Nr. 59e
27. September 1945
Aus den Referaten des Wiederaufbau-Referenten Heinrich Hoffmann und des kommissarischen Leiters der Bauhochschule Hermann Henselmann auf der Weimarer Wiederaufbau-Konferenz des Landesamtes des Innern mit den Landräten und Oberbürgermeistern

V e r h a n d l u n g s b e r i c h t
über die Konferenz der Landräte und Oberbürgermeister, die auf Veranlassung des Landesamts des Innern am Donnerstag, den 27. 9. 1945, vormittags 10 Uhr, im Hotel „Kaiserin Augusta“ in Weimar stattgefunden hat.Die Teilnehmer der Konferenz sind in der als Anlage beigefügten Anwesenheitsliste aufgeführt.Die Konferenz wird eröffnet von Herrn Landesdirektor B ö h m e mit Worten des Dankes für das zahlreiche Erscheinen: Beweist es doch, wie stark die Fragen des Wiederaufbaues der zerstörten Städte und Dörfer die Selbstverwaltungen der Stadt- und Landkreise interessieren und es ist zu erwarten, daß nach Entgegennahme der Referate eine Diskussion einsetzen wird, die für die zentralen Stellen ebenso fruchtbar sein möge, wie erfolgreich für die Arbeit draußen im Lande. Wir müssen die Vorerörterungen nunmehr abschließen und in einen Zustand hineinkommen, der die Möglichkeit zu planvoller Arbeit gibt.
Regierungsrat H o f f m a n n : Seit 29.8.1945 Leiter des Referates „Wiederaufbau der zerstörten Städte und Dörfer in Thüringen“ im Landesamt des Innern/für Kommunalwesen und stellv. SPD-Landesvorsitzender.
Das Problem des Wiederaufbaues ist so umfassend und vielgestaltig, daß man darüber stundenlang sprechen könnte. Das ist aber nicht unsere Absicht, sondern unsere Absicht ist, festzustellen, was bisher war und was sich in Vorbereitung befindet, damit Sie in der Diskussion zu diesen Problemen Stellung nehmen und uns Ihre Erfahrungen mitteilen können.
[…] Hoffmann informierte über den Stand der gesetzlichen, administrativen, technischen u. wirtschaftlichen Wiederaufbaumaßnahmen, ging dabei auf die Sachverständigenkonferenzen des Landesamtes v. 29.8 (Dok. 59 b), 1. u. 6.9.1945 ein u. wiederholte die Aussage vom 29.8.1945, dass die dringlichsten Maßnahmen der Dachreparaturen u. Herstellung v. Notwohnungen Vorrang vor den von Henselmann vorgelegten Wiederaufbauplänen hätten. Das gesamte Volk muß für den Wiederaufbau aufgefordert und interessiert werden. Die Bauämter müssen ihre Aufgabe darin sehen, die Arbeitskräfte, Materialien und Transport zu lenken. Es sind Dringlichkeitslisten aufzustellen nach folgenden Richtlinien:Eine bessere Organisation, d.h. Arbeitsvermittlung muß einsetzen und zwar zuerst die Selbsthilfe, der Mieter muß die Kleinschäden in seiner Wohnung nach Möglichkeit selbst beseitigen, ebenso muß sich der private Hausbesitz an der Schädenbeseitigung beteiligen, die Genossenschaften müssen herangezogen werden und dann erst soll an die Selbstverwaltung und zuletzt an die Landesverwaltung wegen des Wiederaufbaues herangetreten werden. Es muß alles Hand in Hand miteinander arbeiten.Wir müssen das Volk aufrütteln, damit es aus der Lethargie erwacht, die sich seiner zu bemächtigen scheint. Es darf nicht nur beim Beseitigen der Trümmer verbleiben, sondern alle müssen mobilisieret werden zum Werk des Wiederaufbaues. Ein Appell an den Gemeinsinn des deutschen Volkes muß erfolgen. Hierzu ist erforderlich, daß die Parteien und Gewerkschafgten mit eingespannt werden.Das Problem des Wiederaufbaues der zerstörten Städte und Dörfer würde die Thüringer heute kaum berühren, wenn sie mit allen deutschen Volksstämmen sich hinter die tapferen Männer des 20. Juli 1944 gestellt hätten. Hinter jene wahren Führer der Nation, die nicht als Verräter, sondern aus heißer Liebe zum Vaterland und aus tiefster Sorge um das Wohl unseres Volkes handelten, weil sie wußten, wie wir es schon vor 1933 wußten, daß Hitler und sein Regime unsere Nation und unser Volk zwangsläufig ins Verderben führen würde.Hätte der 20. Juli 1944 bereits das Ende Hitlers und damit des Krieges gebracht, dann würden Thüringens Städte und Dörfer vom Kriege fast gänzlich verschont geblieben sein und wir brauchten uns nicht den Kopßf über die Probleme des Wiederaufbaues zu zerbrechen.Der nationalsozialistische Schutz- und Trutzgau Thüringen verdankt es seinem „Führer“ und dessen Trabanten Fritz Sauckel, daß unsere schönsten Städte, viele Dörfer und zahlreiche Brücken beschädigt, zerstört oder zu einem Trümmerfeld wurden.Wir vom „anderen Deutschland“, wir, die wir Krieg und Tyrannei hassen, aber den Frieden und die Freiheit lieben wie unser Leben, wir stehen nun vor der großen, wahrhaft nationalen Aufgabe, das Werk des Wiederaufbaues in Angriff zu nehmen. Zur Lösung dieser gewaltigen, schier unüberfsehbaren Aufgabe bedarf es neben der Überwindung aller materiellen Schwierigkeiten der Planung, Finanzierung, Beschaffung, Verteilung und Lenkung von Baumaterial, Arbeitskräften und Transportmitteln, vor allem der unentberhlichen großen Liebe zur Heimat und eines noch größeren Glaubens an die guten, friedfertigen und aufbauwilligen Eigenschaften unseres Volkes. Professor H e n s e l m a n n: Thema des Referates „Planung und Wiederaufbau“ (Bl. 54r-66r; der Referattext ist auch v. PIT verbreitet worden (Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 247, Bl. 145r-156r), in Kurzfassung als PIT-Meldung (Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 246, Bl. 154r-156r) u. als Abdruck in der „Tribüne“ (SPD) am 8.12.1945; vgl. auch Henselmanns Referate „Planung und Wiederaufbau“ auf der Tagung des Planungsverbandes Hochschule am 9.1.1946 (Dok. 93 a) u. auf dessen Arbeitstagung in Nordhausen am 15./16.2.1946 (Bericht v. OB Karl Schultes in: IfZ, ED 188 [NL Schultes], Bd. 24, n. f.). Von der Planung des Wiederaufbaues habe ich zu reden, meine Herren. Wiederaufbau – das ist Vorhandenes bedenken, Planung – das ist Zukünftiges bedenken. Wie? – so wird mancher von Ihnen sagen – uns will man in diesem Augenblick von der Zukunft sprechen, wo wir angefüllt sind bis in unsere kurzen Nächte hinein mit den Fragen des Tages – ach was sage ich – des Tages – mit den wechselnden Anforderungen der Stunde.
Und doch – meine Herren – Sie arbeiten, wie wir alle in der Gegenwart, weil Sie an die Zukunft glauben. Täten Sie das nicht, Sie wären nicht im Stande, das zu leisten, was Sie leisten.Und so wie Ihre Arbeit der Gegenwart Arbeit an der Zukunft ist, so ist Planung umgekehrt Manifestierung des zukünftigen Zieles. Und wiederum Fundament für die gegenwärtige Arbeit. Denn man kann keine Fundamente legen, wenn man nicht das Ganze überblickt.Zunächst einmal, welches sind die Aufgaben, die wir zu bewältigen haben? Es handelt sich im wesentlichen um drei Komplexe: 1. Um den Aufbau der zerstörten Dörfer und Städte, 2. Um die Aufteilung der Güter, 3. Um die Unterbringung der Flüchtlinge.Sie kennen die inflationistisch aufgeblähten Zeitangaben der Nazis – sie operierten mit Jahrtausenden wie ein Jongleur mit Tellern, und wir haben den Scherbenhaufen von der Bühne des Welttheaters zu fegen.Aber angesichts dieser Aufgaben sind selbst wir, die wir diese abgegriffene Nomenklatur der Nazis nur zögernd gebrauchen, versucht zu sagen: die Grösse dieser Aufgabe ist beispiellos seit den Jahrtausenden, in denen Menschheitsgeschichte geschrieben wurde. Und insofern ist eigentlich von einem Wiederaufbau keine Rede – es kann sich nicht darum handeln, Vorhandenes wieder aufzubauen – wir werden Neues schaffen müssen. Wir können uns nicht, und das ist folgenschwer und entscheidend, auf Erfahrungen beziehen. Die besondere Situation, in der wir uns befinden, verlangt von uns völligen Bruch mit den überkommenen Vorstellungen – geistig und auch technisch gesehen. Worin liegt aber das Besondere unserer Situation? Es liegt im wesentlichen in einem einzigen Widerspruch begründet: diese Aufgaben sind ihrem innersten Kerne nach revolutionär – die politische Situation dagegen ist es nicht. Aus diesem Widerspruch heraus ergibt sich ein ganzer Sack höchst praktischer Konsequenzen. Der revolutionäre Kern dieser Aufgaben liegt in der Tatsache begründet, daß die ihnen zu Grunde liegende quantitative Veränderung – der Flüchtlingsstrom z. B. – zu qualitativen Veränderungen führt, etwa zu einer ganz anderen Struktur unseres Landes, und daß diese Veränderungen als Entwicklungssprung dialektisch gesehen, erfolgen.Die politische Situation dagegen wird von der Tatsache beherrscht, daß das deutsche Volk nicht im Stande war, eine Revolution zu erzeugen. Das deutsche Volk hat die Restaurationen der modernen Völker geteilt, ohne ihre Revolutionen zu teilen. Wir wurden restauriert, erstens, weil andere Völker eine Revolution wagten und zweitens, weil andere Völker eine Konterrevolution litten. An den Restaurationen beteiligte man uns, weil unsere Herren keine Furcht hatten.Nun, der gewaltigste Versuch einer Konterrevolution, wie ihn der Einbruch des Nazifaschismus in Rußland darstellt, hat uns wiederum um unsere eigene Revolution gebracht, die wir um der Freiheit willen hätten wagen sollen. In der Konsequenz dieser Tatsache befinden wir uns auch heute nicht angesichts dieser umwälzenden Aufgaben im Besitze unserer Freiheit. Wir haben uns erst zu dieser Freiheit und zum Einbau in die Völkerfamilie zu entwickeln. Und technisch gesehen bedeutet das ebenfalls, daß wir nicht an dem Austausch der technischen Mittel partizipieren, daß wir auf eine einengende Autarkie in der Wahl der Baustoffe und der Baumethoden angewiesen sind, aber im Hinblick auf die Zukunft, die eine Ausweitung unserer Möglichkeiten bringen wird, uns gleitend zu verhalten haben. Wir sind im Augenblick auf Nächstliegendes angewiesen und haben doch den Einsatz modernster technischer Methoden, die wahrscheinlich unter dem Eindruck der Aufgaben einer völligen Umwälzung unterliegen, zu bedenken. Aber diese besondere politische Situation hat noch ganz andere Konsequenzen.Ich sagte: Planung bedeutet Zukünftiges bedenken.Inwiefern bedeutet sie das? Weil die baukünstlerische Planung, wie jede Kunst die Manifestation eines Ordnungsbegriffes enthält. Und in dem Augenblick, wo ich z. B. eine Stadt plane, habe ich aus der Analyse der Historie, aus der Überschau der Gegenwart, aus dem Instinkt für das Kommende, kurz aus meinem ganzen Anschauungsbild dieser Welt heraus, dieser Stadt ein bestimmtes Gesicht zu geben. Wie in einem Brennglas vereinigen sich alle Strahlen dieses ganzen Anschauungskomplexes in einem Brennpunkt – der ganz bestimmten städtebaulichen Aufgaben. Bei der durchschnittlichen Lebensdauer eines Bauwerkes, die im allgemeinen mit 100 Jahren angenommen wird, ist nun einmal der planende Baukünstler gezwungen, die künftige gesellschaftliche Ordnung in seine Überlegungen einzubeziehen. Tut er das nicht, so entstehen eben Naziplanungen. Das heißt formalistische und leere Planungen. Die Reißschiene wird einmal waagerecht angelegt – das ist wie Ost-West-Achse, einmal senkrecht – das ist wie Nord-Süd-Achse. Und nun stürzt man sich auf die Prachtbauten an dieser Achse, auf Riesengebäude und Denkmäler – bestenfalls, wenn man an die Zukunft denkt, so kalkuliert man den Gaskrieg ein und ordnet Grünanlagen in jedem Stadtviertel als Auffangfilter ein. Und der Stadtplan der Nazis ist fertig.Ordnung aber – im tiefsten und geistigsten Sinne – das wäre zu fordern von einer Planung des Wiederaufbaues.Ist das aber möglich? Angesichts dieses Untergrundes, auf dem wir uns bewegen, und der schwankender erscheint als jemals vorher? Denn dieser Ordnungsbegriff soll ja die klare Vorstellung von einer kommenden gesellschaftlichen Ordnung enthalten. Oder anders herum gesprochen: er setzt eine starke sittliche Idee voraus und ein exaktes politisches Wissen.Ist das möglich? Ich sprach von einem Untergrund, der so wankend erscheint. Ist er das aber wirklich? Nun, meine Herren, ich glaube das nicht. Ich möchte so weit gehen zu behaupten, daß im Gegenteil unser Fuß zum ersten Mal seit Jahrzehnten den morastigen Boden verläßt und festen Halt findet. Und der Beweis dafür ist mir ganz einfach Ihre Existenz und die vieler unserer Kameraden. Der Beweis ist mir der Märtyrerweg vieler tausende und das Katakombendasein vieler tausende um der Idee und um des Lebens willen. Der Beweis ist mir unsere unzerstörte antifaschistische Kampfgemeinschaft, die ja letzten Endes nichts anderes ist als Bekenntnis zum Menschen. Und dieses Humanitätsideal ist die Voraussetzung aller großen geistigen und künstlerischen Leistungen.
[…] Im folgenden Abschnitt behandelte Henselmann die desorganisierenden Folgen des Nazismus für das Bauwesen u. aktuelle Probleme der Baustoffbeschaffung.
Doch nun zu den eigentlichen Aufgaben: Ich nannte als ersten Komplex den Aufbau der Städte und Dörfer. Welche Fragen sind im Zusammenhang mit dieser Aufgabe eigentlich zu lösen? Im wesentlichen handelt es sich um die Beantwortung von drei Fragen:1. Wieviel Menschen werden in Zukunft in dieser Stadt oder in diesem Dorf leben?2. Wie werden sich diese Menschen ernähren?3. Welche Lebensform wird das Zusammenleben dieser Menschen bestimmen?Die erste Frage, nach der Anzahl der Einwohner, wird durch die gewaltige Gewichtsverschiebung in unserer Gesamtbevölkerung von dem Osten nach dem Westen bestimmt. Hier arbeitet der Städtebauer mit dem Landesplaner eng zusammen. Und eine Frage greift in die andere, denn die Anzahl der Menschen bestimmt auch die Anzahl der Wohnungen. Auf die Dauer werden die Bewohner der Stadt nicht so zusammengepfercht leben, wie sie es jetzt zwangsläufig tun müssen. Und die Anzahl der Bewohner wiederum bestimmt auch die Anzahl der handwerklichen Betriebe und die Größe der Industrie. Diese Industrie wiederum wird in das Gesamtgefüge des Reiches einzubauen sein. Das gleiche gilt für das Dorf. Doch die Aufnahmefähigkeit des Dorfes ist durch die Größe der Gemarkung begrenzt. Es wird also zu überlegen sein, ob durch Rodung neue Feldfluren gewonnen werden können, ob dadurch neue zusätzliche Ernährungsmöglichkeiten geschaffen werden. Diese Frage wiederum greift in die Landwirtschaftsplanung ein, denn man kann, wie Sie wissen, nicht wahllos roden, ohne unter Umständen den Kohlesäurehaushalt der Natur zu beeinflussen. Von der Beantwortung dieser Fragen hängt Wesentliches ab. Von ihr hängt auch die Lebensform ab. Wie werden sich diese Menschen gesellig zusammenfinden, wie werden ihre hygienischen und ihre Verkehrsbedürfnisse beschaffen sein, wie wird sich das religiöse Bedürfnis äußern, welche Stellung wird das Kind, welche die Jugend innerhalb der Gesellschaft einnehmen, und wie wird sich das in der Programmstellung der Bauten ausdrücken? Wie wird das bisherige baukünstlerische Gesicht der Stadt, das sich vielleicht in bestimmten historischen Bauten äußerte, verändern?Wie aber wird die zu erwartende völlig veränderte Einstellung zur Historie selbst, die völlig anderen Verhältnisse unserer geschichtlichen Erfahrungen, wie wird diese Änderung unsere Einstellung zu den historischen Bauten, unsere Wertung verändern? Welche Gewichtsverlagerung im Stadtbild entsteht durch die zusätzlichen Bauten? Wir haben ja ein Interesse daran, den geschlossenen kulturellen Ausdruck unserer schönen thüringischen Städte nicht zu zerstören. Im Gegenteil, wir werden ja alles daran setzen müssen, dieser Armut, der wir nun einmal unterliegen, den entsprechenden künstlerischen Ausdruck zu verschaffen. Denn auch Armut kann ein künstlerisches Gestaltungsmittel sein.Aber auch welche Veränderungen künden sich in der Technik an? Ich erinnere nur an die Atomzertrümmerung. Wir stehen ganz zweifellos am Beginn einer ganz neuen Entwicklung, die wahrscheinlich die Kraftversorgung unserer Städte, um nur etwas zu nennen, auf völlig andere Grundlagen stellt. Denn ein Isotop des Urans – U 2 – ist immerhin so weit entwickelt, daß schon heute auf der Santa Fe Bahnwagen damit angetrieben werden.Es wäre interessant darüber zu sprechen, wie diese Entwicklung unsere Baukunst selbst beeinflussen könnte. Doch, ich fürchte mißverstanden zu werden, wenn ich ohne jedes Bildmaterial spreche. Es wird die Zeit kommen, wo man an geleisteter Arbeit darstellen kann, wohin der Weg gehen könnte. Soviel soll aber doch gesagt werden, daß wir uns auch hier von jeder Einengung und vor jeder Lebensfeindlichkeit hüten sollten. Es hat den anderen europäischen Ländern durchaus nicht geschadet, daß man den verschiedenen Individualitäten der Künstler freien Spielraum ließ.
[…] In diesem Teil seines Referates ging Henselmann v.a. auf die Güterverteilung durch die Bodenreform u. die damit verbundenen Planungs- u. Bauaufgaben ein.
Doch nun möchte ich noch etwas über die praktische Lösung dieser Aufgaben sprechen. Ich sagte Planung, das ist Zukünftiges bedenken. Und sprach davon, daß dieses zukünftige Bild vor allem in den Hirnen und Herzen derjenigen lebt, die sich ihre innere Struktur unverletzt über den Nazismus erhalten haben. Das aber sind wenige, denn im geistigen Bezirk kann man nicht lügen. Man dekuvriert sich immer.Und dann ein weiteres: ich sagte – diese Aufgaben sind beispiellos und wir können uns nicht auf Erfahrungen beziehen. Es müssen gewissermaßen erst die Dogmen herausgearbeitet werden, bevor wir sie verkünden können. Und dann ein drittes: es fließt eine solche Fülle von Fragen zusammen in der Gestalt einer Stadt oder eines Kreises – Fragen der Landesplanung des Industriebaues, des Denkmalschutzes, des landwirtschaftlichen Baues, des Brückenbaues, des Straßenbaues, der Landschaftsgestaltung – wird überhaupt ein einziger Mann dazu in der Lage sein, diesen Komplex zu bewältigen. Ich glaube – wenn erst einmal gewisse Richtwerte und Erfahrungssätze gefunden sind, ja. Solange das nicht der Fall ist – nein. Was also ist zu tun?Ich habe an der Hochschule eine Planungsgemeinschaft gegründet, die aus sämtlichen Professoren besteht – aus Dozenten der verschiedensten Fachgebiete, darunter Fachleute, die unter dem Eindruck der vorliegenden Aufgaben eigens berufen wurden. Diese Planungsgemeinschaft soll an ein oder zwei typischen Stadtplanungen, an ein oder zwei typischen Gutsaufteilungen, die Möglichkeiten herausarbeiten, unter Beziehung auf das unmittelbar Dringende und unter Beziehung auf das später Anstehende. Es wird anzustreben sein, daß gleichzeitig diese Männer, wie das teilweise geschehen ist, in den Landesämtern verankert sind, sodaß ein möglichst enger Kontakt zwischen Planung und Ausführung besteht. Es wird zu fragen sein, welche Stadt Thüringens besonders zerstört ist und welche dieser Städte Interesse hat, daß ihre Planung auf diese Weise durchgeführt wird. Sie soll als Muster vorgeplant werden. Das gleiche gilt von den Gütern. Und weiterhin soll jede Stadt und jeder Kreis das Recht haben – nicht die Pflicht – entweder den Mann, der von der Stadt oder dem Kreis mit der Planung beauftragt ist, hospitierend zur Anfertigung des Entwurfes zu dieser Planungsgemeinschaft zu entsenden oder sich einen Mann, der von uns vorgeschlagen wird, zur Planung anzufordern. Die Voraussetzung ist jedoch, daß ein klares Bild über die Totalschäden, die schweren und die mittleren Schäden besteht, daß diese Schäden in einem Lageplan verschiedenfarbig eingetragen werden. Schließlich sollte eine Rangfolgeliste, die nach sozialen und politischen Gesichtspunkten aufgestellt ist, über die Dringlichkeit dieser Bauten und über den geschätzten Materialbedarf Auskunft geben.Weiter rege ich an, um die Planung auf lange Sicht zu stabilisieren, daß die Städte und Kreise die Patenschaft für einen Studenten übernehmen, der entweder bereits studiert und sich in den letzten Semestern befindet, oder der neu ausgesucht wird. Vielleicht ein begabter Sohn der Stadt oder eines Dorfes, der entweder Abiturient oder Baugewerkschüler ist. Es könnte unter Umständen auch ein besonders begabter junger Arbeiter sein, ein Maurer oder Zimmerer, der sich dann zum Akademiker entwickelt. Die Stadt oder der Kreis zahlen der Hochschule einen bestimmten Unkostenbeitrag und sorgen für den Unterhalt des Studenten. Es wird sich immer um eine verhältnismäßig geringe Summe handeln. Für den Unkostenbeitrag an die Hochschule verpflichten sie sich1. den Studenten ganz auf die Aufgaben der Patenstadt oder des Patenkreises einzustellen während der Studiendauer. Selbstverständlich immer mit dem Blick auf die Gesamtentwicklung des Studenten.2. dem Studenten während der Studienzeit von einer gewissen Dauer ab Aufgaben zu stellen, die bei der Stadt praktisch vorliegen und ihr zu Gute kommen.Auf diese Weise schaffen wir einen neuen und modernen Studententyp und leisten auch hier ein Stück Aufbauarbeit. Denn es wird alles darauf ankommen, daß es uns gelingt, den Strömen von Haß und Vernichtung, die von den Nazis in unser Volk hineingepumpt wurden, einen Damm zu bauen und das Material, das wir dafür benötigen, ruht in uns selbst. Es ist der ungebrochene Wille, uns selbst aufzuopfern für die Idee der neuen Ordnung.
[…] Daran schlossen sich die Diskussion (Bl. 67r-75r) und die Schlussworte Hoffmanns u. Henselmanns (Bl. 76r, 77r) an.

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Ministerium für Wirtschaft und Arbeit [und Verkehr], Nr. 2385, Bl. 48r-77r, hier Bl. 48r, 52r-56r, 60r, 61r, 64r-66r (ms. Ausfertigung mit einzelnen hs. Korrekturen).