[8. September 1945]
Bericht des Sonderbeauftragten für Interzonenverkehr Herbert Biedermann über seine Bayern-Fahrt vom 27. August bis 5. September 1945


Gera, den 8. September 1945
B e r i c h t über die Sonderfahrt nach Bayern Herbert Biedermann (parteilos) war vom 15.8.1945 bis 11.6.1946 Sonderbeauftragter des Landespräsidenten für Interzonenverkehr (seit November im Wirtschaftsstab), danach Landesdirektor des Landesamtes für Handel und Versorgung; zum weiteren Verlauf der Wirtschaftsverhandlungen mit Bayern vgl. Dok. …. vom 27. 8. - 5. 9. 45

Allgemeines
Beim Grenzübertritt auf russischer Seite wurden die in Weimar ausgestellten Ausweise anerkannt, mußten jedoch von einem bestimmten Grenzoffizier (z.Zt. in Gefäll) bestätigt werden. Unsere Ermittlungen wurden von russischen Offizieren unterstützt. Der vom amerikanischen Hauptquartier in Berlin gegebene Grenzübertrittsschein fand zunächst keine Anerkennung, da die Unterschrift dem amerikanischen Grenzposten unbekannt war. Nach der daraufhin erfolgten Rückfahrt in russisch besetztes Gebiet konnte nach Einschaltung eines russischen Offiziers der Übertritt an einer Stelle in der Nähe von Hof erfolgen. Der Grenzübertritt dauerte insgesamt 10 Stunden. In Hof wurden nach verschiedenen Verhandlungen im amerikanischen Militärkommando Passierscheine und Zulassung für den PKW beschafft. Dauer der Besprechung 8 Stunden. Seit dem 1. September gilt im amerikanisch besetzten Gebiet nur noch die sogen. Kennkarte mit Fingerabdruck als Ausweis (hierzu polizeiliche Anmeldung in einem Wohnort notwendig). Besonders schwierig ist die Zulassung des Kraftwagens. Den Seltenheitswert dieser Zulassung kennzeichnet die Tatsache, daß die "Registered Vehicle" mit RM 10.000 gehandelt werden. Die Rückfahrt erfolgte an der gleichen Grenzstelle und wurde durch die schriftliche Unterlage eines in amerikanischen Diensten stehenden sowjetrussischen Verbindungsoffiziers unterstützt (offiziell nicht bekannt). Ein derartiger Grenzübertritt ist zum großen Teil von dem Dolmetscher und dem persönlichen Kontakt zu den Grenzbeamten abhängig. Voraussetzung sind gute russische Papiere und eine Bescheinigung vom amerikanischen Hauptquartier in Berlin (Zehlendorf, Osteweg 2, ehemals Telefunken).
Die sehr eingehenden Verhandlungen mit den verschiedensten amerikanischen Dienststellen in Hof, Nürnberg und München haben eindeutig ergeben, daß von keiner amerikanischen Dienststelle in Bayern ein Grenzübertrittsschein ausgefüllt wird, und zwar weder in das englisch noch russisch besetzte Gebiet. Unter Hinweis auf die strengen Befehle, jeden Überläufer zu erschießen, wurde uns empfohlen, durch persönliche Verhandlungen mit dem letzten amerikanischen Grenzoffizier die Rückreise nach Thüringen zu versuchen. Ein offizieller Grenzübertritt mit einer Bescheinigung der amerikanischen Armee ist somit z.Zt. noch nicht möglich. Nach Erkundigung in den beiden Grenzgebieten konnte festgestellt werden, daß die Grenzsperre eisern durchgeführt wird und nur an bestimmten Übergängen ganz willkürlich eine bestimmte Anzahl von Personen von den Posten ausgetauscht wird (besonders entlassene Kriegsgefangene).
Der Verkehr in Bayern ist durch den Ausfall jeglicher Eisenbahnverbindung und die außerordentlich scharfe Einschränkung des Kraftwagenverkehrs lahmgelegt. Die wenigen zugelassenen Wagen haben sehr, sehr wenig Benzin und sind den ständig sich ändernden Vorschriften über Park- und Halteverbote, Militärstraßen sowie sonstigen Verkehrsvorschriften unterworfen. Besonders in Großstädten ist daher bei Reisen in Kraftwagen äußerste Vorsicht geboten. Die Maßnahmen aufgrund von Verstößen gegen die geltenden Vorschriften sind weitaus rigoroser und rücksichtsloser als im russisch besetzten Gebiet.
Der Telefonverkehr ist auf wenige amtliche und geschäftliche Anschlüsse begrenzt, wobei Privatanschlüsse wegfallen.
Der Postverkehr ist mit neuen bayerischen Briefmarken wieder aufgenommen. Kinos, Theater und Konzerte sind z.Zt. noch nicht zugelassen. Zum 1. November ist die Eröffnung der Nürnberger Oper vorgesehen.
Nach verschiedenen Berichten ist dagegen der Verkehr im englisch besetzten Gebiet sehr viel leichter und durch die bestehenden Eisenbahnverbindungen wesentlich unterstützt.
Der Aufbau der bayerischen Wirtschaft wird durch die Maßnahmen der amerikanischen Dienststellen erschwert. Die Schwierigkeiten sind auf allen Gebieten sehr groß und müssen in kürzester Zeit zu äußersten Komplikationen führen.
Die Ernährungslage ist allgemein günstig.
Zur Zeit werden verteilt
pro Woche
350 g Fleisch
5 Pfd. Kartoffeln
pro Monat
400 g Butter/Fett
80 g Fett extra
62,5 g Käse
400 g Nährmittel
12 Pfd. Brot
Außerdem in kürzeren Abständen Sonderzuteilungen an Käse.
Die Bankkonten, auch die vor dem 9.5.45 sind in beschränktem Maße offen, so daß bestimmte Summen pro Monat abgehoben werden können. Dagegen ist von der bayerischen Regierung eine 25%ige Sondereinkommenssteuer bei einer Freigrenze von RM 180,- pro Monat eingeführt. Beispiel: Bei einem Monatseinkommen von RM 500,- werden 500,-./. 180,-, RM 320,- mit der neuen Sondereinkommenssteuer belegt, d.h. RM 80,-. Zusätzlich wird die normale Einkommenssteuer auf RM 420,- (500,- ./. 80.-) enthoben. Bei dieser Regelung werden die kleinen und mittleren Gehälter prozentual stärker als die hohen Einkommen herangezogen. Außerdem ist zum 1. Oktober eine allgemeine Gehaltsreduzierung vorgesehen.
gez. Biedermann


Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1390, Bl. 278r, 279r (ms. Ausfertigung).