Nr. 111c
25. Februar 1946
Stellungnahme des Reformpädagogen und Dekans der Jenaer Sozial-Pädagogischen Fakultät Peter Petersen

Der Gesetzvorschlag über die deutsche demokratische Einheitsschule gibt dieser den äusseren Rahmen. Seine Hauptbedeutung liegt darin, dass dieses Gesetz den unser Schulwesen zerklüftenden nebeneinandergestellten Schularten ein Ende machen und dafür eine in sich organisch gegliederte „Allgemeine deutsche Volksschule“ Petersens klassische, 1927 erstmals publizierte – später „kleiner Jenaplan“ – genannte Schrift trug den Titel „Der Jena-Plan einer freien allgemeinen Volksschule“. schaffen will. Es nimmt dabei Forderungen auf, die von Vertretern der deutschen Schulreform – Männer und Frauen der äussersten Rechten wie der Linken – seit zwei Generationen erhoben worden sind, und es verwertet die reichen Erfahrungen der praktischen Schulreform der letzten 30 Jahre. Die Auswertung der Erfahrungen dieser sogen. „inneren Schulreform“ ist selbstverständlich vorgesehen, und sie wird das Entscheidende seien, vor allem auch beurteilt von den Interessen der deutschen Universitäten und Hochschulen aus. Die Statistik belehrt uns darüber, dass in den besten Zeiten unserer alten höheren Schulen bereits – seit 60 Jahren – nur ein Viertel bis ein Fünftel der Sextaner diese Schulen bis zum Abitur durchliefen, 75 - 80 % gingen aus den allerverschiedensten Gründen vorher ab. Die Mehrheit war falsch eingeschult. Die „demokratische Einheitsschule“ wird mit Hilfe des aufgelockerten Jahresklassensystems, sowie mannigfacher, besonders auch örtlich bedingter Berufsschul- und Fachschulzügen diesen an sich ja sehr wertvollen, auch begabten, nur eben nicht für eine akademische Laufbahn prädestinierten Schülern eine bessere Vorbildung für Leben und Beruf geben als die bisherige höhere Schule vermochte. Die vom 5. Schuljahre an vorgesehenen Kurse für besonders Begabte gewährleisten, dass keine intellektuelle Kraft unnötig zurückgehalten oder vergeudet wird, vor allem können nun aber diese besonders Begabten sich im Hilfsdienst an den anders oder weniger begabten Mitschülern von früh auf an als gute Kameraden erweisen und bewähren, und dieser früh gewährte und jahrelang geübte kameradschaftliche Einsatz gilt volkserzieherisch beurteilt als ganz besonders wichtige Neuerung innerhalb der vorgesehenen Einheitsschule. Ausserdem besteht die grosse Hoffnung, dass über diese neue Einheitsschule hin zahlreiche Begabungen aus dem Volke heraus, die sonst ungepflegt oder doch ungenügend gepflegt geblieben sind, früher erkannt und gefördert werden und dass sie somit unmittelbarer an den rechten Platz gelangen. Die ungeheuren Opfer, die unser Volk in zwei Weltkriegen und den zwischen ihnen liegenden ebenfalls schweren Jahren gebracht hat, erfordern es gebieterisch, dass einem jeden deutschen Kinde durch den Staat selbst das Recht auf Berücksichtigung und Pflege seiner Anlagen und Fähigkeiten gegeben wird, dieselben Opfer nötigen uns ein Schulwesen zu entwickeln, das die so dringend nötigen Kräfte aus dem ganzen Volke zum möglichst geradlinigen Einsatz bringt. Wenn es gelingt, über die derzeitige Lehrernot hinwegzukommen, die – damit verglichen – für das Schulwesen weniger bedrohliche Finanznot einigermassen zu beheben, so eröffnet das Gesetz die Möglichkeit, den starken Rückgang unseres Schulwesens, das im 19. Jahrhundert in der Welt vorbildlich war, im Laufe der nächsten Jahrzehnte wieder auszugleichen.
Dr. Peter Petersen

Quelle: Universitätsarchiv Jena [der FSU Jena], Best. BB, Nr. 2, Bl. 65r, 65v (ms. Ausfertigung); abgedr. bei: Sommerfeld: Peter Petersen (1995/F), S. 273f.