[2. Juli 1945]
Flugblatt des antifaschistischen Komitees Gera zur Begrüßung der Truppen der Roten Armee
Wir grüßen die Soldaten
der Roten Armee! Das Flugblatt ist nicht datiert; es wurde vermutlich bereits zum Truppenempfang am 2.7.1945 ausgehängt, wie auch aus dem folgenden Bericht der „Thüringer Volkszeitung“ hervorgeht; auf den 2.7.1945 datiert ist ein wortgleiches – um ein Marx-Zitat ergänztes – Flugblatt des NKFD-Komitees Apolda (überliefert in:LATh-HStA Weimar, BPA, III/1-001, Bl. 13); diesen – um das Zitat ergänzten – Text enthält auch das am 3.7.1945 in der „Thüringer Volkszeitung“ veröffentlichte und am 4.7.1945 vom Thüringen-Ausschuss bestätigte gemeinsame Flugblatt des Weimarer Anti-Nazi-Komitees und des Thüringen-Ausschusses (LATh-HStA Weimar, NL Johannes Brumme, Nr. 3, Bl. 168; abgebildet bei Wahl:Der „Thüringen-Ausschuß“ [1997/D], S. 48); nach einer anderen Interpretation sei das Flugblatt vom Weimarer Anti-Nazi-Komitee verfasst und vom Geraer Komitee erst später übernommen und ausgehängt worden.
Voll Freude und Scham zugleich begrüßen wir die Soldaten der Roten Armee!
Voll Freude,weil die Rote Armee und die mit ihr verbündeten Armeen der demokratischen Staaten den nazistischen Militarismus zerschlagen und uns vom hitlerschen Terror befreit haben.
Voll Scham,weil es uns nicht gelungen ist, aus eigener Kraft diesen weltverbrecherischen Militarismus zu zerschlagen und der Hitlertyrannei ein Ende zu setzen und der Welt diese Katastrophe zu ersparen.
Das bekunden wir im Namen aller, – selbst derer, die zwölf Jahre hindurch gegen die Hitlerdiktatur kämpften – die guten Willens sind und aus dem Schuldbekenntnis zu einer antinazistischen und ganz neuen demokratischen Denkungsart und Freiheit gelangen wollen. In dem auf den 2.7.1945 datierten Text des Apoldaer Flugblattes und dem am 3.7.1945 in der „Thüringer Volkszeitung“ veröffentlichten und dann nachgedruckten Text ist zwischen diesem und dem folgenden Abschnitt eingefügt: „… Scham ist eine Art Zorn, der in sich gekehrte. Und wenn eine ganze Nation sich wirklich schämte, so wäre sie der Löwe, der sich zum Sprunge in sich zurückzieht. Ich gebe zu, sogar die Scham ist in Deutschland noch nicht vorhanden, im Gegenteil, diese Elenden sind noch Patrioten.“ (Marx an Ruge 1843). Von echtem Patriotismus gegen den Nazismus beseelt, werden wir die Wiedergutmachung, den Wiederaufbau Deutschlands und die Sicherung des Weltfriedens ermöglichen.Aus solcher Erkenntnis werden wir den neuen deutschen freiheitlichen und friedliebenden Menschen formen und bilden, werden wir im unerbittlichen Kampfe zur restlosen Beseitigung des Nazismus jedwede Wiederholung eines Überfalles auf die Sowjetunion und andere friedfertige Staaten und Völker unmöglich machen helfen.So arbeiteten, so wirkten und kämpften wir Antifaschisten für die Befreiung. Wir haben in den Zuchthäusern, in den Konzentrationslagern unermeßliche Blutopfer gebracht.So treten wir aktiven Antifaschisten erneut vor die Thüringer Bevölkerung und rufen sie auf, uns auf diesem Wege aus der Katastrophe zu folgen.So werden wir sie immerfort arbeiten und kämpfen lehren bis zur völligen Überwindung des volksfeindlichen Nazismus.Versammelt im Geiste einer zähen Kampfgemeinschaft und aufrichtiger Zusammenarbeit mit den Besatzungsbehörden gegen den Nazismus, für Wiedergutmachung und Friedenssicherheitaus vollen Kräften, treten wir vor die Soldaten der Roten Armee und ihre Führung und grüßen sie.Wir grüßen die Soldaten der siegreichen Roten Armee in antifaschistischer Aufrichtigkeit und Verpflichtung zum Kampfe gegen jegliche Störung der Wiedergutmachung, des Wiederaufbaues und des Friedens.
Das antifaschistische Komitee Gera

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Bezirksparteiarchiv der SED Erfurt, V/6/14-003, Bl. 100r (gedruckt), auch überliefert in: StAG, III F 58, Nr. 012 sowie Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, NL Johannes Brumme, Nr. 3, Bl. 170r.