Nr. 68a
8. November 1945
„Die Umsiedlerfrage“. Die Aufgaben des Landes Thüringen und die Bildung von „Umsiedlerausschüssen“

PIT Weimar, den 8. November 1945Die Umsiedlerfrage– Die wichtigste Aufgabe des Landes – Pflicht zur Hilfeleistung – Umsiedlerausschüsse –von Regierungsrat M o n t a g

PIT Weimar
Von den Aufgaben, die dem Lande Thüringen durch die Sowjetische Militärverwaltung gestellt worden sind, ist eine der wichtigsten die Ansiedlung von Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Görlitzer Neiße , aus Polen , aus der Tschechoslowakei und aus anderen Staaten, die jetzt von den Deutschen verlassen werden müssen. Das ist eine Aufgabe, die gut zu lösen, das eigene Gewissen und die Verantwortlichkeit vor dem deutschen Schicksal und den Menschen verlangen.
Wie groß die Aufgabe ist, ergibt sich schon aus dem Verhältnis der Zahlen. Das durch den Regierungsbezirk Erfurt vergrößerte Land Thüringen hat jetzt eine Bevölkerungszahl von fast 3 Millionen Menschen. Darin sind enthalten rund eine Viertelmillion Westevakuierte, von denen ein größerer Teil das Land in den nächsten Monaten verlassen wird, ferner rund 150.000 Flüchtlinge aus den Gebieten zwischen Elbe und Oder und 343.000 Umsiedler aus den von den Deutschen zu räumenden Ländern, also neue Mitbürger , Menschen, die in Thüringen bleiben werden. Dazu kommen in den nächsten Monaten noch einige Hunderttausend weitere Umsiedler aus dem Osten, deren Zahl wahrscheinlich die Zahl der nach dem Westen Rückkehrenden beträchtlich übersteigen wird, so daß Thüringen im Jahre 1946 mit einer Bevölkerungszahl von weit über 3 Millionen rechnen muß. Rund herausgesagt, im nächsten Jahr wird sich Thüringen wohl um eine Million Menschen gegenüber dem Stande von 1939 vergrößert haben, das heißt, wir werden statt 2.446.000 Menschen annähernd 3 ½ Million in Thüringen zu beherbergen, zu ernähren und in Arbeit zu bringen haben.
Wir stehen also noch gewaltigen Schwierigkeiten gegenüber, die es in den kommenden Monaten und auch Jahren zu überwinden gibt. Auch Jahren, denn vieles, was heute in Umsiedlerfragen getan werden kann, wird nicht endgültig sein, wird später verbessert und ergänzt werden müssen.
Zunächst heißt es, die Menschenmassen organisiert ins Land hereinzunehmen und sie sinnvoll zu verteilen . Thüringen hat jetzt drei Übernahmelager in Erfurt, Gera und Altenburg, von denen aus die aus dem Osten oder Südosten ankommenden Transporte verteilt werden. Die Umsiedler bleiben nicht lange in diesen Lagern, möglichst nur ein, zwei Tage, um registriert, ärztlich betreut und untersucht und dann auf die thüringischen Kreise verteilt zu werden. Bei der Abnahme eines jeden Transportes wirkt ein Vertreter des Landesarbeitsamtes mit, um – so weit das heute schon möglich und absehbar ist – die ankommende Arbeitskraft an die richtigen Plätze zu lenken. Die ziffernmäßige Verteilung dagegen geschieht nach einem Verteilerschlüssel, welcher die agrarische Produktion der Kreise, ihre Bevölkerungszahl und die Belegungsdichte des vorhandenen Wohnraums zur Grundlage hat. Nach diesem Schlüssel werden Transporte in die Kreise geschickt. Die Kreise müssen aus sanitären Gründen die Umsiedler ca. 14 Tage in einem Quarantänelager aufnehmen und dann haben sie die schwere Aufgabe, die neuen Einwohner auf die Orte so gut wie möglich zu verteilen.
Natürlich ist dieser starke Zuzug für viele recht unbequem, denn es heißt bei ohnehin schon beschränktem Wohnraum sehr eng zusammenzurücken . Die thüringische Bevölkerung muß einsehen, daß die Aufnahme der Umsiedler eine politische Notwendigkeit ist, eine unausweichliche Folge des verlorenen Krieges – vor allem aber, daß eine gute und hilfsbereite Aufnahme eine moralische Angelegenheit ist, bei der es wahre Solidarität zu beweisen gilt.
Den vom Schicksal schwer getroffenen Menschen muß jede nur mögliche Hilfe zuteil werden. Vor allem müssen die Bürgermeister für Wohnung , Heizung und Kleidung sorgen und ihre Unterstützung und Initiative für die Eingliederung in den Arbeitsprozeß zur Verfügung stellen. Die Umsiedler dürfen nie das Gefühl haben, von der thüringischen Bevölkerung oder von Dienststellen als lästige Ausländer betrachtet zu werden. Leider sind im Lande einzelne Fälle von Mietwucher und von anderen Formen der Ausbeutung der Notlage vorgekommen. Von amtlicher Seite wird dagegen in schärfster Weise eingeschritten. Es muß aber auch durch einen moralischen Appell an Bevölkerung und Behörden erreicht werden, daß solche Dinge allgemein als verächtlich angesehen und damit unmöglich gemacht werden. Jeder in Thüringen muß wissen, daß es sich bei den Umsiedlern um Brüder in Not handelt, denen mit n Kräften zu helfen ist.
Der Umsiedler weiß natürlich am besten, wo ihn der Schuh drückt. Deshalb sollen in allen Gemeinden Umsiedlerausschüsse – möglichst aus allen antifaschistischen Parteien – gewählt werden, die unter der Leitung des Bürgermeisters arbeiten.
Aber auch die Umsiedler müssen zur Disziplin ermahnt werden. Hunderttausende können nur organisiert in das Land gelenkt werden. Jedes selbständige Handeln und Reisen würde zum Chaos führen. Deshalb können im Augenblick nicht sogleich alle berechtigten Wünsche befriedigt werden. Später können dann noch viele Verbesserungen getroffen werden.

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 248, Bl. 155r-157r (ms. Ausfertigung).