17. August 1945
Niederschrift des Landespräsidenten über die Besprechung des Präsidiums mit dem SMATh-Chef Wassili I. Tschuikow und dem SMATh-Verwaltungschef Iwan S. Kolesnitschenko zu Wirtschaftsfragen

B e s p r e c h u n g am 17. August 1945
anwesend seitens der Sowjet – Militär – AdministrationGeneraloberst TschuikowGarde-Generalmajor Kolesnitschenkound etwa 20 Stabsoffiziere
seitens der LandesverwaltungDr. Paul,die Herren Busse, Dr. Kolter, Dr. Appellund als Dolmetscher Herr Georg Schneider.

1. Landwirtschaft.
Generaloberst Tschuikow fragt nach dem Stand der Erntearbeit und was geschehen kann, um das auf den Feldern stehende Getreide vor der Vernichtung zu bewahren. Er glaubt, daß man durch Aufbauen von größeren Feimen Getreideschober. helfen kann. Ich weise darauf hin, daß wir völlig vom Wetter abhängig sind und daß jeder versucht, das Getreide an sonnigen Tagen vollständig einzufahren und dieses unmöglich ist. Beim Aufstapeln des Getreides auf größere Haufen ist bei der Nässe des Strohes mit baldigem Verfaulen zu rechnen.
Generaloberst Tschuikow wünscht Anweisung an die Landräte, daß beim Eintritt besseren Wetters unter Hochdruck alles geschieht, um die Ernte hereinzubringen.
Generaloberst Tschuikow wünscht eine Aufstellung darüber, welche Getreide- und Kartoffelmengen für die Zivilbevölkerung bei den jetzigen Ernährungssätzen nötig sind. Er weist darauf hin, daß Reserven gebildet werden müssen, die nur mit Erlaubnis der Militär-Administration anzugreifen sind.
Ich weise darauf hin, daß eine solche Aufstellung deswegen auf Schwierigkeiten stößt, weil zur Zeit vom Osten her, insbesondere aus Sachsen, hunderttausende von Evakuierten nach Thüringen zum Abschub kommen.
Aufgrund eines in Berlin aufgestellten Schlüssels soll Thüringen 1,2 Millionen erhalten. Garde-Generalmajor Kolesnitschenko erklärt, dass es unmöglich sei, weil insgesamt nach Mitteldeutschland nur 1,2 Millionen zum Abschub kämen. Am 31.8.1945 hatte Thüringen 328.950 „Ostumsiedler“ und 277.778 „Westevakuierte“ (insg. 615.843 „Evakuierte“) bei einer Gesamtbevölkerung von 2.776.773 (nach der Volkszählung vom 1.12.1945); nach der Volks- und Berufszählung vom 29.10.1946 hatte Thüringen insgesamt 706.514 „Umsiedler und Evakuierte“ = 24,1 % der Thüringer Gesamtbevölkerung (2.925.790 Personen) – Angaben nach: Die Volkszählung (1946/B), S. 10; Kaltenborn: Die Lösung (1989/F), Anlage 3 u. 4.
Die Sowjet-Militär-Administration weist darauf hin, dass im Lande noch offensichtlich viel zu viele Menschen herumlaufen, die keiner Beschäftigung nachgehen. Es muss ein viel gemeinsameres Zusammenarbeiten zwischen Kartenabgabe und Nachweis der Arbeit eintreten. Ich soll die Bürgermeister und sonstigen Amtsstellen persönlich haftbar für die Durchführung machen.
Garde-Generalmajor Kolesnitschenko will wissen, was geschehen kann, um im kommenden Jahr die Ernte wenn irgend möglich zu steigern. Ich weise darauf hin, dass erste Voraussetzung dafür ist, dass die Landwirtschaft mit gutem Saatgut versorgt wird. Infolge des Krieges ist wenig neues Saatgut nach Thüringen von aussen hereingekommen. Es ist infolgedessen dringend geboten, die beschlagnahmten Saatgüter zu räumen, um wenigstens aus diesen Saatgütern einwandfreie Aussaat für die thüringische Landwirtschaft zu sichern.
Herr Garde-Generaloberst Tschuikow ordnet in meiner Gegenwart die Freigabe der Saatgüter an.
Auf die Frage, ob für das nächste Jahr genügend Kleesamen gesichert sei, weise ich darauf hin, dass Thüringen in früheren Jahren viel Kleesamen eingeführt habe. Da mit einer solchen Einfuhr für das nächste Jahre nicht zu rechnen ist, werde ich anordnen, dass die Bauern gehalten werden, kleine ausreichende Teile ihrer Kleefelder zum Samengewinn stehenzulassen.
Generaloberst Tschuikow möchte wissen, ob eine Möglichkeit besteht, den Ölfruchtanbau für Thüringen zu vergrössern. Ich weise demgegenüber darauf hin, dass der Ölfruchtanbau in den meisten Gegenden Thüringens wenig wirtschaftlich ist und dass vor allem bei einem erfolgten Anbau das zur Bekämpfung des Glanzkäfers nötige Pulver beschafft werden muss, das meines Wissens im Rheinland (Leverkusen) bezw. Berlin (Sche[e]ringkonzern) erzeugt wird.
Generaloberst Tschuikow weist darauf hin, dass in Thüringen noch verhältnismässig viel Land unbebaut liege. Demgegenüber erkläre ich, dass an sich grundsätzlich im Lande jeder Fleck Erde nahezu restlos ausgenutzt wird, dass aber selbstverständlich in diesem Jahre durch das Darüberhinweggehen des Krieges dieser oder jener Plan nicht bestellt worden ist. Ich erbitte vor allem, nicht mehr benötigte Exerzier- und Flugplätze für die Landwirtschaft freizugeben. Er wird das verfügen. Unsererseits soll gleichfalls alles unternommen werden, um das Land bis zum letzten auszunutzen.

Eisenbahnen.
Generalmajor Kolesnitschenko erklärt, dass das von der Sowjetarmee besetzte Gebiet Deutschlands in 8 Eisenbahndirektionen zerfällt, und dass in den nächsten Tagen die Eisenbahndirektion Erfurt in ziviler Selbstverwaltung arbeiten kann. Die Waggons der 8 Direktionen sollen verschieden gekennzeichnet werden, damit ein Ansammeln der Waggons der einen Direktion im Bezirk der anderen vermieden wird. Es soll auch eine erkennbare Beschriftung der Waggons erfolgen. Die Eisenbahn soll gehalten werden, die Düngemittelabfuhr zu steigern und zu organisieren.

Ruhrkohle. Generaloberst Tschuikow wies gegenüber meinem wiederholten Vorbringen, dass die thüringische Industrie, so vor allem die Max-Hütte, in der das Thomasmehl für Thüringen gewonnen wird, nicht völlig ohne Ruhrkohle arbeiten könne, darauf hin, dass seitens des Landes eine Aufstellung gemacht werden müsse unter dem Gesichtspunkt des unbedingt nötigen Bedarfs.

Viehzucht. Die Sowjet-Militär-Administration will die Viehzuchtbestände in Thüringen erhalten sehen. Dabei soll das Land darauf bedacht sein, seinen Viehnachwuchs in erster Linie aus dem Lande zu ziehen, da mit Import nicht oder nur in geringem Umfange gerechnet werden kann. Gesteigerter Wert soll wieder auf die Aufzucht von Kleinvieh, Geflügel, Kaninchen usw. gelegt werden. Der Veterinärorganisation zur Überwachung des Viehs zur Bekämpfung der Seuchen usw. soll laufend Beachtung geschenkt werden.

Landwirtschaftliche Maschinen.
Es ist darauf bedacht zu sein, dass deren Pflege genügend Aufmerksamkeit geschenkt wird und die Reparaturwerkstätten für diese Maschinen baldmöglichst anlaufen, soweit es noch nicht geschehen sein sollte.

Forstwirtschaft.
Der Wald soll pfleglich behandelt werden. Es wird empfohlen, dass die Forstämter sich mit den Kreiskommandanturen in Verbindung setzen, damit sie bei dem Bedarf von Holz für die Rote Armee den Abschlag richtig lenken, so daß nur dort Holz zum Abschlag und zur Abfuhr kommt, wo es sich mit den Beständen des Waldes verträgt. Die Forstämter sollen gehalten werden, darauf zu achten, dass auch in der Nutzung des Holzes wirtschaftlich verfahren wird. Es ist verboten, Bauholz oder Grubenholz zu verfeuern.
Ich weise darauf hin, dass diese Bestimmungen den Bauern in Thüringen vertraut sind, und dass der Wald für den Bauer die sogenannte Sparkasse ist.

Industrie.
Es soll dafür gesorgt werden, dass die Industrie anläuft und im Anlaufen gehalten wird. Ich weise darauf hin, dass ich unter dem heutigen bei der Militär-Administration eine umfassende Eingabe betreffs des Kohlebedarfs der Industrie gemacht habe, und dass ein Ankurbeln der Industrie und deren Durchhalten bedingt ist von ausreichender Zufuhr an Kohle. Eine Steigerung der jetzigen Produktion ist aber bedingt durch zusätzliche Arbeiterzuführung. Benötigt werden für das sächsisch-thüringische Braunkohlengebiet 8 000 Arbeiter und die Zurverfügungstellung von rd. 1200 Waggons. Generaloberst Tschuikow und Generalmajor Kolesnitschenko sagen bezüglich der Waggongestellung Unterstützung zu.Bei den Industriellen soll darauf geachtet werden, dass diese sich nicht indirekt geschweige denn direkt der Ankurbelung widersetzen. Den Arbeitern gegenüber vertritt Generaloberst Tschuikow den Standpunkt, dass diese in den früheren Jahren Hitler durch ihre ausserordentliche Arbeit in den Betrieben unterstützt haben und dass, wenn sie nicht so gearbeitet hätten, niemals Hitler gewesen wäre. Er bringt zum Ausdruck, dass, wer nicht arbeitet, als Saboteur zu bestrafen ist.

Elektrizität.
Die Besprechung drehte sich um die ausserordentlich gespannte Lage bezüglich der Energieversorgung. Die Sowjet-Militär-Administration meint, dass im Sektor der Privatentnahme von Energie eine Einsparung erfolgen muss. Die Militär-Administration wünscht bis 10. 9. einen Bericht, der einen Betriebsplan der Industrie bis Ende des Jahres 1945 zeigen soll. Die Unternehmer sollen auf den Produktionsplan festgelegt werden. Es wurde auf Befehl Nr. 9 SMAD-Befehl Nr. 9 v. 21.7.1945 (Wiederingangbringung lebenswichtiger Industriebetriebe) verwiesen.
Bezüglich des Handels wurde erinnert an die Meldung vom 25. 8.:
wieviel Fertigprodukte sind auf Lager,
werden nicht übermässig viel Produkte an Lager gehalten,
werden sie evtl. sogar absichtlich zurückgehalten?
Für jeden 25. des Monats wünscht die Militär-Administration einen Bericht über die Versorgung (gemeint offensichtlich Lebensmittel) für den nächsten Monat. Zum 20. jeden Monats wird Einreichung eines Plans der Versorgung verlangt:
was ist wirklich da,
wie sieht die Versorgung in den Städten aus
wie ist sie sichergestellt?
Dringend gewarnt wird vor jeder Preiserhöhung. Die Militär-Administration meint, dass ich mich zu diesem Punkt in der Öffentlichkeit einmal äussern muss.
Raiffeisen und Konsumvereine sollen besonders unterstützt werden. Desgleichen die kleineren und Handwerksbetriebe.

Transport.
In Thüringen sollen 620 Lokomotiven reparaturbedürftig sein. Nach Ansicht der Militär-Administration laufen die Werkstätten der Eisenbahndirektionen nicht genügend an. Die Zahl der reparierten Lokomotiven und Waggons soll ungenügend sein.
Ich erkläre, dass ich mich dieserhalb mit der Reichsbahndirektion Erfurt ins Benehmen setzen werde.

Autoverkehr.
Die Militär-Administration bemängelt, dass die zerstörte Autobahnbrücke bei Jena bisher noch nicht in Angriff genommen worden ist. Generaloberst Tschuikow meint, dass es mit Holz in kürzester Zeit gemacht werden könne.
Der Autoverkehr ist neu zu registrieren, getrennt nach Motorrädern, Personen- und Lastkraftwagen. Vor allem soll darauf geachtet werden, dass Maschinen mit Gasgeneratoren in Benutzung bleiben bezw. in Benutzung gebracht werden.

Holzindustrie.
Die Militär-Regierung wünscht, daß ab 1. September alle im Thüringer Gebiet befindlichen Schächte arbeiten und sie wünscht am 1.9. einen Versorgungsplan für die Holzindustrie.
Sie wünscht des Weiteren laufend Bericht und zwar jeden Montag:
wieviel Schächte arbeiten
welches ist die Produktion der Schächte.
Dabei sollen sowohl Unternehmer als auch Arbeiter darauf hingewiesen werden, daß die Produktion aufs Höchste zu steigern und in ihrer Höhe unbedingt zu halten ist.

Finanzen.
Die Militär-Administration erwartet bis zum 20. August das Budget des Landes. Bezüglich der Ausgaben muß eine generelle Kürzung der gesamten Verwaltung wie überhaupt des Landes durchgeführt werden. Eine Reichsbank gibt es vorerst nicht. Der Notendruck ist nach Ansicht der Militär-Regierung zurzeit kein Problem. Anstelle der Reichsbank tritt die Landesbank. Sie muß an sich alle Steuern, Zölle, wie überhaupt alle Einnahmen sichern, die bisher der Reichsbank und Reichsbehörde zuflossen. Genehmigt ist der von mir eingereichte Plan, durch Einführung einer Landeshypothek die Landesbank Thüringen zu festigen.
In Potsdam ist eine Zentralbank für das gesamte sowjetisch besetzte Gebiet Deutschlands errichtet worden. Dort ist, soweit ich aus den Ausführungen entnehmen konnte (versierter Dolmetscher war nicht anwesend) eine Girozentrale bezüglich des bargeldlosen Verkehrs der Länder und Provinzen im sowjetisch besetzten Gebiet Deutschlands eingerichtet worden.
Besonderen Wert legt die Sowjet-Militär-Administration darauf, daß der Öffentlichkeit bekannt gemacht wird, daß das Bankgeheimnis nach wie vor bleibt.

Versicherung.
Alle bisherigen Pflichtversicherungen sollen bleiben. Das gilt vor allen Dingen auch bezüglich aller Sozialversicherungen. Des weiteren muß erhalten bleiben die Gebäudeversicherung.
Die Pensionäre sollen sich einer ärztlichen Untersuchung bezüglich ihrer Arbeitsfähigkeit unterziehen. Wer arbeitsfähig ist, muß im Rahmen seines Könnens bei der Notlage des Landes zur Arbeit eingesetzt werden. Den Umfang seiner Einsatzmöglichkeit bestimmt die ärztliche Untersuchung.
Pensionen werden nicht gezahlt an ehemalige Parteimitglieder und solche, die sich aktivistisch für den Nazismus eingesetzt haben.
Die Versicherungssätze sollen in ihrer bisherigen Höhe bleiben.
Es ist dem Lande überlassen, die Steuern, direkte oder indirekte, zu erhöhen. Bei indirekten wird Vorsicht gebeten. Es können auch neue Steuern eingeführt werden. Aufmerksamkeit ist dem Aufbau zu liefern. Der Aufbau ist zu finanzieren und zwar vom Lande aus.
Ich soll am 1.9. der Militär-Administration einen Vortrag halten über die Steuern, ihre verschiedenen Arten, ihre Erhöhungsmöglichkeiten, den Steuerapparat und die Maßnahmen, die bezüglich der Finanzierung des Aufbaues, Ausgabenkürzung usw. eingeleitet sind.
[Paul] Ohne Name und Unterschrift.

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 459, Bl. 64r-71r (ms. Ausfertigung).