Nr. 96d
6. Februar 1946 Oberlandrat Hans Staas‘ Artikel „Die neuen Bürger Thüringens“ zur Bildung der Landeskommission

Die neuen Bürger Thüringens Bildung einer Landeskommission für Umsiedlerfragen von Oberlandrat Staas Auf diesen Zeitungsartikel ging sein Aufsatz „Die Lösung des Umsiedlerproblems in Thüringen“, in: Demokratischer Aufbau 1 (1946), S. 40-42 zurück; Hans Staas (KPD/SED) war mit VO des Landesamtes für Kommunalwesen v. 29.12.1945 (RbTh 1946 II, S. 25) rückwirkend zum 17.12.1945 zum Oberlandrat für Westthüringen („Oberlandrat West“) ernannt worden u. wurde am 28.2.1946 zum Leiter des Präsidialamtes ernannt.

Kaum eine zweite Frage steht so im Blickpunkt des allgemeinen Interesses und ist vielleicht auch so sehr Ziel der Kritik wie die F r a g e d e r U m s i e d l e r. Aber auch kaum eines der Probleme, die uns der verlorene Nazikrieg zu lösen zwingt, ist so schwer und bedarf in so hohem Maße der schnellsten Klärung wie dieses.
5 0 0 0 0 0 U m s i e d l e r a u s d e m O s t e n s i n d i n z w i s c h e n n a c h T h ü r i n g e n h e r e i n g e s t r ö m t. Weitere Hunderttausende werden in Kürze folgen. Alle diese Menschen kommen nach dem Verlust ihrer Heimat und meistens ohne jede Habe in unser Land, um hier seßhaft zu werden und eine neue Heimat zu finden. Sie alle tragen an dem furchtbaren Krieg nicht mehr und nicht weniger Schuld als wir, sie haben nur durch die Zufälle des Kriegsgeschehens und im Zuge der Entwicklung eine ungleich schwerere Last als wir auf ihre Schultern nehmen müssen,
Es ist darum ein G e b o t d e r M e n s c h l i c h k e i t und der Solidarität, daß die Thüringer, denen ein gütiges Schicksal H e i m a t u n d B e s i t z g e l a s s e n h a t, den neu zu ihnen kommenden Landsleuten Tür und Herz öffnen und ihnen alle die Hilfe angedeihen lassen, derer Im Artikel „deren“. sie so dringend bedürftig sind.
Die Umsiedler sind, das muß ganz deutlich gesagt werden, n e u e B ü r g e r d e s L a n d e s T h ü r i n g e n. Es wäre völlig verfehlt und bedeutete auch bitteres Unrecht für die Betroffenen, wenn die Umsiedler von der einheimischen Bevölkerung als zu duldender Fremdkörper angesehen und dementsprechend behandelt würden. Vielmehr gilt es, daß die eingessene Bevölkerung die neu hinzukommende möglichst schnell und reibungslos assimiliert, damit sie in Kürze ein integrierender Bestandteil der thüringischen Bevölkerung wird.
Es gibt kein Gebiet des öffentlichen Lebens, das durch die U m s i e d l e r f r a g e nicht berührt und in Mitleidenschaft gezogen wird: Die Bereitstellung bzw. Errichtung von Wohnraum erscheint besonders vordringlich, denn es muß angestrebt werden, daß die Umsiedler in kürzester Frist aus den Lagern und provisorischen Unterkünften herauskommen und wieder in den B e s i t z e i g e n e n W o hn r a u m s g e l a n g e n. Der Aufenthalt in Lagern, Turnhallen usw. darf unter gar keinen Umständen ein Dauerzustand werden.
Die Herstellung und Verteilung des nötigen H a u s r a t e s, der Betten, Küchengeräte usw. ist ebenso wichtig, denn wir wollen und müssen den Umsiedlern möglichst schnell Gelegenheit geben, wieder einen eigenen Haushalt zu führen.
Die F r a g e d e r A r b e i t s b e s c h a f f u n g stellt eine besonders schwierige Aufgabe dar, denn die überwiegende Zahl der Umsiedler besteht aus Frauen und Kindern, und soweit überhaupt Männer in den Umsiedlertransporten anzutreffen sind, handelt es sich fast ausschließlich um alte oder arbeitsunfähige Männer. Wir müssen also durch Schaffung von entsprechenden Beschäftigungsmöglichkeiten in der Industrie oder durch Heimarbeit den Frauen Erwerbsquellen erschließen.
Hieraus ergibt sich zwangsläufig das nächste Problem, das der S c h a f f u n g v o n K i n d e r g ä r t e n und K i n d e r h e i m e n, um eine Unterbringung der Kinder während der Arbeitszeit ihrer Mütter zu ermöglichen und ihre Betreuung sicherzustellen. Die g e s u n d h e i t l i c h e B e t r e u u n g der Umsiedler ist besonders vordringlich. Sie darf unter keinen Umständen mit ihrer Entlassung aus dem Quarantänelager als abgeschlossen gelten, sondern muß auch dann weiter erfolgen, wenn die Umsiedler in feste Wohnungen eingewiesen und damit Bestandteil der bodenständigen Bevölkerung geworden sind.
Nur einige der hauptsächlichen Fragen des Umsiedlerproblems sind hier angedeutet worden. Sie lassen aber bereits erkennen, daß die Lösung aller dieser Fragen nicht von einer Behörde oder von der Verwaltung erfolgen kann, sondern daß nur eine G e m e i n s c h a f t s l e i s t u n g der gesamten Bevölkerung, aller Kreise und Schichten, in dieser Schicksalfrage Erfolg verspricht. Getragen von dieser Auffassung, hat der P r ä s i d e n t d e s L a n d e s T h ü r i n g e n in diesen Tagen eine L a n d e s k o m m i s s i o n f ü r d i e U m s i e d l e r f r a g e berufen, die ihm selbst unmittelbar unterstellt ist und zu der alle Landesämter der Landesverwaltung, die Parteien, die Gewerkschaften, die Jugendausschüsse, die Frauen, die Industrie- und Handelskammern und nicht zuletzt die U m s i e d l e r s e l b s t einen Vertreter entsenden. Dieser Landeskommission zur Seite gestellt ist ein g e s c h ä f t s f ü h r e n d e r A u s s c h u ß, in dem die bisherige Abteilung für Umsiedlung im Landesamt für Kommunalwesen aufgeht.
Diese L a n d e s k o m m i s s i o n und der geschäftsführende Ausschuß sollen der Motor sein, der seine Kraft überträgt in alle Städte und Dörfer des Landes Thüringen. Aus diesem Grunde werden in allen Kreisstädten sowie in den kreisfreien Städten K r e i s k o m m i s s i o n e n gebildet, die ähnlich der Landeskommission zusammengesetzt sind und deren ausübendes Organ ebenfalls ein geschäftsführender Ausschuß sein wird. Darüber hinaus aber wird in jedem Ort des Landes Thüringen eine solche Kommission gebildet werden, um eine völlig einheitliche Durchführung der notwendigen Maßnahmen zu gewährleisten. Frei von jeder bürokratischen Hemmung wird so auf breiter demokratischer Basis an die Lösung des Umsiedlerproblems herangegangen. Rund eine Million deutscher Landsleute müssen in Thüringen heimisch gemacht werden. Wir alle lindern damit nicht nur unendlich viel Not und Leid, sondern wir helfen zugleich auch damit an dem Wiederaufbau eines neuen Deutschland.

Quelle: Tribüne, 6.2.1946