10. August 1945
Anweisung des Landesamtes des Innern zur Organisation der Aufnahme aus den Ost- und Sudentengebieten Ausgewiesener

Weimar, 10. August 1945

A
In einer Besprechung, die am 3. August 1945 in Berlin stattgefunden hat Über diese Besprechung ist bislang nichts weiter bekannt. , ist festgestellt worden, daß voraussichtlich rund 12 Millionen Deutsche zunächst aus dem tschechischen und polnischen Okkupations-Gebiet ausgewiesen werden und in das der sowjet-russischen Administration unterstehende Gebiet umzusiedeln sind. Nach einem von dieser Kommission errechneten Schlüssel wird das Land Thüringen 1.205.500 Personen aufzunehmen haben; es muß jedoch mit weiteren Zuteilungen gerechnet werden. Bei einer Unterverteilung eines ersten Abschnitts von 200.000 aus diesem Flüchtlingsstrom auf die thüringischen Land- und Stadtkreise entfallen auf den dortigen Land-/Stadtkreis nach einem sorgfältig durchdachten Maßstab ... Köpfe.
Wir sind uns der ungeheuren Schwere der Aufgabe, diese vertriebenen Deutschen unterzubringen, zu verpflegen und zu betreuen, voll bewußt. Wir erkennen durchaus, daß die Aufnahme- und Leistungsfähigkeit der Kreise und die Arbeit, die für die Verwaltung aller Art damit verknüpft ist, bis zum äußersten angespannt werden müssen und daß, falls nicht für ein großes Ausmaß von Lebensmitteln, von Unterkunftsmaterial, von gesundheitlichem und sozialem Einsatz gesorgt werden kann, die Gesamtlage sehr ernst wird. Die fast unmögliche Aufgabe muß trotz allem gelöst werden.
B
Die Flüchtlinge werden meist mit der Bahn, seltener im Fußmarsch ankommen. Es soll versucht werden, nur dann die für die Umsiedlung in Thüringen vorgesehenen etwa 10 v. H. vom gesamten Flüchtlingsstrom hier unterzubringen, wenn die anderen zur Aufnahme in Frage kommenden Gebiete gleichzeitig und gleichmäßig mit belastet werden. Da sich aber nicht voraussehen läßt, wann diese Transporte kommen, woher, in welchem Umfang und da offenbar – mindestens zunächst – keine Stelle einheitlich von der deutschen Grenze her alle Transporte lenkt, muß alles vorbereitet werden, um für alle Möglichkeiten gerüstet zu sein.
Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die Transporte aus dem Raume des Landes Sachsen kommen werden. Deshalb müssen besonders die Land- und Stadtkreise Altenburg, Greiz und Gera sowie die Landkreise Schleiz und Saalfeld alle Maßnahmen, den Flüchtlingsstrom, wenn nötig vorübergehend, zu beherbergen, ergreifen. Der Herr Landespräsident hat den Herren Polizeipräsident von Gera beauftragt, solche Vorbereitungen für die ersten Aufgaben in eigener Zuständigkeit zu treffen. Der Herr Polizeipräsident hat bereits mit den genannten Kreisen Fühlung genommen und wird das laufend tun.
C
Einzelnes:
1. Rechtzeitige Meldungen
a) Vertreter des Landes Sachsen, die die Flüchtlingsfragen für Westsachsen bearbeiten, haben sich bei einer Besprechung im Landesamt des Innern am 8. Aug. 1945 bereit erklärt, möglichst 24 Stunden vor dem Grenzübertritt nach Thüringen alle Flüchtlingsströme an das Landesamt des Innern und den Herrn Polizeipräsidenten von Gera zu melden. Die Meldungen sollen umfasssen: Zahl und Transportform, Gesundheitszustand (Untersuchung), Verpflegungszustand, möglichst Einsatzfähigkeit, Angabe, woher die Flüchtlinge kommen, Name des Transportführers, wenn möglich die Waggonzahl und Zug (Transport) nummer.
b) Das Eintreffen der Flüchtlingsströme in der ersten thüringischen Gemeinde muß – am besten und schnellstens unter Benutzung des Dienstfernsprechers der Reichsbahn zum Reichsbahnhof Weimar – an das Thür. Landesamt des Innern und auf dem gleichen oder sonst ebenso schnellen Weg dem Herrn Polizeipräsidenten in Gera gemeldet werden. Dabei müssen wiederum die Angaben wie 1 a am Ende gemacht werden.
c) Sobald das Eintreffen von Transporten in der ersten thüringischen Gemeinde gemeldet worden ist, werden die Land- und Stadtkreise, in denen die Transporte endgültig untergebracht werden müssen, sofort fernmündlich durch das Thür. Landesamt des Innern benachrichtigt.
Der Herr Landrat – Oberbürgermeister – wird sich unverzüglich darüber klar werden müssen, wohin im einzelnen der Transport aufgeteilt werden wird.
In der Zwischenzeit läuft der Transport in der Richtung des Land-/Stadtkreises nach einem Fahrplan, den die Reichsbahndirektion Erfurt indessen festgelegt hat, ab. Aus einer Zwischenstation (Weimart, Erfurt oder ähnlich) wird dann die Reichsbahndienststelle mitteilen, wann mit dem Eintreffen des Transportzugs im Zielland- oder Stadtkreis zu rechnen ist und wird für den Landkreis um Mitteilung der einzelnen Ausladebahnhöfe bitten.
2. Leitung der Flüchtlingszüge:
Straßentrecks sollen möglichst geleitet werden auf die Straßen:
Oelsnitz Im Text „Ölsnitz“. TannaPlauenSchleizReichenbachGreizPenigAltenburgWerdauRonneburg
Eisenbahntransporte sollen möglichst geleitet werden auf den Linien:
Plauen – Greiz – GeraChemnitz – Gößnitz – Gera.3. Es ist notwendig, die in den Transporten zusammengefaßten Menschen bis zu ihrem Bestimmungsort oder Ausladebahnhof streng zusammenzuhalten, um ein unnötiges Berühren mit der Bevölkerung, ein Verlassen des Zuges und eigenmächtiges Umquartieren oder ähnliches zu verhindern. Bewegungen auf den Landstraßen müssen von der Polizei geleitet werden. Sie müssen von der Polizei möglichst auf vorbereitete Hauptdurchzugsstraßen gedrückt werden. Notunterkünfte sind bereitzustellen.
4. Verpflegung ist vorzubereiten und möglichst im Zug mitzugeben. Trotzdem sind auch geeignete Bahnhöfe als Verpflegungsstationen einzurichten. Diese Maßnehmen sind grundsätzlich von den Roten-Kreuz-Stellen zu treffen. Wenn auch das Rote Kreuz alle helfenden Kräfte zusammenfaßt und die Flüchtlingsbewegung federführend bearbeitet, und wenn auch bei den Kreisstellen des Roten Kreuzes Flüchtlingsausschüsse zu bilden sind, so wird es daneben doch auch auf die Tatkraft und Umsicht des Herrn Landrats und Oberbürgermeisters ankommen.
5. Einrichtung der ärztlichen Betreuung während des Durchzugs ist ebenfalls Sache des Roten Kreuzes. Es handelt sich dabei um Behandlung der Kranken im Zuge, nötigenfalls Einweisung in ein Krankenhaus, Isolierung der Transporte gegenüber der Zivilbevölkerung, allgemeine Untersuchungen (spätestens bei endgültiger Auflösung der Transporte, bei Straßentransporten möglichst im ersten Quartier).
Im übrigen siehe vorhergehende Nummer am Schluß.
6. Einzelwanderer und kleine Trupps auf Landstraßen und in Eisenbahnen können, soweit sie ein bestimmtes Ziel haben, dieses ohne besonderes Eingreifen aufsuchen. Andernfalls sollen sie möglichst in Auffangstellen zu größeren Trupps vereinigt werden.
7. Sofern es sich bei den Transporten um eine vorläufige Unterbringung oder um eine Durchschleusung durch Thüringen handelt, wird das ausdrücklich mitgeteilt werden. In die englische oder amerikanische Besatzungszone können z. Zt. keine durch Thüringen durchlaufenden Flüchtlingszüge abgeschoben werden.
8. Der Herr Landespräsident hat an maßgebender Stelle gebeten, daß die noch in Thüringen aus dem deutschen Westen Evakuierten in ihr Heimatgebiet zurückgeführt werden.
D
Über die Deckung der entstehenden Kosten (siehe auch IV des Runderlasses des Herrn Landespräsidenten vom 2.8.45) ergeht später nähere Anordnung.
E
Es erscheint notwendig, die Flüchtlinge in jedem Unterbringungsort mit durchnummerierten Ausweisen durch den Bürgermeister zu versehen. Er wird sich dabei zweckmäßig der Hilfe der Obmänner, die aus den Flüchtlingen gesucht werden müssen, bedienen. Nähere Weisungen darüber werden in Kürze erfolgen.
F
Die Erfassung der sich bereits in den Gemeinden der Landkreise und in den Stadtkreisen befindlichen Ostflüchtlinge, namentlich der einzelnen Flüchtlinge, ist ebenfalls dringend erforderlich. Die Vorbereitungsmaßnahmen dazu können bereits jetzt getroffen werden. Auch darüber wird in Kürze eine Anweisung erfolgen.

Quelle: Wille: Die Vertriebenen (1996/D), Bd. 1, S. 116-118 (Abdruck).