20. August 1945
Schreiben Max Kolters an Rudolf Paul


Weimar, den 20. August 1945
Thüringisches Landesamtfür Land- und Forstwirtschaft Abt. E-Forstwirtschaft

Hierzu: 6 Anlagen.


An denHerrn Präsidenten des Landes ThüringenW e i m a r


Auf Grund der Verordnung über die Reinigung der öffentlichen Verwaltung von Nazielementen vom 23. Juli 1945 müssen gemäss § 2
a) im alten Land Thüringen von 76 Forstmeistern 16 entlassen werden.
z. Zt. sind weitere Verluste an Revierverwaltern eingetreten
durch Pensionierung - 1
„ freiwilliges Ausscheiden - 1
„ Kriegsgefangenschaft, vermisst - 12
„ Tod - 2
„ Inhaftnahme, Verschleppung - 5
„ Beurlaubung - 2
Sa. 23 Hs. Randnotiz „51,3 %“.
Es fehlen also z.Zt. 39 Forstverwaltungsbeamte

b) im ehemaligen Reg. Forstamt Erfurt
fehlen von 13 Revierverwaltern 7 Forstmeister
Davon ist
1 - Alter Kämpfer
1 - gefallen
3 - in Gefangenschaft
1 - krank
1 - verstorben Hs. Randnotiz „53,8 %“.

c) aus dem Nachstehenden ist der Verlust bei den übrigen Forstbeamtenklassen vom alten Land Thüringen und ehem. Reg. Forstamt Erfurt zu ersehen.
Als „Alte Kämpfer“ scheiden aus:
von 5 Assessoren - 1
„ 7 Oberförstern - 4
„ 313 Revierförstern - 46
„ 73 Forstwarten - 29
„ 4 Waldhütern - 4
„ 190 Büroangestellten - 32 Hs. Randnotiz „19,6 %“.

Dazu kommen noch die nicht unerheblichen Verluste an Beamten und Angestellten dieser Klassen, welche sich noch in Kriegsgefangenschaft, Haft usw. befinden.
Auch bei der Durchführung der Bestimmungen gem. §§ 3 und 4 der Verordnungen über die Reinigung der öffentlichen Verwaltung von Nazielementen vom 23. 7. 1945 wird noch eine weitere Anzahl von Forstbeamten aller Klassen und Angestellten ausfallen.
Bei einem derart grossen Ausfall an Forstbeamten aller Dienstgrade und Angestellten ist ein geregelter Forstbetrieb nicht mehr aufrecht zu erhalten.
Es hat sich zwar eine grössere Anzahl von Forstbeamten aus von Bewerbern um Bürostellen gemeldet (Flüchtlinge), die z.T. auch eingestellt werden könnten. Den meisten fehlen aber die Papiere, sodass eine Nachprüfung auf Grund der Richtlinien über die Reinigung der Verwaltung von Nazielementen nicht möglich ist. Weiter sind diese Leute mit den thür. forstlichen Verhältnissen nicht vertraut, ein Mangel, der gerade heute höchst erschwerend wirkt, da weder die örtliche Leitung der Forstämter noch die Dienstaufsicht seitens der Zentrale mit der an sich notwendigen Straffheit durchgeführt werden können. Auch die Beantwortung der ständig erfolgenden, eilig zu bearbeitenden Anfragen der Besatzungskommandanten kann nur durch eingearbeitete, örtlich erfahrene Kräfte erfolgen. Schliesslich sind auch diese mit den Verhältnissen vertrauten Beamten für die Ausübung eines wirksamen Forstschutzes und die Durchführung notwendiger Sofortmassnahmen unentbehrlich. Ein plötzliches Herausreissen einer grösseren Anzahl solcher eingearbeiteter Beamten und Angestellten muss zwangsläufig, neben einer weiteren Erschwerung des Dienstbetriebes, zu erheblichen finanziellen Verlusten des Landes führen.
Grosse Unruhe und Störung in dem Betrieb der Landesforstverwaltung bringen weiter die Verhaftungen von Forstbeamten aller Dienstgrade mit sich. Soweit diese Verhaftungen nicht durch die ehemalige Stellung dieser Personen in der NSDAP bedingt sind, scheinen sie grossenteils auf Denunziationen von Personen zurückzuführen zu sein, gegen die jene Beamten in Ausübung ihres Dienstes pflichtgemäss einmal einschreiten oder Anzeige erstatten mussten. Diese Personen – Wild- und Holzdiebe – glauben, sich jetzt auf diese Weise an den Beamten rächen zu können.
Erheblich erschwerend für den Dienstbetrieb der Forstämter wirkt ferner die in mehreren Fällen erfolgte Beschlagnahme der Kraftfahrzeuge der Forstbeamten; umso mehr, als die meisten Beamten heute mehrere Bezirke zu betreuen haben und die für eine auch nur flüchtige Begehung dieser Reviere zurückzulegende Wegstrecke zu Fuss gar nicht bewältigen können. Ungenügender Forstschutz, Vermehrung der Holzdiebstähle und dadurch erhöhteVerluste des Landes sind die notwendigen Folgen dieser Mängel. In einigen Fällen entstanden durch Waldbrände dadurch grössere Schäden, dass die zuständigen Forstbeamten nicht schnell genug zu den Brandorten kommen konnten, weil ihnen ihre Kraftfahrzeuge nicht zur Verfügung standen. Es ist dringend erforderlich, dass die Besatzungskommandanten der einzelnen Landkriese von der Sowjet-Militär-Administration des Landes schnellstens angewiesen werden, die Kraftfahrzeuge der Forstbeamten nicht zu beschlagnahmen und beschlagnahmte sofort zurückzugeben.
Schliesslich bedarf die Frage des Tragens der Forstuniformen einer einheitlichen Regelung. Die Forstbeamten waren bisher bei Ausübung ihres Dienstes zum Tragen einer vorgeschriebenen Uniform verpflichtet. Sie besitzen darum keine zivilen, für den Dienst geeignete Kleidungsstücke. In einigen Kreisen haben nun die Kommandanten der Besatzungstruppe das Tragen der Forstuniformen verboten. Es wäre dringend erwünscht, dass den Forstbeamten das Tragen ihrer Dienstkleidung allgemein erlaubt wird, nötigenfalls nach Entfernung der Rangabzeichen und unter Benutzung des vorgeschriebenen Forsthutes ohne Hoheitsabzeichen.
Dr. Kolter (Dr. Kolter)Vizepräsident und Landesdirektor

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten , Nr. 1449, Bl. 140r-141r (ms. Ausfertigung).