10. Dezember 1945
Darstellung des Presse- und Informationsdienstes Thüringen

PIT Weimar, den 10. Dezember 1945
Dr. Rudolf P a u l

Der Präsident des Landes Thüringen, Dr. Rudolf P a u l, wurde am 30. Juli 1893 als Sohn des Baumeisters Albert Paul in Gera geboren. Er besuchte das Realgymnasium seiner Vaterstadt bis zur Abschlußreife und studierte dann an den Universitäten Leipzig und Berlin Rechts- und Staatswissenschaft.
Als Schüler und Student war er auf sportlichem Gebiet Inhaber einer Anzahl Meisterschaften. Am ersten Weltkrieg nahm er als Infanterie- und Fliegeroffizier teil. 1919 legte er an der Universität Jena das Referendar- und Doktorexamen und 1922 das Assessorenexamen ab. Im Jahre 1923 trat Dr. Paul als politischer Staatsanwalt Thüringens durch Niederschlagung des Nazismus in diesem Lande in die größte Öffentlichkeit. Im Herbst desselben Jahres kam es zwischen ihm und der Schwarzen Reichswehr – ihre aktiven Verbände waren durch nationalistische Elemente verstärkt worden – zu außerordentlich scharfen Zusammenstößen. Dr. Paul entließ damals alle von der Reichswehr verhafteten Funktionäre der SPD. und KPD. aus dem Gerichtsgefängnis. 1924 trat Dr. Paul, da er sich von der schwachen und unentschlossenen Regierung des Landes und des Reiches in keiner Weise gedeckt fühlte, aus dem Staatsdienst aus und wurde Rechtsanwalt. Seine Praxis war in kurzer Zeit die größte Thüringens und er selbst gehörte zur Spitzengruppe der Strafverteidiger Deutschlands. 1933 nahmen ihm die Nazis Notariat und Anwaltschaft und überzogen ihn mit einer Fülle von Straf-, Gestapo-, und Sondergerichtsverfahren. Um Dr. Paul wirtschaftlich zu ruinieren, wurde ihm seitens der Gestapo zwölf Jahre lang die Ausübung jeglichen Berufes verhindert.
Er lebte als der erste Knecht seines Bauernhofes in völliger Zurückgezogenheit. 1938 wurde sein und seiner Frau – sie war Jüdin – gesamtes Vermögen beschlagnahmt. Um einen Teil des Vermögens zu retten und das Fortleben beider zu ermöglichen, schieden die Ehegatten in freundlichem Einvernehmen. Die Frau wurde später von den Nazis nach dem Osten verschleppt. Politisch gehörte Dr. Paul der Demokratischen Partei an und war bis zu deren Auflösung der 1. Vorsitzende Ostthüringens.
Nach dem Einmarsch der Alliierten wurde Dr. Paul von der Amerikanischen Militärregierung zum Oberbürgermeister von Gera berufen. Durch seine Tatkraft und getragen von dem Vertrauen aller Bevölkerungsschichten gelang es ihm, die erste Industriestadt Thüringens mit über 90 % ihrer Betriebe wieder anlaufen zu lassen.Seit dem 16. Juli 1945 hat Marschall Shukow Dr. Paul zum Präsidenten des Landes Thüringen berufen. Alle Teile und alle Bevölkerungsschichten des Landes begrüßten einmütig die Berufung.

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten , Nr. 249, Bl. 82r, 83r (ms. Ausfertigung).