5. Juli 1945
Rundschreiben Hermann Brills zu den „Richtlinien für die Reinigung der Verwaltung von nazistischen Elementen“
Der Regierungspräsident für ThüringenWeimar, den 5. Juli 1945
Andie Herren Oberbürgermeister der Stadtkreisedie Herren Landräte der Landkreisedie Reichsbahndirektion für den Bezirk Erfurtdie Reichspostdirektion Erfurtdie Regierung Erfurt – Abwicklungsstelle –die Thür. Ministerien
In der Anlage übersende ich Richtlinien für die Reinigung der Verwaltung von nazistischen Elementen. Die Richtlinien haben die Billigung des Vertreters des Oberkommandos der russischen Besatzungstruppen gefunden. Am 5.7.1945 vom stellv. politischen Berater des Obersten SMAD-Chefs Semjonow als Leiter der nach Thüringen gesandten Inspektionsgruppe. Sie sind für die Herstellung einer Einheit in der Behandlung dieser Frage mit sofortiger Wirkung maßgebend. Zuerst sind die Vorschriften in Abschnitt I der Richtlinien, Behandlung der „alten Kämpfer“ in der Beamtenschaft, durchzuführen. Die in Ziffer 2 vorgesehene Polizeihaft ist durch die Ortspolizeiverwalter sofort anzuordnen, das Ermittlungsverfahren von der Kriminalpolizei durchzuführen. Die Sicherungsmaßnahmen nach Ziffer 7 sind ebenfalls von der Ortspolizeibehörde zu treffen. Die Erfassung der alten Kämpfer erfolgt durch die Oberbürgermeister und Landräte ohne Rücksicht auf die Behörde, bei der die Betreffenden beschäftigt sind. Es steht im freien Ermessen der Ortspolizeiverwalter, ob die Verhafteten nach Abschluß des Ermittlungsverfahrens in Polizeihaft behalten oder unter Auferlegung einer Meldepflicht vorläufig in Freiheit gesetzt werden sollen. Die Polizeihaft ist auf jeden Fall dann durchzuführen, wenn sich in dem Ermittlungsverfahren ergeben hat, daß der Festgenommene strafrechtlich schuldig ist. Zu gegebener Zeit ist er dann dem Vernehmungsrichter zum Erlaß eines richterlichen Haftbefehls vorzuführen und die Sache, soweit sie eine strafrechtliche Seite hat, an die Staatsanwaltschaft abzugeben. Im übrigen findet das in Abschnitt VI vorgesehene Verfahren statt. Bis zum 10.ds.Mits. sind der Präsidialkanzlei die Akten der Beamten, Angestellten und Arbeiter der ehemaligen Thür. Ministerien, der oberen Landesbehörden, der Regierung in Erfurt, der oberen Preuß. Behörden und der etwa in der Provinz Thüringen vorhandenen oberen Provinzialbehörden vorzulegen.Bis zum 15.ds.Mts. sind die Akten der Beamten, Angestellten und Arbeiter, die unter den Begriff „alte Kämpfer“ fallen, aller Kreisämter, Rentämter, Forstämter, Bergämter, Gewerbeaufsichtsämter, Eichämter des ehemaligen Landes Thüringen, der Landratsämter, Amtsvorsteher, Kreiskassen, Forstämter, Gewerbeaufsichtsämter, Eichbehörden der ehemaligen Provinz Erfurt vorzulegen.Bis zum 17. Juli sind die entsprechenden Aktenstücke für den gesamten Bereich der Reichsbahndirektion Erfurt, der Reichspostdirektion Erfurt, der Reichsfinanzverwaltung einschl. der Zollverwaltung und der Reichsarbeitsverwaltung vorzulegen.Bis zum 20. Juli sind die Akten der sog. alten Kämpfer bei der Universität und den höheren Schulen der Präsidialkanzlei einzureichen.Bis zum 23. Juli haben die ostthüringischen, bis zum 26. Juli die mittelthüringischen, bis zum 30. Juli die sonstigen Territorialreferate des ehemaligen Thür. Ministeriums für Volksbildung und der Regierung in Erfurt die Akten der Lehrer an Volks- und Berufsschulen einzureichen.Es wird besonders darauf hingewiesen, daß nach Abschnitt VI Ziffer 2 der Richtlinien bei der Vorlage ein Bericht der vorgesetzten Dienstbehörde über den Betreffenden beigefügt werden muß.Ich erwarte von allen Oberbürgermeistern und Landräten, den Präsidenten der Preuß. und Reichsmittelbehörden und den sonstigen Amtsvorständen, daß bei der Durchführung der Vorschriften des Abschnittes I der Richtlinien mit der äußersten Sorgfalt gearbeitet wird. Alle Geschäftssachen, die sich auf diese Angelegenheit beziehen, sind als Eilsachen im Sinne der Vorschriften der Geschäftsordnung der betreffenden Behörden über die eilige Erledigung von Verwaltungsangelegenheiten zu behandeln.
gez, Dr. Hermann L. BrillBeglaubigt [Unterschrift] Reg.Obersekretär

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Ministerium des Innern , Nr. 3448, Bl. 59r, 59v (hektographiert).