltung Thüringens Am 20.5.1945 von Colonel Hatch in Auftrag gegebener und am 31.5.1945 vom Gremium der Bevollmächtigten für die Fachministerien bestätigter Plan für den Aufbau der Verwaltung Thüringens (LATh-HStA Weimar, LTh-BMP, Nr. 1078, Bl. 79r-91r). und 2.einen Entwurf über die Entlassung von Nazibeamten Zur Genese der am 26.5.1945 vom Gremium der Bevollmächtigten für die Fachminiisterien bestätigten und am 29.6.1945 Colonel Hatch übergebenen Richtlinien für die Reinigung der Verwaltung von Nazielementen vgl. LATh-HStA Weimar, LTh-MdI, Nr. 3448 u. BArchK, N 1086, Nr. 96). vorgelegt.Ich habe mehrmals lange verhandelt und zuletzt auch im Hauptquartier in Frankfurt. Am 6.6.1945. Ich habe schwer Verständnis gefunden, weil die Amerikaner kein Berufsbeamtentum wie wir kennen. Hinsichtlich des Entlassungsentwurfs sind folgende Abänderungen getroffen worden: Nicht Entzug der Pension, sondern nur Suspension. Hierbei und bei Entzug der Wohnung soll zur Nachprüfung ein Gericht von 7 Personen eingesetzt werden und zwar vom Regierungspräsidenten selbst. Dieses würde dann auch die Schutzhaft aussprechen und diese nach 6 Monaten nachprüfen, was zur Hebung des Rechtsgefühls des deutschen Volkes beitragen würde. Wie die Amerikaner uns Deutsche einschätzen, geht aus der Frage des Obersten hervor: Glauben Sie, daß man dies Deutschen anvertrauen kann? Ehe unsere Maßnahmen gebilligt werden, muß ich noch eine ausführliche Begründung einreichen. Solange der Entwurf nicht genehmigt ist, werden die Parteigenossen von vor 1933 zwangsbeurlaubt oder vorläufig ihres Amtes enthoben. Das In der Vorlage „der“. Junigehalt ist schon nicht mehr ausgezahlt worden. Der Vorschlag über die Neugestaltung Thüringens ist im Prinzip genehmigt worden. Die Vereinheitlichung des Gebietes soll in 3 Stufen vor sich gehen. 1. Einbeziehung des Regierungsbezirkes Erfurt und des Kreises Schmalkalden. (Die Quertreibereien von seiten der Erfurter Stellen haben den Obersten von unserem Plan nicht abbringen können.) 2. Provisorische Hereinnahme von Westsachsen, wo Kommissare eingesetzt werden sollen und 3. die Bereinigung des thüringischen Gebietes im Norden und Süden (Weißenfels, Naumburg, Kolleda, Coburg, Hof, Naila), die im Zusammenhang mit der Neuplanung aller deutschen Provinzen erfolgen wird. Den Vorschlag über die einzelnen Personen habe ich in Frankfurt noch zurückgestellt mit der Begründung, daß ich mich erst mit meinen politischen Freunden beraten müsse. Die Vorschläge müssen aber sofort mit Angabe des Alteres und besonders mit einem Lebenslauf und die beabsichtigte Verwendung bei dem Kam[eraden Curt] Böhme Seit dem 1.6.1945 Leiter der Präsidialkanzlei. eingereicht werden. Verschiedene Diskussionsredner weisen auf die Notwendigkeit hin, die Verkehrsverhältnisse zu regeln, wenn die zentrale Verwatlung aufgebaut werden soll. In bezug auf die Vorschläge soll eine Personalkommission gebildet werden. Von den 4 Parteien werden folgende Kameraden gewählt und vorgeschlagen: Eyermann , Böhme , Zumhasch und Franz . An die Stelle von Fritz Franz trat für die ehemalige Zentrumspartei Aloys Müller. Diese Kommission soll ihre Arbeit sofort aufnehmen. Der von Eyermann geleitete Personalausschuss trat am 15.6., 22.6. u. 2.7.1945 zusammen. Im Punkt 4 Verschiedenes wird noch die Frage einer bezahlten Stenotypistin behandelt, der Sitzungstermin festgelegt und ein Brief unseres Buchenwald-Kameraden Ernst Busse den Mitgliedern des Thüringen-Ausschusses ausgehändigt. Der fiktive „Brief eines Antifaschisten“ v. 5.6.1945 von Ernst Busse an seine spätere Ehefrau Anna wurde als Information Nr. 3 der KPD-Bezirksleitung in hektographierter Form verbreitet.
Schluß der Sitzung 19.15 Uhr.

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , NL Johannes Brumme, Nr. 3, Bl. 116r-118r; Abdruck bei Wahl: „Thüringen-Ausschuß“ (1997/D), Dok. 5, S. 53-56.