10. September 1945
Schreiben des Vorsitzenden des SPD-Landesverbandes Thüringen Hermann Brill an Landespräsident Rudolf Paul

Sozialdemokratische Partei Deutschlands
Weimar, den 10. September 1945
Bund demokratischer Sozialisten Ms. gestrichen.
Dr. Br/He.
Landesverband Thüringen
Weimar
[Eingangsstempel Präsidialkanzlei]
[11. Sept. 1945]

Sehr geehrter Herr Präsident!
Namens der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands – Landesverband Thüringen – erlaube ich mir, Ihre Aufmerksamkeit auf eine Personalfrage zu richten, die ein Eingreifen Ihrerseits wünschenswert macht.
Am 6. August d. J. In der Nacht vom 25. zum 26.7.1945. ist der seitens der amerikanischen Militärregierung Mitte April 1945 in Eisenach als Oberbürgermeister eingesetzte Herr Dr. Fresdorf Im Schreiben durchweg „Freesdorf“. verhaftet worden. Er soll sich z.Zt. als persönlicher Gefangener des Russischen Kommandanten im Landgerichtsgefängnis in Eisenach befinden.
Dr. Fresdorf ist Mitglied der SPD. Er war vor 1933 zweiter Bürgermeister von Köln. Nach 1933 hat er sich in wirtschaftlichen Stellungen betätigt.
Die russische Behörde macht ihm angeblich zum Vorwurf, er sei in der Nazi-Zeit Bürgermeister oder Richter gewesen. Die Vorwürfe werden auf ein Schreiben gestützt, indem er einmal in der Anrede als Bürgermeister a. D. und das andere Mal im Text als Jurist bezeichnet wird. Das Schreiben soll Mitteilungen einer Versicherungs-Gesellschaft an ihn enthalten. Wenn nur das gegen ihn vorliegt, so dürften sich die Auffassungen der russischen Behörde leicht als Irrtum nachweisen lassen. Seinen Angehörigen ist es bisher nicht möglich gewesen, irgendeine Verbindung mit ihm herzustellen. Die von mir wiedergegebenen Vorwürfe beruhen auf Mitteilungen eines Offiziers der russischen Kommandantur in Eisenach an die Sekretärin von Herrn Dr. Fresdorf, Frau Maurer, die sich noch in Eisenach aufhält.
Bitte haben Sie die Güte, Herrn Garde-Generalmajor Kolesnitschenko den Fall vorzutragen und ihn um seine Intervention zu bitten.
Hochachtungsvoll ergebenst!
Dr. Hermann L. Brill

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 658, Bl. 240r (ms. Ausfertigung).