Nr. 44c
7./8. September 1945

Aufruf der vier Block-Parteien zur Bodenreform


An das Thüringer Landvolk Eingangsstempel der Präsidialkanzlei Weimar v. 8.9.1945; der Aufruf wurde in der nach dem Beschluss der Landesverwaltung am Abend des 7.9.1945 auf Initiative der KPD-BL durchgeführten a.o. Blocksitzung auf der Grundlage einer Vorlage der KPD-BL mit wenigen Änderungen beschlossen u. am 11.8.1945 in der „Thüringer Volkszeitung“ (KPD) veröffentlicht; den Verlauf der Blocksitzung v. 7.9.1945 (Protokoll in: ACDP, 03-031-106, n.f.) schildert Schneider in seinem Erinnerungsbericht 1965 „Der Kampf um die demokratische Bodenreform in Thüringen“ (wie Anm. zu Dok. 44 a, Bl. 10r-14r); dort auch der Text des Aufrufes (Bl. 14r-16r).


Die Landesverwaltung Thüringen hat beschlossen, eine Bodenreform durchzuführen. Dadurch wird Kleinbauern und Landarbeitern das Land der Großgrundbesitzer und Fürsten zu eigen gegeben. Die vier antifaschistischen demokratischen Parteien, die Kommunistische Partei, die Sozialdemokratische Partei, die Demokratische Partei und die Christlich Demokratische Union begrüßen die Initiative der Thüringischen Landesverwaltung und stimmen diesem Entschluß rückhaltlos zu. Die Vertreter der vier Parteien haben deshalb folgenden Aufruf beschlossen.

Von jeher waren die Fürsten und Großgrundbesitzer die Träger von Militarismus und Chauvinismus. Diese reaktionären Kreise waren die Urheber vieler Kriege, die dem deutschen Volk Elend und Not brachten, wobei auch weite Teile Thüringens verwüstet wurden. Im Jahre 1848 trugen dieselben Herren die Hauptschuld, daß die bürgerliche Revolution niedergeschlagen wurde.

Nach dem November 1918 wurde den Kriegsverbrechern kein Haar gekrümmt. So konnte sich auf den Rittergütern die Reaktion sammeln, die schließlich dem Nazismus zur Macht verhalf. In Thüringen vereinigte beispielsweise der ehemalige Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha Herzog Carl Eduard (1900/18) gehörte zu den bekanntesten NSDAP-Förderern aus den Kreisen des ehem. Hochadels; vgl. auch den „Tribüne“-Artikel Hermann Brills „Bodenreform – ein politischer Akt“ (Dok. 51). Nazismus, Militarismus und feudale Reaktion in seiner Person. Mit allen Mitteln bereiteten die Militaristen, an der Spitze die Junker und Großgrundbesitzer, eine neues Massenmorden vor und wurden so die Hauptkriegsverbrecher des 2. Weltkrieges. Daher ist die Liquidierung des Großgrundbesitzes eine wichtige Voraussetzung für die Beseitigung des Militarismus und zugleich eine Garantie für die Verhinderung neuer Kriegsgefahren.

Die Bodenreform ist ein Element der gegenwärtigen Politik. Die Liquidierung des Großgrundbesitzes wird dann auch ein Schritt auf dem Weg zur demokratischen Entwicklung Deutschlands und zum Wiedereintritt der deutschen Nation in die Gemeinschaft der friedliebenden und fortschrittlichen Völker sein.

Es ist daher in erster Linie der gesamte Großgrundbesitz der Kriegsverbrecher und Naziführer zu enteignen. Nicht angetastet werden Grundbesitz und Wirtschaften von Bauern, die keine aktiven Nazis waren.

Der enteignete Grundbesitz ist mit allem lebenden und toten Inventar einem Bodenfonds zuzuführen, der alsdann gemäß den von der Verwaltung erlassenen gesetzlichen Vorschriften Siedlungszwecken dienstbar gemacht werden soll. Dieser enteignete Großgrundbesitz soll zu Gunsten landarmer und landloser Bauern und Landarbeiter sowie solcher Ostflüchtlinge aufgeteilt werden, von denen einwandfrei erwiesen ist, daß sie Antifaschisten sind, um der Gefahr einer Überflutung durch reaktionäre Kreise zu entgegen. Bei der Aufteilung müssen selbstverständlich Bauernkommissionen mitwirken, die ebenfalls aus antifaschistischen Bauern zusammengesetzt sind.

Durch diese Bodenreform soll die weitere Ernährung der Gesamtheit des Volkes verbessert werden.

Der Bauer muß das Land erhalten, das er selbst bebaut und an dem er leidenschaftlich hängt. Darum fort mit dem gesamten Grundbesitz der Kriegsverbrecher und aktiven Nazis. Denn damit wird ein Jahrhunderte altes Unrecht an der arbeitenden Landbevölkerung wieder gutgemacht.

Kommunistische Partei Deutschlands
Demokratische ParteiBezirksleitung ThüringenLandesleitung ThüringenSozialdemokratische Partei DeutschlandsChristlich Demokratische UnionLandesleitung ThüringenLandesleitung Thüringen
Kenntnis genommen
[ Unterschrift ]

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar,Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 658, Bl. 333r, 333v (ms. Ausfertigung); veröffentlicht in der „Thüringer Volkszeitung“ v. 11.9.1945.