6. August.1945
Aus dem Protokoll der Sitzung des SPD-Landesvorstandes zur politischen Lage und zu Hermann Brills Berlin-Fahrt

Sozialdemokratische Partei Deutschlands [Bund demokratischer Sozialisten] 1 Bezirksverband 2 Thüringen – Weimar
P r o t o k o l l der Sitzung vom 6.8.1945 in Weimar.
Anwesend waren die Genossen:Dr. Hermann Brill - WeimarHeinrich Hoffmann - ErfurtOtto Steinbrück - ErfurtKarl Buchmann - ErfurtWalter Federbusch - JenaOtto Kästner AltenburgGustav Brack - WeimarIda Karthäuser - WeimarMarie Carnarius - WeimarAdolf Bremer - Weimar
Nicht anwesend:Kurt Böhme - Jena

Auf der Tagesordnung stand:
1. Die organisatorische Lage2. Bericht der Satzungs-Kommission3. Bericht der Kommission für volkswirtschaftliche und sozialpolitische Fragen4. Jugendfrage5. Bericht der Presse-Kommission6. Parteihaus7. Termin und Tagesordnung der nächsten Bezirkskonferenz8. Kreistage.
Gen. Brill eröffnete die Sitzung. Anschliessend gab er Bericht seiner Reise nach Berlin, wo er auch eine 2 1/2-stündige Sitzung mit dem Zentralvorstand der Partei hatte. An der Sitzung nahmen von Seiten des Zentralvorstandes die Genossen Grotewohl, Fechner, Gniffke und teilweise die Genossen Meyer und Dahrendorf teil. Es wurden organisatorische Fragen besprochen. Das Ergebnis wurde in einem Schreiben des Zentralausschusses zusammengefasst und dem Bezirksvorstand übermittelt. Der in Emigration gegangene alte PV hatte für die Arbeit in Nazi-Deutschland einen Ausschuss von 12 Personen eingesetzt, von dem jetzt nur noch die Genossen Fechner und Weimann leben. Alle Mitglieder des Zentralausschusses waren illegal tätig und haben alle entweder im KZ oder Zuchthaus gesessen. Es ist auch die Meinung des Zentralausschusses, dass die neue SPD nicht da beginnen darf, wo die alte SPD aufgehört hat. Der Zentralausschuss besteht aus einem Vorstand und Beirat. Unsere wichtigste Aufgabe ist neben der Frage des Sozialismus die Einheit der Arbeiterbewegung propagandistisch zu betreiben. Das ist für die Redner wichtig. Die baldige Abhaltung einer Parteikonferenz wurde gefordert, in der Vorschläge zur Vereinheitlichung der proletarischen Parteien kommen sollen. In dieser Frage muss ein gross angelegtes Referat gehalten werden, das dann propagandistisch entsprechend auszuwerten ist. Von Gen. Brill wurde die Verbindung zu Friedrich Adler und Paul Herz gefordert, die beide in New-York sind, und von denen der Zentralausschuss bisher noch keine Kenntnis hatte.
Von den Berliner Genossen wurde mitgeteilt, dass sie im Anschluss an eine Rundreise durch andere Bezirke am Donnerstag, den 9. d. M., in Weimar eintreffen wollen, wobei alles weitere zu besprechen wäre. Gen. Brill hat auch die „Freien Gewerkschaften“ besucht, und gab darüber kurzen Bericht. In Berlin sind die Verhältnisse noch sehr chaotisch. Von Seiten der Unternehmer sind noch keine Vertreter benannt Die Betriebseröffnungen hängen von der Initiative der Arbeiter ab. Ein Landesarbeitsamt besteht noch nicht. Bei der Stadtverwaltung Berlins ist nur ein Hauptamt für Sozialpolitik geschaffen, das auch erst im Entstehen begriffen ist. Gen. Brill führt weiter aus, dass nach den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz die zugelassenen Parteien zu erlauben sind, auch deren Presse. Die Erlaubnis muss von den militärischen Befehlsstellen der einzelnen Länder ausgesprochen werden. Über die Lage in Thüringen wurde im Anschluss an die Reichslage gesprochen. Es wurde ein Brief des Herrn Paul an Gen. Dr. Brill, sowie die Antwort des Gen. Brill darauf verlesen. 3 In einer weiteren Unterredung mit dem zuständigen Oberst des Militär-Gouverneurs für Thüringen wurde von diesem die Bezeichnung „Bund demokratischer Sozialisten“ verboten, sodass wir uns SPD nennen müssen. Das Buchenwalder Manifest ist als historisches Dokument zu behandeln. Grundlage für uns muss in der Öffentlichkeit der Aufruf des Zentralausschusses der „Sozialdemokratischen 4 Partei Deutschlands“ vom 17.6.1945 5 sein. Von Gen. Brill wurde in dieser Unterredung angeregt, dass nach der Erlaubnis unserer Presse eine Konferenz des Zensors mit den Schriftleitern abzuhalten ist, damit diese den Vorschriften entsprechen können. Für die Partei wurde eine Bezirkskonferenz für Sonnabend, den 11.8.1945 6 erlaubt. Vom Militär-Gouverneur sind die entsprechenden Anweisungen bereits an alle seine Dienststellen gegeben worden. Gen. Brill teilte weiter mit, dass er am Sonnabend, den 4. d. M. verhaftet wurde und 5 Stunden in Haft blieb. Nur einem günstigen Zufall war es zu verdanken, dass er freikam. Er wurde aber für Montag, den 6. d. M. erneut vorgeladen. Gen Brill hat Herrn Paul über die Sache brieflich unterrichtet und um entsprechenden Schutz ersucht. 7 Zu diesem Tagungsordnungspunkt referierte ausserdem Gen. Hoffmann. Er gab bekannt, dass von Seiten der Landesverwaltung ein Vertreter der Partei für den Prüfungsausschuss für Gesuche und Bewerbungen im Landespräsidium gewünscht wurde Dafür wurde Gen. Böhme bestimmt. Von Seiten der KPD ist auf unsere Bitte zu einer gemeinsamen Sitzung eine solche für Montag, den 6. d. M. vorgeschlagen worden, wofür von uns 6 Vertreter zu bestimmen sind. Da am Montag der Partei die Teilnahme an der Sitzung nicht möglich war, wurde der kommende Mittwoch oder Freitag als Sitzungstag vorgeschlagen. 8 Teilnehmen sollen von der Partei die Genossen, die auf dem gemeinsamen Plakat 9 benannt wurden, Gen. Hoffmann wünschte weiter entsprechende Ausweise des Zentralausschusses in der Form, wie sie dem Gen. Brill gegeben wurden, auch für sich und den Gen. Bremer. 10 Dem Vorschlag wurde zugestimmt. Ausserdem sollen alle Mitglieder des Vorstandes einen Ausweis erhalten, der von der russischen Militäradministration gestempelt werden soll. Ein gleicher Ausweis wird auch für die Ortsvorstände beantragt. Die Ortsvereine müssen sich schnellstens bei den zuständigen Stellen der öffentlichen Verwaltung registrieren lassen.
Im Anschluss an diese Berichte wurde beschlossen, die Ortsvereine sofort durch ein Rundschreiben über die wichtigsten Anordnungen zu unterrichten. 11 Für die Besprechung mit dem Genossen Grotewohl vom Zentralausschuss werden die Genossen Dr. Brill, Hoffmann, Bremer, Brack und die Genossin Carnarius bestimmt. Für die Bezirkskonferenz am 11.8.1945 wird beschlossen, dass diese bereits um 9 Uhr beginnen soll. Weiter wurde beschlossen, dass der vorgelegte Aufnahmebogen der Berliner Organisation auch in Thüringen Anwendung finden soll.
[…]

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Bezirksparteiarchiv der SED Erfurt, II/2-003, Bl. 7r-10r (ms. Ausfertigung mit hs. Korrekturen).

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