Nr. 101j
7./9. Mai 1946
Bericht des „Thüringer Volk“ (SED) über den Nordhäuser Schwurgerichtsprozess gegen Josef Puttfarcken

Lebenslängliches Zuchthaus für PuttfarkenErste Schwurgerichtsverhandlung in Thüringen gegen einen Nazidenunzianten
Am Dienstag, den 7. Mai, fand in N o r d h a u s e n die erste Verhandlung vor einem T h ü r i n g e r S c h w u r g e r i c h t statt. Auf der Anklagebank saß der Justizamtsangestellte J o s e f P u t t f a r k e n, der Anfang 1942 den Antifaschisten K a r l G ö t t i g den Nazibehörden d e n u n z i e r t e. Göttig wurde durch das Zeugnis Puttfarkens vom Kasseler Oberlandesgericht z u m T o d e v e r u r t e i l t und im August 1942 h i n g e r i c h t e t.
Die vom Oberstaatsanwalt Dr. K o r n, Nordhausen, vertretene Anklage, lautete auf M o r d i n m i t t e l b a r e r T a t e i n h e i t. Der Vertretung der Anklage angeschlossen hatte sich der Thüringer Generalstaatsanwalt Dr. K u s c h n i t z k y. Vorsitzender des Schwurgerichts war Landgerichtsdirektor Dr. B u c h w a l d, Norddhausen, dem Amtsgerichtsrat Dr. K ö n e n, Heiligenstadt, und s i e b e n G e s c h w o r e n e aus der Nordhäuseer Bevölkerung zur Seite standen. Zum Offizialverteidiger des Angeklagten war Rechtsanwalt Dr. T r a u t m a n n, Erfurt, bestimmt worden. In Anbetracht der großen Bedeutung des ersten politischen Prozesses dieser Art im neuen Deutschland hatte die Landesverwaltung den Vizepräsidenten des Thüringer Oberlandesgerichts, Herrn M a g e n, Gera und den politischen Oberstaatsanwalt B e r g e r, Weimar, als Beobachter zu der Verhandlung entsandt.
Wegen der großen Erregung, die der Fall Puttfarken seit über einem halben Jahr in der gesamten Nordhäüser Bevölkerung hervorgerufen hatte, fand die Schwurgerichtsverhandlung im Saal der ehemaligen Loge statt, der bis zum letzten Platz besetzt war von Vertretern aus allen Schichten der Nordhäuser Bevölkerung, die aufmerksam dem Prozeßverlauf folgten.
Nach einer kurzen Begründung der Anklage durch Oberstaatsanwalt Dr. Korn wurde der Angeklagte Puttfarken zum Tatbestand vernommen. Puttfarken ist eine von jenen beschränkten, kleinlichen und hinterhältigen Kreaturen, wie sie sich zu Tausenden der Hitlerpartei 1933 anschlossen in der Hoffnung, durch treue Gesinnung ihre Unfähigkeit zu ersetzen und mit Hilfe der Nazipartei auf der Stufe des Lebens emporzuklettern. Er war in untergeordneter Stellung im Nordhäuser Finanzamt tätig. Seine Kollegen rückten von ihm ab, weil allgemein sich die Auffassung verbreitete, dieser Mann ist nicht sauber, er ist ein Beauftragter oder Spitzel der Gestapo. Er war im Dienst nachlässig, schlich spionierend durch die Korridore, interessierte sich für jede Kleinigkeit und unter anderem auch dafür, daß auf dem Abort eine schadhafte Stelle an der Wand war, die er mit Papier verklebte. Als das Papier immer wieder abgerissen wurde, heftete er ein Stück Karton an die Wand.
Eines Tages sah er einen ihm unbekannten Mann aus dem Abort herauskommen, kontrollierte sofort die überklebte Stelle des bewußten Ortes, fand sie wieder abgehlöst und beschrieben mit den Worten: „H i t l e r i s t e i n M a s s e n m ö r d e r u n d s c h u l d a m K r i e g e.“ Er lief dem Manne nach, hielt ihn fest, meldete ihn seiner vorgesetzten Behörde und sorgte für seine Auslieferung an die Nazipolizei. Es handelt sich um den Handelsmann K a r l G ö t t i g, der im Finanzamt seine Geschäfte erledigt hatte.
Schon die Vernehmung Puttfarkens, aber besonders die Zeugenvernehmung ergab, daß der Angeklagte aus einer niedrigen Gesinnung heraus, weil er Vorteile für sich selbst davon erhoffte, einen Familienvater mit zwei Kindern denunzierte. Angeblich will er sich der Tragweite der Denunziation nicht im vollen Maße bewußt gewesen sein. Er rechnete nicht mit Todesstrafe, sondern mit einigen Jahren Zuchthaus für Göttig. Aber durch Zeugenaussagen wurde festgestellt, daß eer sich nach der Hinrichtung Göttigs geäußert hat, es sei ganz recht, daß Göttig hingerichtet wurde. Puttfarken versuchte außerdem, die Dinge so darzustellen, als sei Göttig nicht in erster Linie wegen der Aufschrift auf dem Zettel, sondern wegen Abhörens ausländischer Sender zum Tode verurteilt worden.
Die Vernehmnung der dreißig Zeugen erbrachte nichts wesentlich Neues. Sie erhärtete nur das Bild des Angeklagten als eines eigensüchtigen Strebers, der in Ausnützung der Konjunktur in der Nazizeit es zu etwas bringen wollte und fähig war, dabei über Leichen zu gehen.
In einem glänzenden einstündigen Plädoyer wies Oberstaatsanwalt Dr. K o r n zunächst darauf hin, welche gewaltige Erregung der Fall Puttfarken und das Bekanntwerden der Abschiedsworte des hingerichteten Karl Göttig an seine Familie in der gesamten Öffentlichkeit hervorgerufen hatte, wie die Presse sich seiner annahm und wie der Massenwillen der Nordhäuser Bevölkerung zur Bestrafung des Denunzianten in der gewaltigen Kundgebung am 30. Januar zum Ausdruck kam. Er kennzeichnete die Gewaltjustiz und Rechtsbeugung im Hitler-Deutschland und die große Verantwortung, die die Justiz im heutigen neuen Deutschland hat, das wieder ein wirklicher Rechtsstaat ist.
Nach einer zusammenfassenden Darstellung des Tatbestandes und der Kennzeichnung der Motive Puttfarkens stellt der Oberstaatsanwalt fest, daß eine p l a n m ä ß i g e H a n d l u n g s w e i s e vorliegt, deren Folgen bei den damaligen Verhältnissen vorausgesehen werden mußten. Es spielt keine Rolle, ob noch andere Anklagepunkte für das Todesurteil gegen Göttig vorhanden waren.
Fest steht, daß Puttfarken das meiste getan hatte, um das Verfahren in Gang zu bringen und das Todesurteil herbeizuführen.
Darum ist Puttfarken der wahre Mörder Göttigs und muß nach unseren Rechtsgrundsätzen als Mörder bestraft werden. Er hat sich mit dem Erfolg seiner Tat gerühmt. Er zeigt bis heute keinerlei Spur von Reue. Er brachte im Gegenteil seine Genugtuung zum Ausdruck. Und diese Sinnesart ist das Entscheidende.
Der Oberstaatsanwalt betonte zum Schluß, daß ein solcher Mörder, der aus niedriger Gesinnung heraus bewußt und auf seinen Vorteil bedacht einen Menschen durch andere ums Leben bringen läßt, für ihn grauenhafter ist als ein krimineller Mörder, der seine Tat selbst im Affekt begeht.
Der Antrag lautet darum auf Verurteilung des Angeklagten wegen Mordes zum Tode.
Der Verteidigere Dr. T r a u t m a n n betonte seine ungeheuer schwere Aufgabe als bestellter Pflichtverteidger und hob in tiefgehenden, verantwortungsbewußten Ausführungen hervor, daß er bei der Behandlung der menschlichen Seite vollkommen mit der Charakteristik des Oberstaatsanwaltes übereinstimme. Der Angeklagte, der sich von seiner Denunziation Vorteile versprach, der eine abgrundtiefe, falsche und gefühlskalte Einstellung zu seiner Tat hat, der nicht eine Spur von Reue zeigt, verdient die strengste Strafe. Vom juristischen Standpunkt bittet er das Gericht, genau zu prüfen, welches Strafmaß mit dem Rechtsempfinden des Volkes und den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen vereinbar sei.
Darauf hielt der Generalstaatsanwalt Dr. K u s c h n i t z k y Im Bericht „Kuschnitzki“. ein für die gesamte Justiz im neuen Deutschland richtungsgebendes Plädoyer, das wir noch ausführlich veröffentlichen wserden. Auch er forderte die Todesstrafe für den Angeklagten.
P u t t f a r k e n beschränkte sich in seinem Schlußwort auf den einen Satz, daß eer vorher nicht wissen konnte, wie der ganze Fall ausgeht, und zeigte auch jetzt keine Reue.
Nach anderthalbstündiger Beratung verkündete Landgerichtspräsident Dr. B u c h w a l d das Urteil des Schwurgerichts:
Der Angeklagte Puttfarken wird wegen Beihilfe zum Mord zu l e b e n s l ä n g l i c h e m Z u c h t h a u s und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit verurteilt.

Quelle: Thüringer Volk, 9.5.1946.