Januar 1947
Der Eisenacher Vermögens-Verwalter Walter Cappel über die Verwerflichkeit des Erwerbs jüdischen Eigentums unter dem NS-Regime (Auszug aus seinen „Betrachtungen zum Thüringischen Wiedergutmachungsgesetz“)


Betrachtungen zum Thüringischen Wiedergutmachunsgesetz
von Walter Cappel. Der Eisenacher jüdische Textil- und Lederwarengroßhändler Walter Cappel war Überlebender einer mehrjährigen KZ-Haft in Auschwitz u. wurde 1946 als „Bevollmächtigter für die Erfassung und Verwaltung ehemals jüdischer Vermögen im Stadt- und Landkreis Eisenach“ eingesetzt; seine zur Jahreswende 1946/47 verfassten „Betrachtungen“ verschickte Cappel am 25.1.1947 an mehrere führende Persönlichkeiten der Landesverwaltung u. –justiz, so an Justizministe Külz, an Innenminister Busse u. an den OLG-Präsidenten Barth;Cappels Kritik an der Wiedergutmachungspraxis u. sein rigoroses Vorgehen brachten Cappel in Konflikt mit dem FDGB u. den politischen Parteien; kurze Zeit nach seinen kritischen „Betrachtungen“ wurde er als Bevollmächtigter abgesetzt (LATh-HStA Weimar, LTh-MdI, Nr. 551, Bl. 33r).
[…]
In Rückschau auf eine siebenmonatige Tätigkeit als Verwalter sei es mir erlaubt, noch zu den Schwierigkeiten, die sich für das Wiedergutmachungsgesetz in der Praxis ergeben haben, Stellung zu nehmen. Besonders misslich wird das Fehlen umfassender Ausführungsbestimmungen empfunden. Ich greife hierbei den hart umstrittenen Begriff der Verwerflichkeit beim Ankauf jüdischer Vermögenswerte heraus. Soviel mir bekannt, hat der Herr Landespräsident und jetzige Ministerpräsident des Landes Thüringen den Standpunkt eingenommen, daß „der Erwerb jüdischen Vermögens unter Nazisten grundsätzlich verwerflich war, weil jeder Käufer wußte, daß der Verkäufer in seiner Entscheidung nicht frei war, sondern in der Regel unter persönlichem Druck, Drohungen und oft Lebensgefahr handelt.“ Diese Auslegung des Gesetzes hätte in einer Ausführungsbestimmung ihren Niederschlag finden sollen, was jedoch bisher nicht geschehen ist. Leider beweisen die von den Gerichten getroffenen Entscheidungen kein Verständnis im Sinne des Gesetzgebers, als welcher der Herr Landespräsident nach Sachlage anzusehen ist. Als Jude sehe ich in der Ausübung meiner Verwaltertätigkeit eine Verpflichtung, die ich im Rahmen des Gesetzes handelnd, anders auffasse wie weite Kreise der deutschen Bevölkerung, die dieser Materie sowohl zum großen Teil ablehnend, als auch innerlich fremd gegenüberstehen. Es besteht die Gefahr, daß die Wiedergutmachungsverpflichteten den Begriff der Verwerflichkeit in ihrem Sinne auslegen und mit Hilfe der ihrer Mentalität nahe stehenden Gerichtsbarkeit alles versuchen werden, ihren Erwerb als rechtmäßig und nicht etwa als verwerflich hinzustellen.Damit würde die Durchführung des Wiedergutmachungsgesetzes nahezu utopisch werden. Denn die Verwerflichkeit des Hitler-Reiches, das es sich von der ersten Stunde an zur Aufgabe gemacht hatte, in Erfüllung des Partei-Programms der jüdischen Bevölkerung die materiellen Existenzgrundlagen restlos zu entziehen, ist im Bewußtsein weder der Wiedergutmachungsverpflichteten noch der Gerichte so verankert wie bei den Juden und allen demokratischen Kräften in der Welt. Aus diesem Grunde habe ich und alle Juden kein Verständnis dafür, daß es überhaupt noch möglich ist, die Frage der Verwerflichkeit noch lang und breit zu erörtern, da nach jüdischer Ansicht jeder Ankauf wohlerworbenen jüdischen Eigentums, an dem Generationen aufgebaut haben, ab 1933, gleich unter welchen Voraussetzungen der Verkauf zustande kam, als grundsätzlich verwerflich anzusehen ist.
[…]
Eisenach, im Januar 1947
gez. Walter Cappel.


Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen – Ministerium für [der] Justiz, Nr. 594, Bl. 129r-131r, hier Bl. 130r, 130v (hektographiert); auch überliefert in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Ministerium des Innern, Nr. 551, Bl. 28r-30r; OLGE, Nr. 90, Bl. 8r-10r.