2./17. Juli 1945
Bericht der „Thüringer Volkszeitung“ (KPD) über den Geraer Truppenempfang
Die Rotarmisten kommen!
Vom Einmarsch der Roten Armee am 2. Juli in Gera.
Gera hat einen großen Tag! Flugblätter des Oberbürgermeisters und des Antifaschistischen Komitees haben der Bevölkerung das bevorstehende Einrücken russischer Truppen angekündigt. Radfahrer und Autos rasen durch die Stadt. Rote Fahnen, Flugblätter, Blumen werden von ihnen herangebracht. Auf dem Markt der Stadt wächst ein Wald von Fahnenstangen hoch. Transparente werden über die Straßen gezogen. Sie begrüßen die siegreiche rote Armee. In den Betrieben sprechen Antifaschisten zur Arbeiterschaft und heben die Bedeutung des Tages hervor. Sirenengeheul geht durch die Stadt: Die Rote Armee ist im Anmarsch. Doch dieses Mal ruft die Sirene nicht zur Flucht in die Luftschutzräume und Keller. In hellen Scharen strömen alle Schichten der Bevölkerung in dichten Kolonnen zu den bekanntgegebenen Anmarschstraßen. Der Oberbürgermeister hat zum Ausdruck gebracht, daß die Soldaten der Roten Armee als Befreier vom Nazijoch mit Blumen zu begrüßen sind. In den Armen der Frauen und Mädchen liegen große Blumensträuße. Alle Gärten, ja sogar die Blumenstöcke, sind von ihren Eigentümern förmlich geplündert worden. Keiner will hinter dem anderen zurückstehen. Gera, der Geburtsort aller Arbeiterparteien Deutschlands, will die Soldaten des großen Staatsmannes und Feldherrn Stalin würdig empfangen.Dichte Menschenmassen säumen die Straßen, Polizei und Ordnungsdienst halten sie frei. Der Oberbürgermeister, im Schmuck der Amtskette, rollt im Kraftwagen an die Stadtgrenze. In der Menge wird es still. Stafettenfahrer verkünden das Nahen der russischen Panzer und Sturmgeschütze. Stille, erwartungsvolle Stille liegt über 30 000 Menschen. Das Rollen der Panzer wird hörbar. Der erste biegt um die Wegkreuzung. Ein Jubelschrei der Bevölkerung geht durch die erwartende Menge. Die Panzer sind da! Die Mannschaften sitzen auf ihnen, und eine Wolke von Blumen fällt auf die russischen Soldaten. Nach wenigen hundert Metern hat jeder von ihnen einen dicken Strauß in der Hand, und da, wo früher Maschinengewehrkugeln und Granaten gegen die Panzerung schlugen, fallen jetzt bunte, friedliche Blumen darauf. So einen Empfang haben die Soldaten noch nirgends erlebt. Man sieht es ihnen an. Sie sind bewegt. Sie danken mit Lachen, mit Rufen, mit Händewinken denGeraern für dieses Willkommen.Auf dem Markt fahren die Tanks auf. Die Bevölkerung durchbricht die Sperrketten. Jeder will ganz nahe bei den Tanks, den russischen Soldaten, dem Oberbürgermeister sein. Man will hören, wie er die Rote Armee begrüßt.Herr Kommandant,Soldaten der Roten Armee!Die größte Industriestadt Thüringens heißt Sie durch mich herzlich willkommen. Wir begrüßen in Ihnen die Befreier vom Hitlerschen Joch. Die Rote Armee war es, die durch einen Siegeszug ohnegleichen, beginnend bei Stalingrad, über Tausende von Kilometern hinweg die Kriegsmaschine der Nazis entscheidend zerschlug.Geraer, vor 12 Jahren mußte ich meine Vaterstadt, mußte ich Euch verlassen. Als Anwalt der Unterdrückten hatte ich oft schützend vor Euch gestanden. So wurde ich von den Nazis wegen sogenannter Betätigung im kommunistischen Sinne davongejagt und über ein Jahrzehnt von Gestapo und Sondergericht verfolgt. heute stehe ich als Euer Oberbürgermeister vor Euch, neben mir ein hoher Offizier der Roten Armee und vor mir sowjetische Panzer.Offiziere und Soldaten, seht die Fahnen an den Häusern, die Blumensträuße in den Händen, die Freude in den Gesichtern der Bevölkerung, alles jubelt Euch zu, der Jubel gilt Euch! Ueberzeugender als diese sichtbare Freude vermag ich die Begeisterung nicht in Worte zu kleiden. Ihr seid willkommen, herzlich willkommen in unserer Stadt!Der Oberbürgermeister Dr. Paul und der russische Kommandant schütteln sich herzlich die Hände. Die den Markt füllende Menge bricht in begeisterte Beifallsrufe aus.Die Frau des Oberbürgermeisters überreicht dem russischen Kommandanten einen großen, herrlichen Rosenstrauß mit den Worten:Herr Kommandant, die Frauen und Mädchen Geras überreichen Ihnen zum Gruß diese Rosen. Sie und Ihre Truppe sind herzlich willkommen.Sie reichen sich die Hände. Lauter Beifall bricht erneut aus.

Quelle: Thüringer Volkszeitung, 17.7.1945.