30. August / 3. September 1945
Bericht der „Thüringer Volkszeitung“ (KPD) über die Rede des Landespräsidenten Rudolf Paul vor der Belegschaft der Jenaer Betriebe Zeiss und Schott


Neu-Thüringen wächst im Kampf
Der Landespräsidenten und die Parteien des Blocks mobilisieren die Schaffenden zum Wiederaufbau – Landespräsident Dr. Paul vor der Belegschaft Zeiß und Schott – Das Beispiel Brabag – Aber auch Olympia, ErfurtDer Freie Deutsche Gewerkschaftsbund hatte am Donnerstag, den 30. August, die Belegschaften der Firmen Zeiß und Schott zu einer Großkundgebung aufgerufen. Der große Volkshaussaal war überfüllt. In Fensternischen, Treppenaufgängen und im Freien standen noch Hunderte von Menschen. Die Belegschaftsstärke von Zeiß beträgt gegenwärtig 6100, die von Schott 1500. Zeiß benötigt noch 400 bis 500 Mann. Vor der Kundgebung unternahm der Landespräsident einen Rundgang durch den Zeißbetrieb, um im Anschluß die Wünsche der Stadtverwaltung Jena entgegenzunehmen. Es folgte noch eine Besichtigung der bombenbeschädigten Universität, für deren baldige Instandsetzung und Wiedereröffnung der Landespräsident alles zu tun versprach.Mit Spannung folgten die Zuhörer der Rede des Landespräsidenten, die oft von Beifall unterbrochen wurde. Landespräsident Dr. P a u l führte u.a. folgendes aus:

Kameraden der Arbeit Es ist mir eine besondere Freude, zu den Arbeitern der Stadt Jena und damit insbesondere zu den Belegschaften der Firma Carl Zeiß und Schott sprechen zu können. Carl Zeiß und Schott, Jenaer Glas, wie überhaupt Jena sind nicht nur Begriffe in Thüringen, nicht nur Begriffe in Deutschland, sondern sie sind Begriffe in der gesamten Welt.Wir müssen sichtbar zurückkehren zu den Führern des Geistes unseres Volkes, die in Thüringen gewirkt haben, wir müssen zurückkehren zu Goethe und Schiller, wir müssen zurückkehren zur Wertschätzung deutscher Wissenschaft. Nicht Rosenbergscher Geist, nicht Günthersche Rassenlehre, Zeiß, Abbe, Schott, das sind Begriffe in unserer engeren Heimatund diese Begriffe müssen wir halten. [Beifall.] Wir müssen arbeiten für den Frieden und nicht mehr für den Krieg. Wir müssen arbeiten für den Aufbau und nicht mehr für die Zerstörung.

Neue Werte schaffen
Wir müssen das Geld schaffen oder wieder schaffen, die Werte wieder schaffen, die vernichtet wurden, die hineingepulvert wurden in diesen Krieg und dazu zusätzlich noch Lasten tragen, die uns dieser Krieg in seinem Ende beschert hat. Große Teile, vielleicht sogar größte Teile von uns haben mit Hitler mit gejubelt, sie haben mit erobert, mit terrorisiert und mit verwüstet. Das ist unsere Schuld, und daran müssen wir denken, wenn uns in diesen Tagen die Besatzung drückt, wir müssen daran denken, daß wir es waren, die zuerst dort einen Besuch abstatteten, wobei wir eine Visitenkarte abgaben, wie sie grauenvoller wohl kaum sein kann. Wir müssen daran denken in diesen Wochen, wenn wir heute die uns schwer belastende Nahrungsmittelauflage bekommen. Wir müssen daran denken, daß wir diese Menschen hereingeholt haben aus Rumänien, Frankreich und Griechenland, und wenn es hart und ungeheuer hart ist, daß wir heute sehen und sehen müssen, wie Menschen deutschen Blutes Arbeiten, Zwangsarbeiten verrichten müssen, so müssen wir auch hier daran denken, daß es jener verbrecherische Sauckel war, der in größtem Maße die Sklaverei organisierte, die Sklavenjagd in den besetzten Ländern durchführte und Menschen unter Zerreißung der Familie, unter Zerreißung jeglicher Bande herein zu uns ins Land gebracht hat. Wenn wir heute unter Uebergriffen leiden, die bestimmt im Einzelfalle weh tun, so müssen wir berücksichtigen, daß das, was früher geschah, durch Menschen deutschen Namens und deutschen Blutes geschah. Diese Taten geben eine gewisse Erklärung dafür, wenn heute bei uns Uebergriffe vorkommen.
Es ist selbstverständlich, daß ich als Deutscher und als Präsident dieses Landes nicht stillschweigend und gehorsam mit zusammengeknallten Hacken dastehe bei Hilferufen, die aus dem Lande zu mir kommen.
Mein Name steht unter der neuen Regelung des Bankwesens. Sie geht zurück auf einen Befehl. Ich gehöre – wie ich schon betonte – nicht zu denen, die einen falschen Stolz daran finden, möglichst schnell und möglichst laut mit den Hacken zu knallen, ich habe die Auswirkung dieses Befehls erkannt. Ich sehe die Not, die seine Ausführung für Arme und Aermste im Gefolge haben würde, und selbst für solche, die in der Vergangenheit völlig unschuldig waren. Und darum können Sie versichert sein, daß ich nicht nur Tage, ja ich habeNächte, ich habe Wochen dagegen angekämpft, um diesen Befehl nicht zur Durchführung zu bringen. Es war nicht umsonst. Ich habe eine Milderung erreicht und ich werde weiter – und das ist für mich eine Selbstverständlichkeit – für meinen Standpunkt kämpfen.
In diesem Zusammenhang will ich ein Wort zur Sowjet-Militär-Administration erwähnen. Auch die Militär-Administration marschiert in der gebundenen Marschroute von oben kommender Befehle und Richtlinien. Diese Befehle und Richtlinien finden ihren Urquell in dem von uns verlorenen Krieg und in den uns durch die Berliner Beschlüsse Die Beschlüsse der nach ihrem Tagungsort „Potsdamer Konferenz“ genannten Berliner Drei-Mächte-Konferenz der USA, UdSSR und Großbritanniens 17.7.-2.8.1945. auferlegten Lasten. Ich kann es bekunden, daß die Militär-Administration in ihrer Spitze auch da, wo die Verschiedenartigkeit der ost- und westeuropäischen Auffassungen aufeinander stößt, ehrlich bemüht ist, unsere Reklamationen zu prüfen und, soweit sie es von sich aus kann, unsere großen Lasten verteilen und mildern zu helfen. Die Beschlüsse von Berlin sind – und daran wollen wir denken – die notwendige Konsequenz des Kampfes bis zur letzten Patrone, die notwendige Konsequenz der bedingungslosen Kapitulation, in die eine verbrecherische Clique unser Volk hineingeführt hat. Wir sind in Not.

Wer hilft uns? – Selbst ist der Mann!
Es hat keinen Zweck zu suchen und zu fragen. Es hat keinen Zweck, zu jammern und zu weinen. Den Weg aus unserer Not müssen wir allein gehen. Hilf dir selbst, so hilft dir Gott! Es gehört zur Wiedergewinnung der Achtung des deutschen Namens in der Welt, daß wir frei von hilfeheischendem Jammern und Winseln zielbewußt und ohne Säumen uns auf den Weg zu dem Ziel machen, das allein unser Leben, unsere Zukunft uns auch lebenswert erscheinen läßt, und dieses Ziel heißt: das deutsche Volk, unsere Kinder, unsere Kindeskinder sollen leben. Die Generationen unserer Tage haben wertvolles deutsches Gut vernichtet.
Tiefste Not, tiefstes Elend ist durch Gewissenlosigkeit oder gar durch Mittun mit der Hitler-Clique über Deutschland gebracht worden. Es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit unserer Generation, dafür zu sorgen, daß das, was jetzt auf uns lastet, durch unsere Arbeit wieder von uns und von unseren Kindern heruntergenommen wird.
Ich gehe ihn nicht allein, sondern ich gehe ihn in Begleitung von Mitarbeitern, die dasselbe tun wie ich und ich gehe ihn und weiß, daß bei diesem Weg große und größte Schichten der Bevölkerung Thüringens hinter mir stehen und im Gleichschritt in meine Gangart eingeschaltet sind.
Die Brabag
Ich sehe vor mir ein Werk, es führt den Namen Brabag. Es ist zur Zeit das bedeutendste Filtrierwerk Deutschlands. In dieses Werk fielen 8000 Bomben. Durch einen Befehl des Marschalls Shukow ist mir die Leitung dieses Werkes, das in der Provinz Sachsen liegt, persönlich übertragen worden. Nicht weil ich den Ruf habe, ein Anpeitscher zu sein, sondern weil man zu wissen glaubt, daß ich neben dem tönenden Wort ganz erheblich mehr schätze die Tat. Und das kann ich Ihnen aus dieser meiner Tätigkeit sagen: Da liegt dieses Werk mit seinen 8000 Bomben, ein Werk ohne Dächer, ohne Fenster, und seine Belegschaft hat in strömendem Regen – denn diese Belegschaft hatte keinen Schutz – Wochen und Wochen gearbeitet und der Fleiß hat Erfolg gehabt. Statt 80 Tonnen Benzin kamen 200 Tonnen, 300 Tonnen, kamen 400 Tonnen und wir sind jetzt an der Grenze von 500 Tonnen und in kurzer Zeit haben wir die Friedensproduktion erreicht mit 600 Tonnen pro Tag. Und was zeigt dieses Beispiel? Es zeigt, daß 1200 Arbeiter, hervorragend von ihrer Leitung geführt, durch eisernen Willen Millionen und aber Millionen von Menschen geholfen haben. Wenn heute in Mitteldeutschland und insonderheit in Thüringen, das den Löwenanteil, gemessen an anderen Ländern, bekommt, wenn auf den Feldern die Traktoren tacken, wenn auf den Straßen Autos und Lastwagen laufen konnten, so verdanken Millionen und aber Miillionen diesen 1600 Arbeitern der Brabag, daß die Ernte gesichert wird, daß Handel und Wandel wieder in unser Land einziehen konnten.
Das sind Anfänge, gewiß, nur Anfänge. Aber sie geben eins klar zu erkennen, die Grundeinstellung: Heraus aus der Not. Und ich habe denselben Eindruck gewonnen, als ich jetzt durch die Werke der Firma Carl Zeiß gegangen bin und als ich wieder Arbeit sah, Menschen, die arbeiten. Nur durch Schaffung neuer Werte sind wir in der Lage, uns über Wasser zu halten, durchzukommen durch die schwere Last, die jetzt auf uns liegt.
Es kommen die Reparationen, es kommen die Sachleistungen, die uns noch auferlegt werden. Wir dürfen darüber nicht weich werden, wir dürfen nicht den Mut, nicht den Willen verlieren. Würden wir es tun, so würde Unwiederbringliches zusammenstürzen. Der Wagen, der Staat, unser Volk, unser Land stecken tief – ich möchte sagen, fast zutiefst – im Schlamm fast bis zur Achse. Ich, die Landesverwaltung und alle die Männer, die um uns herumstehen, wir sind aus eigenen Kräften nicht in der Lage, diesen Wagen herauszubringen. Und darum rufe ich Ihnen zu: Greift mit hinein in die Speichen, und ihr habt die Gewißheit, es geht vorwärts.


Quelle: Thüringer Volkszeitung, 3.9.1945.