Nr. 93a
9. Januar 1946
Bericht Hermann Henselmanns über die Sitzung des Planungsverbandes Hochschule mit den Referaten über „Planung und Wiederaufbau“ (Hermann Henselmann) und „Umsiedlung und Planung“ (Joachim H. Schultze) und dem Schlusswort des Landespräsidenten Rudolf Paul

Sitzung des Planungsverbandes Hochschule vom 9.Jan.1946. 1
In Gegenwart des Landespräsidenten Dr. Paul und der Landesdirektoren für Land- und Forstwirtschaft, für Kommunalwesen, für Wirtschaft und für Arbeit und Sozialwesen fand am 9.Jan.1946 in Weimar auf Einladung des Planungsverbandes Hochschule eine Sitzung statt, die der Leiter des Planungsverbandes, Reg. und Baurat Prof. Henselmann, mit einem Vortrag „Planung und Wiederaufbau“ eröffnete. 2 Unter Wiederaufbau im engeren Sinne sei die rein technische Aufgabe zu verstehen. Sie umfasse im wesentlichen die Wiederherstellung des Zerstörten, die Unterbringung der Flüchtlinge und die baulichen Aufgaben der Bodenreform. Anlass und Ursache dieser Aufgaben sind politischer Natur. Damit werden auch Richtung und Ziel dieser Aufgaben politischer Natur sein müssen, nämlich die Verkündigung eines Ordnungsbildes, das der Nation eine dauerhafte Befriedung 3 der Klassengegensätze gewährleistet. Eine Aufgabe von wahrhaft europäischer und nationaler Bedeutung. Der Vortragende gab darauf einen Überblick über die Wiederaufbautätigkeit in Russland, England und Frankreich. Die Aufgabenstellung innerhalb Deutschlands wird durch die Einflußsphären der Besatzungszonen auf das stärkste berührt. Neben der Möglichkeit der Neugründung und Entwicklung bestimmter Industrien und der Ausnutzung der vorhandenen Rohstoffe ist die gesamte deutsche Situation in Betracht zu ziehen. Um zu grundsätzlichen Lösungen zu kommen, bedarf es einer klar und exakt ausgeführten Analyse des Vorhandenen, die bisher noch nicht erfolgt ist. Der Planungsverband hat gerade die Aufgabe, diese exakte Analyse aufzustellen und die grundsätzlichen Fragen des Wiederaufbaues zu klären. Dazu bedarf es der Mitarbeiter aller Landesämter und vor allem auch des Landesplaners. Es gilt hierbei zunächst, die Struktur des Landes zu untersuchen und die Interessen der einzelnen Kreise und Städte aufeinander abzustimmen. In der nächsten Zeit ist mit weiteren 400 000 Flüchtlingen zu rechnen, für die ein Verteilungsschlüssel aufzustellen ist.Es ist Aufgabe des Planungsverbandes, der sich aus ersten Fachleuten und Spezialisten zusammensetzt, an Musterbeispielen mögliche Lösungen aufzuzeigen, um dadurch den verschiedenen Planern im Land die Richtung ihrer Planungstätigkeit anzugeben.Das bei der Arbeit Gefundene und als Vorbild Brauchbare soll festgehalten werden, um es durch Wort und Bild in Form von Zeitschriften und Mitteilungsheften weitesten Kreisen zugänglich zu machen. Es soll von maßgeblicher Seite dargestellt werden, wie unter den gegenwärtigen Umständen auf diesem oder jenem Gebiet am besten praktisch hinsichtlich der Planung vorgegangen werden muss. Im Anschluss an die Ausführungen Prof. Henselmanns hielt Prof. Dr. Schultze, der bekannte Geograf und Raumforscher aus Jena, 4 einen Vortrag über „Umsiedlung und Planung“. Einleitend wies der Vortragende darauf hin, dass die Umsiedlung nach einer sachkundigen objektiven Vorüberlegung erfolgen müsse. Sie ist eine typische Aufgabe der Raumforschung und Raumplanung. Die Probleme, die hierbei auftreten, sind derartig vielseitig und differenziert, dass ein fertiges Rezept hierfür nicht gegeben werden kann, zumal die Erkenntnis der geografischen Konstitution und des jeweiligen augenblicklichen Strukturzustandes ausschlaggebend sein müsse. An einer Karte zeigt Prof. Schultze die Zonen landschaftlicher Gunst und Ungunst in Thüringen; d.h. die gegensätzlichen Lebensfaktoren wie den gesamten Lebenscharakter, die Verschiedenartigkeit des Bodens, der Bodenschätze, die Vegetationszeiten usw.Eine zweite Karte stelle die danach ermittelten aktiven und passiven Räume Thüringens dar; nämlich die Gebiete mit Tendenz zur Bevölkerungsanziehung oder -abstossung. Neben irrationalen Momenten sei die Aktivität bezw. Passivität durch verschiedene Einzelregulierungen bestimmt, z.B. durch die Verfügbarkeit und Erschliessbarkeit von Wasser, den Natur- und Landschaftsschutz, die Verkehrsentlegenheit, durch die sehr geringe landwirtschaftliche Kapazität des Thüringens von 1946, die Industriekapazität und unterschiedliche städtische Ballungskraft. Die Ermittlung der aktiven, neutralen und passiven Gebiete gibt die Grundlage für die nach raumforscherischen Grundsätzen wissenschaftlich fundierte Verteilung der Flüchtlinge in Thüringen. Der Vortragende gab den mahnenden Hinweis, die passiven Gebiete auf das strengste gegen den Zuzug zu sperren.Auch der Herr Landespräsident Dr. Paul wies in seiner Ansprache auf die vordringlichste Aufgabe der Unterbringung der Ostumsiedler und im Zusammenhang damit auf die Schaffung neuer Bauernstellen hin. Zwar ist eine starke Zusammenballung der Menschen erforderlich, aber doch müsse die grundsätzliche Frage gestellt werden: Was kann dem Menschen hinsichtlich der einschränkenden Massnahmen, welche die Not der Zeit uns gebietet, zugemutet werden, wo ist hier die Grenze, die der Planer beachten muss? Daneben wird Thüringen trotz aller Schwierigkeiten gezwungen sein, an Nachbarländer zu liefern, in denen die Verhältnisse noch schwieriger sind. Auch wird es nicht zu umgehen sein, dass Frauen in gesteigertem Masse am Wiederaufbau mithelfen müssen. Im landwirtschaftlichen Bauwesen hat sich herausgestellt, dass Baumeister und Architekten auf diesem Bausektor über keine ausreichende Erfahrung und Sachkenntnis verfügen und hier noch eine gründliche Aufklärungsarbeit zu leisten ist. Hier hat die Planung einzusetzen und die Regierung bittet, möglichst beispielhafte Vorschläge auszuarbeiten. Der Wiederaufbau wird allen Widerständen zum Trotz mit allen verfügbaren Mitteln, die uns noch übrig geblieben sind, durchgeführt, und bei aktiver Mitarbeit aller werden bestimmt in kürzester Zeit Aufbauwerte zu sehen sein, vor allem Häuser, Wohnungen und Höfe für unsere alten und neuen Thüringer.Die Sitzung schloss mit einer allgemeinen Diskussion, bei der auf die einzelnen Fragen der Umsiedlung, der Flüchtlingsunterkünfte, der Arbeitseinsatzmöglichkeiten, auf die Baustoffwahl und -beschaffung, die Frauenarbeit und andere Fragen eingegangen wurde. Landespräsident Dr. Paul richtete an die Versammelten den mahnenden Appell, alle Hindernisse durch einen gesunden Optimismus zu überwinden. Wenn wir nur das Negative sehen, kommen wir nicht vorwärts. Dass Schwierigkeiten zu überwinden sind, wissen wir alle, und es gilt daher, mit Zuversicht an die Arbeit zu gehen und bedingungslos am Wiederaufbau mitzuhelfen.
Technischer Wiederaufbau Thüringen.der Leiter desBeglaubigt:Planungsverbandes Hochschule Carnap 5 Weimar, den 15.1.1946.Angestellte.gez.: Henselmann.Professor

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 255, Bl. 171r-172r (ms. Ausfertigung)

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