Nr. 76
30. November 1945
Schreiben des Landespräsidenten Rudolf Paul an den SMATh-Verwaltungschef Iwan S. Kolesnitschenko zur Bearbeitungsfrist für den befohlenen Wirtschaftsplan 1946

30. November 1945.Dr. P./Ca.
An dieSowjet-Militär-AdministrationHerrn Generalmajor Kolesnitschenko W e i m a r

Das Landesamt für Wirtschaft hat auf Grund des Befehls Nr. 103 Der Befehl 103 des Obersten SMAD-Chefs v. 19.10.1945 wies die Präsidenten der wirtschaftlichen Zentralverwaltungen sowie der Länder u. Provinzen an, Wirtschaftspläne für das Jahr 1946 zu erarbeiten u. der Militäradministration bis zum 15.11.1945 vorzulegen; der dem LAW erst am 27.10. in russ. Sprache übergebene, dann übersetzte Befehl ist überliefert in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Zeitgeschichtliche Sammlung, Nr. 85 (n.f.) mit einer ausführlichen Schilderung der unter solch enormem Zeitdruck durchgeführten Planungsarbeiten. die Industrie-Planung für das Jahr 1946 vorgelegt. Ich halte es für meine Pflicht, auf folgendes hinzuweisen: Bei der vom Landesamt für Wirtschaft zu leistenden Arbeit, die in hervorragender Weise von Herrn Professor Dr. Müller vom Statistischen Amt unterstützt wurde, waren innerhalb einer Frist von ca. einer Woche schätzungsweise 1,5 Millionen Zahlen zu bewegen. Die Beamten, die die Arbeit vorzunehmen hatten, haben zum Teil Tag und Nacht gearbeitet, einer sogar 36 Stunden hintereinander, und Herr Professor Dr. Müller ist bei der ausserordentlichen Arbeitslast, die auf ihm ruht, für einige Zeit zusammengebrochen.Die Frist, die zur Bearbeitung des Industrie-Planes zur Verfügung gestellt war, ist zu kurz. Der Befehl kam etwa Ende Oktober / Anfang November in die Hände des Landesamts für Wirtschaft bezw. des Statistischen Amts. Da vor Beginn der Bearbeitung dieser Planungdas Material aus dem Lande mittels Kraftwagen – um es zu beschleunigen – hinausgebracht und nach Korrektur und Richtigstellung wieder zurückgebracht werden musste, so verblieb als Zeit für die praktische Bearbeitung tatsächlich nur die vom 8. - 15. November. Ich nehme auf das Zeugnis der Militär-Administration, des Herrn Major Kaplun und des Herrn Kapitän Kleinermann Bezug, die sich davon überzeugt haben, in welcher ungewöhnlich angestrengten Arbeit in den beiden Ämtern zwecks Erfüllung des Industrie-Planes die Beamten und Angestellten tätig waren.Infolge der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit sind in der überreichten Planung Fehler enthalten. Aus diesem Grunde ist auch die Planung von mir nicht unterschrieben worden, da ich für unrichtige Zahlen nicht die Verantwortung für das Land übernehmen kann. Der Plan selbst ist von ausschlaggebender Bedeutung, da auf ihn die Reparationen und Produktionsauflagen zurückgehen werden.In Berlin ist Herr Marschall Shukow von den Präsidenten der Länder verschiedentlich vorgetragen worden, dass die gesetzten Fristen oft zu kurz sind und das darunter die Erledigung der gestellten Aufgaben leidet, und ihre Richtigkeit und Gründlichkeit sogar in Frage gestellt wird. Ich habe dabei den Eindruck gewonnen, dass Herr Marschall Shukow in Zukunft in diesem Punkte entgegenkommen wird.Nach den mir gewordenen Informationen seitens der Ämter des Landes soll eine zuverlässige Planung bis etwa 20. Dezember möglich sein, da sämtliche Posten noch einmal durchgeprüft und überrechnet werden müssen.Da ich den Standpunkt vertrete, dass der Sowjet-Militär-Administration daran gelegen sein muss, eine objektiv richtige Industrie-Planung zu erhalten und auf der anderen Seite die sachbearbeitenden Offiziere der Sowjet-Militär-Administration sich davon überzeugt haben, dass von den mit der Bearbeitung beauftragten Arbeitskräften das nur Menschenmögliche geleistet wurde, bitte ich die Sowjet-Militär-Administration,die endgültige Frist zur Abgabe der Industrie-Planung für das Jahr 1946 bis 20. Dezember 1945 zu verlängern.
(Dr. Paul)

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten , Nr. 645, Bl. 141r, 141v (ms. Ausfertigung).