5. August 1945
Schreiben Hermann Brills an Rudolf Paul zur Verhaftung durch einen russischen Soldaten

Dr. Hermann L. BrillWeimar, den 5. August 1945. erhalten 6.8.45.

An denHerrn Präsidenten des Landes Thüringen, W e i m a r

Sehr geehrter Herr Präsident!
Gestern, Sonnabend, den 4. August 1945, nachmittags 17 Uhr 45 wurde ich durch einen russischen Soldaten in amerikanischer Uniform, der außer den sowjetischen Hoheitszeichen keinerlei Merkmale trug, verhaftet und nach dem Hause Kirschbachstr. 23 gebracht, wo man mich unter ständiger Bewachung zuerst in einem schmutzigen und stinkenden Schlafzimmer, dann in einer ebenso unsauberen Küche gefangen hielt. Am 6.8.1945 informierte Brill den SPD-Landesvorstand über diesen Vorgang und seinen Brief an Paul (Dok. 19 b). Nur dem Umstand, dass sich unter dem Personal ein ehem. Insasse des Konzentrationslagers Buchenwald befand, habe ich es zu verdanken, dass ich gegen 23.00 Uhr meine Freiheit wieder erlangte. Die einzige Frage, die in der ganzen Zeit an mich gestellt wurde, war: was ich in den 12 Jahren unter dem Faschismus gemacht hätte und ob ich Mitglied der NSDAP gewesen sei. „ob ich Mitglied der NSDAP gewesen sei“ hs. unterstrichen. Ich wurde mit dem Befehl entlassen, mich am Montag, den 6. August 20.00 Uhr erneut „6. August 20.00 Uhr erneut“ hs. unterstrichen. in der Kirschbachstr. 23 „Kirschbachstr. 23“ hs. unterstrichen. zu melden.
Bisher habe ich angenommen, dass die russischen Besatzungsbehörden einigermaßen darüber unterrichtet sind, worin mein Leben unter dem Faschismus bestanden hat. Da das offenbar nicht hinreichend der Fall ist, und ich den Anspruch erhebe, unter dem „Bolschewismus“ Hs. in Anführungszeichen gesetzt. nicht denselben Denunziationen und Willkürhandlungen ausgesetzt zu sein, wie unter dem Nazismus, bitte ich Sie, mir sofort einen Ausweis in deutscher und russischer Sprache „Ausweis in deutscher und russischer Sprache“ hs. unterstrichen. auszustellen, aus dem hervorgeht, wer ich bin und in dem die russischen Behörden gebeten werden, mir Schutz zu Teil werden zu lassen. Am Rand hs. hervorgehoben
Ich weiß, dass ich als besiegter Deutscher verpflichtet bin, mich am 6. August 20.00 Uhr erneut bei der „G.P.U.“ Hs. in Anführungszeichen gesetzt; GPU: Gosjudarstwennoje Polititscheskoje Uprawlenije / Staatliche politische Verwaltung; Bezeichnung der sowjetischen Geheimpolizei, die1922 aus der „Tscheka“ hervor- u. 1934 im Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKWD) aufging; im kollektiven Gedächtnis fungierte das Kürzel „GPU“ nach 1945 immer noch als Symbol für die sowjetische Geheimpolizei. zu melden. Ich bitte Sie, bei der zuständigen Stelle zu erwirken, dass dieser Befehl aufgehoben und den Herren in der Kirschbachstr. 23 „in der Kirschbachstr. 23“ hs. unterstrichen. untersagt wird, mich um diese Zeit erneut zu verhaften. Satz am Rand hs. hervorgehoben. Weiter bitte ich Sie, die russischen Behörden zu veranlassen, mir den Namen des Denunzianten bekannt zu geben, damit ich gegen den Lumpen gerichtlich vorgehen kann. Ich hoffe dabei, dass endlich der normale rechtsstaatliche Schutz der persönlichen Freiheit wieder hergestellt wird.
Schliesslich bitte ich Sie, bei Herrn Gardegeneraloberst Tschuikoff eine schriftliche Bestätigung meiner mündlich ausgesprochenen „Ernennung für die Selbstverwaltung in Berlin“ zu erlangen, die mit einem Schutzbefehl an die russischen Besatzungsbehörden versehen werden möchte.
Hochachtungsvoll
Brill

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 724, Bl. 1r, 1v (ms. Ausfertigung).