Nr. 45
7. September 1945
Die „Thüringer Volkszeitung“ (KPD) zu den Gerüchten über den Abzug der russischen Besatzungstruppe


Die russische Besatzungstruppe bleibt
Schluß mit den Gerüchten – Arbeitet mit am Wiederaufbau Deutschlands

Berlin. Die Abgrenzung der alliierten Besatzungszonen in Deutschland wird jetzt amtlich bekanntgegeben:
Zur britischen Zone gehören Schleswig-Holstein, Hannover, Westfalen, das Gebiet der Hansestadt Hamburg, die Länder Braunschweig, Oldenburg, Lippe und Schaumburg-Lippe sowie der nördliche Teil der Rheinprovinz.
Die russische Zone schließt sich östlich an die britische Zone an. Zur russischen Zone gehören u.a.: Mecklenburg, die Provinz Sachsen und das Land Thüringen.
Die französische Besatzungszone besteht aus zwei Teilen. Der eine Teil umfaßt alles deutsche Gebiet am linken Rheinufer südlich der britischen Zone, ferner folgende Bezirke am rechten Rheinufer: in der Rheinprovinz die ostrheinischen Gebiete des Verwaltungsgebietes Koblenz, in Hessen-Nassau die Verwaltungsbezirke Oberwesterwald, Unterwesterwald, Unter-Lahn und St. Goarshausen. Der zweite Teil der französischen Besatzungszone liegt am rechten Rheinufer nördlich der Schweizer Grenze. Dazu gehören die südliche Hälfte des Landes Banen, die gesamte Provinz Hohenzollern, die südliche Hälfte von Württemberg und der Westteil Schwabens.
Die amerikanische Besatzungszone umfaßt ganz Bayern, Hessen und Hessen-Nassau östlich des Rheins, abgesehen von den vier Verwaltungsbezirken, die zur französischen Zone gehören. Ferner gehören zur amerikanischen Zone die nördliche Hälfte von Baden, die nördliche Hälfte von Württemberg sowie das Gebiet von Bremen mit einem Korridor durch die britische Zone. Die Bevölkerung der amerikanischen Zone wird auf 15,5 Millionen Menschen geschätzt, davon etwa 7 300 000 in Bayern.
Mit der Bekanntgabe der endgültigen Besatzungszone finden die seit Wochen in Thüringenumlaufenden Gerüchte, daß der Russe Thüringen räume, Vgl. Dok. 29 b. endlich ihre Widerlegung. Immer wieder tauchten diese Gerüchte auf und wurden bewußt von nazistischen Kreisen verbreitet, um die Bevölkerung nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Es wurden Termine angegeben, die sich von einem Tage zum anderen verschoben. Es wurden Bekanntgaben von ausländischen Sendern zitiert. Wenn man all diesen Gerüchtemachern einmal über den Mund fuhr und sagte, ja, aber ich höre doch nun täglich alle Sender ab, die Nachrichten in deutscher Sprache bringen, ich habe nichts gehört, dann hatten die Saboteure die Nachricht in einer fremdsprachigen Nachrichtensendung gehört. Aber nicht nur die Rundfunksender wurden zitiert, auch alle möglichen Behördenstellen wurden zum Beweis der Richtigkeit angeführt. „Der Oberbürgermeister dieser oder jener benachbarten Stadt hatte gesagt … Die Telephonleitungen werden schon abgenommen … Die Wohnungen werden geräumt … Die Kolonnen rücken schon ab … Immer wieder verschob sich der Termin. Und der letzte Grund, warum die Russen noch nicht abzogen, warum sie Thüringen gegen Hamburg oder Schleswig-Holstein schon eingetauscht hatten, war, sie wollen erst noch die Ernte mitnehmen. Der letzte Zeitpunkt für die Einbringung der Ernte ist endgültig bestimmt. Die Ernte muß eingebracht werden, ob es regnet oder nicht, und dann ziehen die Russen ab. Wir aber müssen verhungern.“
Schade, werden die nazistischen Gerüchtemacher sagen, daß diese amtliche Bekanntmachung da ist, denn nun müssen sie sich mühen, ein neues lohnendes Gerücht zu erfinden, mit dem sie die bisher aufrechterhaltene Unruhe weiter in Bewegung halten können. Diesen Gerüchteverbreitern wollen wir aber heute schon endgültig und zum letzten Male als Warnung zurufen, gebt dieses Treiben auf. Die Geduld, nicht nur der deutschen behördlichen Stellen, sondern auch der sowjetischen Administration, ist am Ende. Gerüchtemacher werden künftig den schwersten Bestrafungen zugeführt. Vgl. Dok. 87. Hört endlich auf mit eurem unsinnigen Treiben, zeigt lieber, daß ihr guten Willens seid, arbeitet mit am Wiederaufbau Deutschlands.


Quelle: Thüringer Volkszeitung, 7.9.1945.