Nr. 96b
o. D.
Entwurf eines PIT-Berichtes über den Besuch des Lagers Gotha mit handschriftlichen Korrekturen und Ergänzungen Rudolf Pauls

Umsiedler, das Wort ist so oft in aller Munde, daß wir fast vergessen haben, daß es erst vor nicht allzu langer Zeit geprägt ist. Welch Elend, welche Not sind mit diesem Wort verbunden! Welche Probleme hat es heraufbeschworen, Probleme, die zunächst kaum lösbar erschienen. Wir alle spüren, wie schwer es ist, das Chaos zu klären und wieder aufzubauen.
Täglich, stündlich werden die Nöte des Landes von allen Seiten an den Präsidenten des Landes Thüringen, Dr. P a u l, herangetragen. Ueberall dort, wo es nicht weiterzugehen scheint, wird er Hs. eingefügt. um Hilfe gebeten – auch die Umsiedler sind zu ihm gekommen. In Erkenntnis der Größe dieses Problems entschloß sich der Herr Präsident Der Zusatz „innerhalb weniger Monate“ ist hs. gestrichen. , einmal alle andere Arbeit beiseitezuschrieben, um sich persönlich vom Stand der Dinge zu überzeugen. Er besuchte ein Umsiedlerlager in Gotha, schaute sich Arzt-, Krankenzimmere und die Wohnräume an, kostete in der Küche das Essen, erkundigte sich im Kindergarten des Lagers nach Kleidung und dem Ergehen der Kleinen, sorgte hier für einen Mantel, dort für Schuhe. Die Berichte des Oberbürgermeisters und des Landrats ergänzten das, was die Umsiedler erzählt hatten.
In einer Aussprache betonte Präsident Dr. Paul die weittragende Bedeutung, die die Ansiedlung der Umsiedler aus dem Osten für Thüringen hat. Gerade weil wir Träger einer Jahrhunderte alten Kultur sind, haben wir die Verpflichtung zu zeigen, daß wir auch heute noch Kultur besitzen. Gewiß ist es bei der schwierigen allgemeinen Lage des Landes nicht einfach, die Fragen der Unterbringung, der Arbeitsbeschaffung, der Versorgung mit dem Nötigsten des täglichen Lebens so zu regeln, wie wir es uns wünschen. Es wird sich aber ein Weg finden, allen zu helfen. Immer wieder aber müssen wir daran denken, dass die Umsiedler zwar heute „Umsiedler“ – Menschen aus dem Osten – sind, morgen aber, wenn sie ihre Wohnungen im Dorf oder in der Stadt bezogen haben, sind sie Thüringer, sind sie Landsleute. Gewiß wird Hs. ergänzt. es nicht leicht sein, gerade den vielen Frauen Arbeit zu verschaffen und für ihre Kinder zu sorgen. Wir werden also Kindergärten einrichten Hs. statt „schaffen“. im Interesse der Frauen – damit sie ohne Sorge um ihre Jüngsten ihrer Arbeit nachgehen können – und im Interesse der Wirtschaft, der es überall an Arbeitern mangelt. Der Krieg hat bewiesen, daß die Arbeitskraft der Frau genau soviel wert ist wie die des Mannes. Gehen wir also daran, die Frau en Hs. statt „Frau“. anzulernen, sie umzuschulen für die Berufe, in denen sie gebraucht werden.
Nicht nur die amtlichen Stellen, auch die einheimische Bevölkerung u. die Umsiedler selbst müssen die Bedeutung der Aufgaben begreifen Statt „erkennen“ (durchgestrichen). und Kopf u. Hände einsetzen, damit es in allerkürzester Frist kein „Umsiedler-Problem“ mehr gibt, sondern alle diese Menschen, die ausser Hab u. Gut auch ihre Heimat verloren haben, eingereiht werden in das schaffende Thüringen. Hs. Ergänzung Pauls. [ Und Präsident Dr. Paul wird der Erste sein, der mit seiner schon so oft bewiesenen Tatkraft die Geändert; in der Vorlage „u.“. Initiative eingreift u. den Weg weist. ] Hs. Ergänzung Pauls, dann wieder von ihm durchgestrichen.
Se Hermann Segall, Leiter der Abt. Presse u. Propaganda der Präsidialkanzlei; PIT-Chefredakteur.

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 256, Bl. 82r-83r (ms. Ausfertigung mit hs. Korrekturen u. Ergänzungen).