6. August 1945
Stellungnahme der Geraer Bankfilialen gegen die Übertragung der Geschäfte auf die Landesbank

G e r a, den 6. August 1945
In der gemeinsamen Sitzung der Vertreter von Banken und Sparkassen des Landes Thüringen am 28.7.1945 in Weimar wurde bekanntgegeben, daß geplant sei, die Geschäfte der bisherigen Großbankfilialen auf die neue Thüringische Landesbank überzuleiten. Da in dieser Sitzung der Wunsch ausgesoprochen wurde, die Beteiligten möchten Anregungen zu dem Gesamtproblem geben, wird nachstehend die Stellungnahme der in G e r a ansässigen Groß- und Regional-Bankfilialen, nämlich
Allgemeine Deutsche Credit-Anstalt Filiale Gera,Commerzbank Aktiengesellschaft Filiale Gera,Dresdner Bank Filiale Gera,Hallescher Bankverein Kommanditgesellschaft auf Aktien Filiale Gera niedergelegt. 1
1) Seit der Besprechung vom 28.7.1945 sind im Zusammenhang mit der anhaltenden Schließung der Bankinstitute verschiedene neue Gesichtspunkte zutage getreten. Das amtliche Kommuniqué über die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz betont, daß neben anderen Wirtschaftszweigen auch das Bankwesen einheitlich im gesamten Reichsgebiet geregelt werden soll. Nach einer am 5.8.1945 abends durch den Alliierten Sender München-Stuttgart verbreiteten Mitteilung ist im gesamtem amerikanisch besetzten Gebiet der Verkehr der privaten Kreditinstitute im vollen Umfang wieder aufgenommen worden. Dieser Umstand hat wesentlich zur Stärkung des Vertrauens des Publikums beigetragen, so daß an einzelnen Plätzen die Einzahlungen die Auszahlungen überstiegen haben und infolgedesen, z.B. in Würzburg, jegliche Auszahlungsbeschränkungen aufgehoben worden sind. Die Vorwegnahme einer gänzlich anders gearteten Einzellösung im Lande Thüringen bedeutet einen radikalen Eingriff in die Struktur der betroffenen Privatbanken überhaupt und deren über das ganze Reichsgebiet vertreutes Filialnetz, dessen schwerwiegende Folgen für den Wiederaufbau der Wirtschaft im Gesamtreich gar nicht zu übersehen sind.
2) Es ist von Seiten der Zivilverwaltung Thüringens, so in einem Aufruf an die Thüringer Bevölkerung (Thüringische Volkszeitung vom 31.7.1945) sowie in der Tagung der Vertreter der thüringischen Wirtschaft, der Industrie- und Handelslkammer und der Handwerkskammer in Weimar am 25.7.1945 seitens der maßgebenden Persönlichkeiten wiederholt zum Ausdruck gebracht worden, daß, um die Industrie wieder in Gang zu bringen, der privaten Initiative des freien Unternehmers Raum gegeben werden muß . Wenn die privaten Bankinstitute (außer den kleineren Privatbankiers) verschwinden und nur die öffentlich-rechtlichen Institute sowie die genossenschaftlichen Volksbanken bestehen bleiben sollen, so muß zwangsläufig der Eindruck entstehen, daß mit einer solchen Maßnahme ein Schlag gegen die Privatwirtschaft geführt werden soll , die, wie allseitig anerkannt wird, das stärkste Rückgrat des deutschen Wirtschaftslebens überhaupt darstellt. Und es darf nicht verschwiegen werden, daß dieses Vorgehen das Vertrauen weitester Kreise zu einem Wiederaufbau der Privatwirtschaft in einem Ausmaße erschüttern muß, das nicht ohne schwerwiegende Folgen bleiben kann. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle darzulegen, welchen entscheidenen Anteil an dem Aufbau der gesamten deutschen Wirtschaft die privatwirtschaftlich geleiteten Banken in der Vergangenheit dank ihrer Unternehmer-Initiative gehabt haben. Heute stellt der Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft alle, die guten Willens sind, vor die schwersten Aufgaben und man sollte geade den privatwirtschaftlich geleiteten Kreditinstituten Gelegenheit geben, in dieser Notzweit aus eigener Kraft und Initiative mitzuarbeiten und ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Den allseists vorhandenen Arbeitswillen sollte man nicht beschneiden, sondern durch die private Initiative im vollen Umfange zur Entwickelung kommen lassen! Die Allgemeinheit wird kaum dafür Verständnis haben, daß die Privatbanken verschwinden und die öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute bestehen bleiben und es wird die Frage aufgeworfen werden, ob es dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit entspricht, den öffentlich-rechtlichen, unmittelbar der staatlichen Führung unterstellten Kreditinstituten mit ihrer Verflechtung zwischen Staat und Partei nunmehr eine bevorzugte Behandlung bei der Reorganisation des Bankwesens einzuräumen.
3) Neben den allgemeinen Gesichtspunkten, die es gerechtfertigt erscheinen lassen, die Privatbanken weiter arbeiten zu lassen, spricht hierfür auch eine ganze Reihe von Tatsachen, die den engeren Bezirk Ostthürigen betreffen. Die Wirtschaft dieses Bezirks hat sich niemals auf eigene Rohstoffe oder Reichtümer des Bodens stützen können. Sie verdankt ihre Existenz ausschließlich dem Fleiß und der Tüchtigkeit der Arbeiterschaft sowie der Einsatzfreude vonUnternehmern, die sich aus kleinsten Anfängen, aus dem Arbeiter- und Handwerks-Stand hervorgehend, emporgearbeitet haben und zwar mit Hilfe von Kreditinstituten, deren verantwortliche Leitungen auf Grund fachlicher Kenntnisse und individuellen Einfühlungsvermögens in der Lage waren, jeden einzelnen Fall seiner wirtschaftlichen Berechtigung nach selbständig zu burteilen und zu entscheiden, ob das der Bank aus vielen Quellen zufliessende Geld hier auch wirklich am Platze war und zum Nutzen der Allgemeinheit angelegt werden konnte. Diese Entwickelung geht zeitlich sehr weit zurück, auf sie stützt sich die Leistungsfähigkeit unendlich vieler Mittel- und Klein-Betriebe, deren Struktur typisch für Ostthüringen ist.
In jahrelanger, oftmals mühseliger Arbeit haben sich die Privatbanken durch Leistung und Pflege der persönlichen Beziehungen das Vertrauen ihrer Kundschaft erworben, welches das Fundament ihrer Existenz darstellt. Bei der Eigenart und der Empfindsamkeit des deutschen Wirtschaftslebens bedarf dieses Vertrauen des Kunden zu seiner Bank einer ständigen Förderung und Pflege. Es muß erworben und kann nicht einfach auf ein bisher fremdes Institut übertragen werden!
Das Land Thüringen ist kein in sich abgeschlossenes Wirtschaftsgebiet. Zur Pflege der wirtschaftlichen Beziehungen, insbesondere des Warenaustausches mit anderen Wirtschaftsgebieten hat die Unterstützung und Beratung durch die mit dem Wirtschaftsleben engstens vertrauten Leiter der Privatbanken sich als außerordentlich nützlich und fördernd erwiesen. Die Stärke der deutschen Großbanken liegt ja u.a. auch gerade darin, über größere Wirtschaftsgebiete den Geldzufluß den tatsächlichen Bedarfsträgern zuleiten zu können und so ausgleichend innerhalb der Gesamtwirtschaft zu wirken. Nur ein weit verzweigtes individuell und nach privatwirtschaftlichen Grundsätzen arbeitendes Bankwesen, welches auch in der Lage ist, aus anderen, etwas besser gestellten Teilen Deutschlands dem verarmten Thüringen durch geeignete Finanzierungsmaßnahmen neues Betriebskapital und Rohstoffe zuzuführen sowie den Absatz der Fertigprodukte nach auswärts zuu finanzieren, wird fähig sein, den Aufgaben der neuen Zeit gerecht zu werden.
Andererseits darf nicht verkannt werden, daß bei einer plötzlichen Abschneidung des Landes Thüringen von dem weitverzweigten Filialnetz die Mittel, die über die Zentralen der Großbankenn aus anderen Gebieten hierher geströmt sind, nunmehr nicht mehr dem Lande Thüringen zufließen. Zumal dürfte der Gesichtspunkt der Gerechtigkeit eine einseitige Verlagerung von Vermögenswerten zu Lasten eines bestimmten Kreises nicht zulassen.
4) Schliesslich ist mit allem Nachdruck darauf hinzuweisen, daß von der Schließung der vier unterzeichneten Geraer Kreditinstitute insgesamt rd. 130 Angestelllte betroffen werden. Hierbei handelt es sich größten Teiles um alte, erfahrene Beamte, die mit großer Fachkenntnis jahrzehntelang bei demselbsen Institut in treuester Pflichterfüllung gearbeitet haben. Dem Stamm alter bewährter Mitarbeiter verdanken die Banken in erster Linie ihre Leistungen und das Vertrauen ihrer Kundschaft. Es würde für die Betroffenen, zumal in Hinsicht auf den bevorstehenden schweren Winter, eine katastrophale Härte bedeuten, innerhalb kürzester Frist ihre Arbeitsplätze zu verlieren, vor allem wenn man berücksichtigt, daß ein großer Teil dieser Mitarbeiter für eine Umschulung auf andere Berufe bereits zu alt ist. Aus sozialen Erwägungen heraus muß diesem Gesichtspunkt unbedingt Rechnung getragen werden.
5) Die geltendgemachten Gesichtspunkte schließen keineswegs aus, daß es auch die privaten Banken begrüßen würden, wenn entsprechend dem Vorschlage der russischen Militärregierung ein staatliches Geldinstitut eingesetzt wird, welches die Tätigkeit der selbständig bleibenden Privatbanken überwacht und diese gegebenenfalls bei der schweren Aufgabe des Wiederaufbaues der Thüringer Wirtschaft und der Wiedergewinnung des Vertrauens von Gewerbebetrieben, Landwirtschaft und der Sparer-Kundschaft zur Wirtschaftsführung unterstützt.
Die Durchführung der geplanten Reorganisations-Maßnahmen in Thüringen erfordert, wenn sie rasch erfolgen sollen, unter allen Umständen eine vorherige Fühlungnahme der Filialbanken mit ihren Zentraldirektionen. Diese konnte bisher in Hinsicht auf die schwierigen Vekehrsverhältnisse und auch deshalb nicht erfolgen, weil nach der Schließung der Banken sich deren Leiter täglich zur Verfügung der russischen Kommandantur zu halten hatten.
Bei aller Bereitschaft, an der Reorganisation des Bankwesens in Thüringen mitzuarbeiten, sprechen die unterzeichneten Banken die Bitte aus, die Durchführung der geplanten Überleitung auf die Thüringische Landesbank solange aufzuschieben, bis eine einheitliche Regelung für das gesamte Reichsgebiet in allen Besatzungszonen entsprechend den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz vorliegt und die Zentraldirektionen der betreffenden Privatbanken Gelegenheit gehat haben, zu dem Gesamtproblem Stellung zu nehmen.

Allgemeine Deutsche Credit Anstalt Filiale Gera Unterschriften
Commerzbank Aktiengesellschaft Filiale Gera Unterschriften
Dresdner Bank Filiale Gera Unterschriften
Hallescher Bankverein Kommanditgesellschaft auf Aktien Filiale Gera Unterschriften

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten , Nr. 1637, Bl. 60r-64r (ms. Ausfertigung).

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