Nr. 108b
11. Februar 1946
Ansprache des Landrates des Kreises Eichsfeld Aloys Schaefer zur Eröffnungskundgebung in Heiligenstadt

Ansprache des Herrn Landrats Aloys Schaefer (CDU) war vom 29.6.1945 bis zu seiner Verhaftung am 6.9.1946 – zwei Tage vor den Kommunalwahlen – Landrat; vgl. auch die entsprechende Fußnote zu Dok. …; in seinen Erinnerungen erwähnt Schaefer die Bauernkundgebung am 11.2.1946 mit der Ansprache des Landespräsidenten nur kurz – Schaefer: Lebensbericht (1995/E), S. 63. am 11.2.46 zur Bauernkundgebung in Heiligenstadt.
Herr Präsident! Eichsfelder Bauern! Werte Gäste!
Als Landrat dieses Kreises ist es für mich eine besondere Freude und Ehre, unseren Landespräsidenten Dr. Paul auf dem Eichsfeld begrüßen zu können. Mit der gleichen Herzlichkeit heißen wir auch seine Gattin willkommen, Frau Luise Paul, die Ihnen allen als Vorsitzende der Landesstelle Thüringen – Aktion gegen Not bekannt ist. Wir erblicken in diesem Besuch eine Anerkennung für unsere bisherige Aufbau-Arbeit und einen Ansporn zur Fortsetzung unserer Anstrengungen. Die Anwesenheit höher[er] Ergänzt. Vertreter der Kommandanturen, der demokratischen Parteien, der Gewerkschaften und insbesondere sämtlicher Ortsausschüsse der gegenseitigen Bauernhilfe unterstreichen die Bedeutung und Größe der heutigen Veranstaltung. Diese Kundgebung unseres Lebens- und Aufbauwillens soll vor allem die Einsatzbereitschaft des Eichsfelder Landvolkes zum Ausdruck bringen. Das Eichsfeld bildet im Rahmen des Landes Thüringen eine geographische, wirtschaftliche, politische und kulturelle Einheit. Durch die Zusammenlegung der Kreise Worbis und Heiligenstad zum Kreis Eichsfeld haben wir jetzt auch eine Verwaltungseinheit. Dafür sind wir der Landesverwaltung besonders dankbar. Wir sind nunmehr in die Lage versetzt, mit den Kräften beider Kreisteile die bevorstehenden Schwierigkeiten auf verschiedenen Gebieten zu überwinden. Der Name Thüringen – Weimar hat in den Tagen des nationalsozialistischen Dritten Reiches auf dem Eichsfeld keinen guten Klang gehabt. Frick, Sauckel und Konsorten schossen von dort die Giftpfeile des Nazismus mit besonderer Heftigkeit und Verwerflichkeit auf das Eichsfeld ab, um die politische und kulturelle Eigenart unseres Gebietes zu zerstören. Dieser Versuch ist ihnen bis auf einige bezahlte Nazisten nicht gelungen. Umso erfreulicher ist die demokratische Entwicklung seit dem Zusammenbruch. Das neue Thüringen hat den besonderen Verhältnissen des Eichsfeldes verwaltungsmäßig, politisch und kulturell in weitgehendem Umfang Rechnung getragen. Nachdem die demokratische Landesverwaltung auf allen Gebieten mit den Methoden und Zielsetzungen der Nazisten vollkommen gebrochen hat, können wir der festen Überzeugung sein, daß eine Rückkehr zur alten Thüringer Politik gegenüber dem Eichsfeld nicht mehr in Betracht kommt. In diesem sicheren und freudigen Bewußtsein ist das Eichsfeld sofort nach dem Zusammenbruch an die Wiederaufbau-Arbeit gegangen. Wenn bei dem letzten Sammelergebnis der Thüringen-Aktion gegen Not etwa 5 x so viel wie in den besten Nazizeiten geopfert wurde, dann ist diese soziale Haltung der beste Beweis für den Massen-Einsatz der Bevölkerung. Mit Unterstützung der Kommandanturen und aller demokratischen Kräfte ist es uns in verhältnismäßig kurzer Zeit gelungen, unsere öffentliche Verwaltung und unser Wirtschaftsleben wieder in Ordnung zu bringen. Seit der Neufestsetzung der Besatzungszonen im Juli vorigen Jahres ist das Eichsfeld ein Grenzbezirk geworden. Wir sind dadurch von unseren alten wirtschaftlichen Verbindungen nach Norden und Westen abgeschlossen und müssen nun versuchen, im Rahmen des Landes Thüringen und der übrigen Teile der russischen Besatzungszone eine ausreichende Lebensmöglichkeit zu finden. Dazu benötigen wir dringend die Unterstützung der Landesverwaltung, insbesondere zur Verbesserung unserer schwierigen Transportverhältnisse. Es fehlt uns an Lastwagen, Reifen, Ersatzteilen und Treibstoff. Wir sind bald nicht mehr in der Lage, die erforderlichen Lebensmittel, Rohstoffe und sonstigen Versorgungsgüter heranzuschaffen.Durch unsere Grenzlage wollen wir kein absterbender Zweig am Lande Thüringen werden. Wir wollen in unserem Grenzbezirk eine lebendige Brücke zu den übrigen deutschen Gebieten sein, die unter anderer Besatzung stehen. In dieser Eigenschaft haben wir mit der Durchschleusung von über 1 Million Evakuierter und Umsiedler bereits eine besondere Aufgabe zu erfüllen gehabt. Bei dem beginnenden Warenaustausch zwischen den verschiedenen Besatzungszonen insbesondere zwischen Hannover und Thüringen werden wir als Umschlagplatz gleichfalls eine gewisse Sonderstellung einnehmen. Bei unserer Grenzlage ist unser Ruf nach einer baldigen verwaltungsgemäßen und wirtschaftlichen Einheit aller früheren deutschen Gebiete verständlich und begründet.Bei diesen allgemeinen Verhältnissen unseres Kreises wird in erster Linie die Landwirtschaft berührt, denn sie bildet den Haupterwerbszweig des Eichsfeldes. Bei der Höhenlage, der schlechten Bodenbeschaffenheit und dem rauhen Klima können die Eichsfelder Bauern nur nach den größten Anstrengungen mittelmäßige Ernte-Erträgnisse erzielen. Im letzten Jahr sind durch Witterungs- und insbesondere durch Hagelschäden starke Ernteausfälle zu verzeichnen. Allein im Kreisteil Worbis sind 17 Gemeinden fast restlos verhagelt. Das Kreisablieferungssoll konnte nur dadurch erfüllt werden, daß in vielen Fällen fast sämtliches Brot-, Futter- und Saatgetreide abgegeben werden mußte. Unsere ständigen Versuche, eine Herabsetzung des Ablieferungssolls zu erreichen, sind leider ergebnislos gewesen. Ich fühle mich als Landrat dieses Kreises verpflichtet, mit aller Deutlichkeit nochmals auf die unabwendbaren Folgen hinzuweisen, wenn nicht unverzüglich geholfen wird. Am vordringlichsten ist die Freigabe von Saatgetreide für die Frühjahrsbestellung. Daneben werden Kunstdünger, landw. Geräte und Maschinen sowie Anspannvieh dringend benötigt, vor allem für unsere Neubauern aus der Bodenreform.Diese Feststellungen sollen keine Klagelieder sein, aber Tatsachen sind Tatsachen. Schwierigkeiten werden nicht dadurch überwunden, daß man sie verschweigt, sondern Mittel und Wege zu ihrer Behebung ausfindig macht. Aus dieser realistischen Einstellung heraus haben wir unseren Bürgermeistern und Bauern die Verpflichtung auferlegt, im Wege der Selbsthilfe alles nur Mögliche und Erdenkliche zu tun. Wir haben alle organisatorischen und propagandistischen Vorbereitungen getroffen, damit die Orts- und Kreisausschüsse der gegenseitigen Bauernhilfe bei der diesjährigen Frühjahrsbestellung ihre größte Wachsamkeit entfalten und ihre harte Bewährungsprobe bestehen. Wenn die vor uns liegenden Aufgaben der Landwirtschaft von Menschen überhaupt gelöst werden können, dann habe ich das große Vertrauen in den Fleiß und in die Findigkeit der Eichsfelder Bauern gesetzt, daß sie her erfüllt werden. Die Eichsfelder Bauern sind keine Pessimisten und Nörgler. Als Realisten und vernünftige Optimisten wissen sie, daß Arbeit, Mut und Wille über viele Notlagen hinweghelfen. Das Eichsfelder Landvolk steht zum Großeinsatz bereit, wenn es auf einigen Gebieten mit der Unterstützung der Landesverwaltung rechnen kann, wird auch der Erfolg gewiß sein. In diesem stolzen Bewußtsein begehen wir die heutige Kundgebung unter der hoffnungsvollen und zuversichtlichen Parole:„Eichsfelder Bauern!Wir schaffen es!“Herr Präsident, ich darf Sie nunmehr bitten, zum Eichsfelder Landvolk zu sprechen.

Quelle: Stadtarchiv Heiligenstadt, HIG: S 890 (ms. Ausfertigung); abgedr. bei: Schaefer: Lebensbericht (1995/E), S. 169-171.