Nr. 112e
27. Februar 1946
Tätigkeitsbericht des Landespräsidenten Rudolf Paul „Werdender Staat“

Meine Herren Offiziere der Roten Armee!Meine Damen und Herren!

Sieben Monate sind es her, seitdem die Landesverwaltung Thüringen von Marschall Shukow mit dem Aufbau und der Verwaltung unseres Landes betraut wurde. Sie, meine Damen und Herren, sind geladen worden, um einen Bericht entgegenzunehmen, dem ich die Ueberschrift geben möchte „Werdender Staat“. Für diese Bilanz ließ der Landespräsident von den Landesämtern und nachgeordneten Einrichtungen umfangreiche Berichte anfertigen, die zwischen dem 22.1. und 16.2.1946 vorgelegt wurden – überliefert in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 436, Bl. 2r-97r, 124r-129r; einige von ihnen sind abgedr. in: Berichte (1989/D), S. 176-199. Jedem Staatswesen, auch dem unvollkommenen, liegt eine höhere Idee zugrunde; denn jeder Staat ist niemals eine bloße Organisation, niemals eine Addition aller Einzelwillen, sondern jeder Staat, auch der unvollkommenste, ist ein Organismus, ein höheres Lebewesen. Nur so und nicht vom materiellen Erhalten-Wollen des eigenen Ichs her ist es zu erklären, was in diesen Wochen und Monaten an Arbeit, an Willen, an Opfern geleistet worden ist. Opfer, die oft bis an die Grenze der Selbstaufgabe gingen. In einer Nachtsitzung im Gebäude des ehemaligen Oberlandesgerichts Jena nahm unsere Landesverwaltung unter dem Vorsitz des bekannten Garde-Generalobersten Tschuikow, in dessen Händen damals die Verwaltung unseres Landes lag, im Juli 1945 ihren Anfang.Thüringen stand damals unmittelbar am Rande des Abgrundes und sah in grausige Tiefen hinein, Tiefen, aus denen es vermutlich kein Heraus gegeben hätte. Wir haben uns, wenn ich dieses Bild fortsetzen darf, gerade noch am letzten Rand haltender Erde festgekrallt und uns mit letzter Kraft und äußersten Anstrengungen auf diesen äußersten Rand festen Bodens wieder hinaufgezogen. Die Arbeiter krallten sich an ihren Arbeitsplatz; wie oft lag er unter Trümmern, wie oft fehlte es am Nötigsten zur Betriebsaufnahme, wie oft schienen Fabrik und Schacht zu einem Friedhofsdasein verurteilt. Wie haben unsere Bauern mit oft ungenügendem Anspann, ungenügenden Arbeitskräften, oft mangelhaften Maschinen, dazu noch zusätzlich gestraft durch den Schlechtwettereinbruch, die Ernte unter großen Schwierigkeiten hereingebracht, gedroschen und dann die Wintersaat wieder bestellt.„Thüringen ist eine glückliche Insel“, wie viele in Deutschland reden es töricht dahin und vergessen, daß unser Thüringen ein Land ist, arm an Bodenschätzen, mit einer Landwirtschaft, die in der Hauptsache in der Höhenlage auf kärglichem Boden arbeitet, ein Land zudem, das bestimmt nicht wärmer als irgendein anderes in unserem deutschen Vaterlande von der Sonne beschienen wird. Auch bei uns, so möchte ich diesen Predigern von der „glücklichen Insel“ sagen, waren Hunderte und aber Hunderte von Brücken gesprengt, sind Kriegsschäden von über einer Milliarde entstanden, gingen beim Besatzungswechsel wertvollste Güter mit nicht minder wertvollem rollenden Material in Abgang; 10 000 Waggons heißt die Ziffer. Wenn Thüringen heute im deutschen Raum verhältnismäßig geordnet dasteht, so verdankt es diese Stellung nicht der wärmeren Sonne, sondern der Tat! Aufgebaut auf dem Fleiß seiner Arbeiter und Bauern, der Initiative seiner Unternehmer und Intellektuellen, hat sich die Verwaltung des Landes in kürzester Zeit gefangen. Noch in der ersten Nacht, in der das Präsidium dieses Landes bestellt wurde, waren wir bei der Sowjet-Militär-Administration und lösten zusammen mit ihr vordringlichste Fragen. Wenige Tage darauf erschienen unsere ersten Richtlinien und – als sichtbare Zeichen eines sich aufrichtenden Rechtsstaates – die ersten Verordnungen und Gesetze des Landes. In diesen Tagen und Wochen empfand jeder einzelne von uns: Es bildet sich wieder ein Staat! Mit dieser Erkenntnis verschwand fast von heute auf morgen jenes Gemengsel von Stadt- und Dorfstaaten, die im Mai und Juni 1945 unserem Lande das Gepräge gegeben hatten. Ganz Thüringen erhob sich als Einheit zum Aufbau seines Landes!Wir streben zu einer neuen Demokratie. Wir sind uns darüber klar, daß diese neue Demokratie nicht identisch sein kann mit jener von 1918 folgende. Die Demokratie von 1918 wurde nur zu sehr und nur zu schnell verfälscht und zum bloßen Aushängeschild herabgewürdigt, hinter dem die Reaktion blühte und schließlich immer üppiger gedieh. Der Herr Oberbürgermeister von Weimar hat Ihnen eben einen Satz aus der Verfassung von Weimar verlesen: „Die Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ Ein schöner, ein herrlicher Satz! Aber ich sage Ihnen, wir wollen die Wahrheit als Wahrheit gelten lassen. Das Volk, von dem angeblich diese Staatsgewalt ausging, hieß seit dem Jahre 1926: deutsche Reichswehr. Dieser deutschen Reichswehr – der Avantgarde Hitlers, war, bevor ein Reichskanzler ernannt werden durfte, der Reichskanzler – pardon – zur Genehmigung vorzulegen. Herr Brüning wurde gerade noch genehmigt, weil er nachweisen konnte, daß er Reserveoffizier gewesen und am 9. November 1918 noch ablehnend der Revolution von damals entgegengetreten war. Wenn das das Volk ist, nämlich, daß eine Reichswehr von 100000 Mann über das Schicksal eines 60-Millionen-Volkes und dessen Staatsform förmlich vorab zu entscheiden hatte, dann verzichten wir von Herzen gern auf eine solche Form der Demokratie.Die Demokratie, die wir anstreben und von der wir Anhänger sind, ist eine kämpferische. Sie unterscheidet sich von der vorangegangenen dadurch, daß sie nicht an politischer Knochenweichheit leidet, und daß sie nicht die, welche da glauben, die Demokratie zum Abstreicher machen zu können, balsamweich mit Amnestie oder milder Festungshaft förmlich belohnt. Unsere Demokratie ist, wie ich mit der Ueberschrift „Werdender Staat“ andeutete, noch im Werden. Es fehlt noch das Landes-, es fehlen noch die Stadtparlamente, welche mitbestimmen, mitbeschließen und nicht zuletzt die Verantwortung mit tragen. Vor allem fehlt die alles umschließende und überdeckende Glocke: die Verfassung selbst.Der heutige Tag, meine Damen und Herren, stellt den ersten großen Ansatz zur Ueberleitung in unsere neue Demokratie dar. Namens der Landesverwaltung Thüringen halte ich nicht nach dem Vorbild Hitlerischer Reichstagssitzungen eine Rede über Ihre Köpfe hinweg, sondern namens der Landesverwaltung erstatte ich Bericht. Ich gebe Ihnen Gelegenheit, wer es auch sei und wozu es auch sei, zu diesem Bericht Stellung zu nehmen, darüber zu diskutieren, und, was noch schöner wäre, uns mit aus Ihrer Mitte herauskommenden Anregungen und neuen Gedanken zu helfen. Der zu erstattende Bericht enthält Tatsachen, enthält Zahlen. Er ist frei von jeder Schönfärberei. Die Landesverwaltung hält es für ihre vornehmste Pflicht, bei dieser Berichterstattung sich jeglicher propagandistischer Hilfsmittel, sprich: Stimmungsmache, zu enthalten.Das vordringlichste Problem unserer Tage heißt: Ernährung. Hinter ihm treten alle anderen zurück, alle Schwierigkeiten, alle Probleme, welche sich als unmittelbare Auswirkungen Hitlerischer Kriegspolitik vorstellen: der Aufbau der zerstörten Städte, die Schaffung von Wohnraum für Neubürger, die Waggonverknappung, der Kohlenmangel, Energieknappheit, Arbeitsbeschaffung, Seuchengefahr, und wie sie alle heißen mögen. Die Ernährung ist das ernsteste Problem, denn das beste politische und wirtschaftliche Programm versagt und muß versagen, wenn man nicht in der Lage ist, den Menschen zu ernähren. Zum Problem Ernährung will ich in Zahlen sprechen. Im Frieden hatte Thüringen eine Einwohnerzahl von 2,4 Millionen. Diese Einwohnerzahl beträgt jetzt 3 Millionen. Es kommen im Laufe des Frühsommers voraussichtlich noch rund 400 000 Neubürger hinzu, so daß die thüringische Bevölkerung sich von 2,4 auf etwa 3,4 Millionen erhöhen wird. Das bedeutet, daß die Bevölkerungsdichte von 156 Menschen auf den Quadratkilometer auf rund 220 steigen wird. Dabei ist weiter zu berücksichtigen, daß Thüringen ein Waldland ist. Ein Drittel seiner Bodenfläche dient nicht der Landwirtschaft, sondern der Holzerzeugung. Hinzu kommt, daß wir Thüringer nicht nur uns selbst zu ernähren haben, sondern darüber hinaus andere Länder und Provinzen miternähren, die in größter Not sind. Die letzte, harte Belastung für uns hieß Viehabgabe nach Mecklenburg und Brandenburg: 73 000 Stück! Der Hitlerkrieg bis „5 Minuten nach 12“ hat diese deutschen Länder nahezu ihrer gesamten Viehbestände beraubt; ihnen mußte darum vordringlichst geholfen werden.Aus alledem ergibt sich zwangsläufig, daß die Ernährungsdecke Thüringens hauchdünn ist. Im Sommer 1945 hatte die Landesverwaltung als erstes einen Aufruf unterzeichnet, nach dem wir im Gegensatz zu früheren Zeiten nicht durch die Höfe und Böden der Bauern gehen wollten. – Bauern, ich gebe offen zu, wir haben das Wort nicht gehalten, weil wir es nicht haben halten können! Die Umstände und die manchmal schier zu Boden drückenden Belastungen, die hinterher auftauchten, waren stärker als das gegebene Wort. Bei unserem ersten Aufruf wußten wir nichts davon, daß wir über 1 Million Menschen von Osten nach Westen durchschleusen mußten, zu unserer Bevölkerungsziffer eine weitere Million Menschen stoßen würde, und die Länder Mecklenburg, Sachsen, Brandenburg und Berlin in höchster Not unserer Unterstützung bedurften. Als diese Nöte unserer Nachbarländer an die Landesverwaltung herankamen, mußte sie als die eines deutschen Landes den selbstverständlichen Standpunkt einnehmen, nicht so sehr auf die Landesgrenzen als darauf zu sehen, daß deutsche Menschen in deutschen Ländern nicht Hungers starben. Darum haben wir uns für verpflichtet gesehen, allergrößter und letzter Not zu steuern, und aus diesem Grunde, und nur darum, haben wir nicht zu unserem Worte stehen können. Spätere Zeiten werden einmal der Tatsache gerecht werden, daß unser in landwirtschaftlicher Beziehung bescheiden dastehendes Land Thüringen bis an die äußerste Grenze seines Könnens gegangen ist, um Deutsche vor dem Verhungern zu retten.Ich stelle unseren Thüringer Bauern das Zeugnis aus, im Abwehrkampf gegen solche Not fast bis zur Selbstaufgabe mitgeholfen zu haben. Viele haben sogar ihr Brotgetreide abgegeben, als Selbsterzeuger auf Marken Brot gekauft, um anderen zu helfen. Darum spreche ich heute nochmals aus, was ich anderswo schon einmal sagte: Das Wort vom „selbstsüchtigen Bauern“ hat in Thüringen seine Revision erhalten.Wenn wir heute nach Brandenburg und Mecklenburg Vieh liefern, so liegt dieser Viehabgabe folgende Erwägung zugrunde: Liefern wir nicht, so sind diese Länder für Jahre hindurch außerstande, ihre Felder zu bestellen und abzuernten, denn es fehlt an Gespannvieh und an Mist. Thüringen und mit ihm die Provinz Sachsen müßten dann nicht nur dieses eine Jahr, sondern zwei, drei und wer weiß wie viele noch die Last tragen, die es jetzt bedrückt. Darüber sind wir uns aber alle klar, die hauchdünne Ernährungsdecke, die wir jetzt hinnehmen müssen, die Last, die wir jetzt durch die Mitverpflegung anderer Länder tragen, alles dies müssen wir durchhalten bis zum Anschluß an die nächste Ernte. Ein weiteres, vielleicht sogar mehrjähriges Tragen solchen Ballastes ist undenkbar und untragbar.Am 24. Februar haben unsere Bauern den „Tag der Bereitschaft“ begangen. Sie wissen, die, Landesverwaltung war zuvor mit einem Appell wegen der Frühjahrsbestellung an die Bauernschaft herangetreten; die Winterbestellung ist mit 90% im Boden. Der Herr Landrat von Weimar hat vorhin die Frage aufgeworfen: „Was tut das Land Thüringen für den Bauern, was wird uns der Herr Präsident namens der Landesverwaltung zu sagen haben?“ Auf diese Frage kann ich mit Tatsachen und stolzen Zahlen antworten. Wir helfen zunächst mit der „Bauernhilfe der Industrie“. Zur Reparatur des landwirtschaftlichen Maschinenparks gab die Landesverwaltung 3 Millionen Kredit. 203 stationäre Werkstätten wurden eingerichtet. Ueber ihre Tätigkeit will ich Zahlen nennen: Ich hatte in den letzten Wochen Gelegenheit, in großen Bauernkundgebungen zu sprechen.Damals hatten wir repariert 465 Schlepper, und heute nenne ich die Zahl: 3199. Damals waren in Ordnung gebracht: 2500 Pflüge, in der Zwischenzeit sind es 3395 geworden. Wir haben viele Tausend Eggen, über 800 Getreidemäher, über 1200 Dreschmaschinen repariert. Diese Zahlen sprechen eine klare Sprache: schon im Anlauf der ersten zwei Monate bekam der Maschinenpark ein anderes Gesicht. Daneben haben wir 16 Pflugstationen mit 62 Pflugsätzen eingerichtet. Es werden bis zur Heuernte 5000 neue Ackerwagen erstellt, und in diesem Tempo werden wir weiter laufend fabrizieren. Für den Hausrat und für das Inventar gaben wir 6 Millionen Kredit. Daneben gewähren wir langfristige Kredite an nicht vermögende Bauern und an Neusiedler. Wir geben aus den Reichslagern mit Genehmigung der SMA. wertvolle Teile und wertvolles Material für die landwirtschaftlichen Maschinen heraus und werden aus dem Westen Teile hereinzuholen versuchen, die wir hier nicht haben. Und nicht zuletzt eine hochwichtige Tatsache: Unterwellenborn, die Hochöfen Thüringens, sind vor einigen Tagen wieder angelaufen!Meine Damen und Herren! Hochöfen stehen verdächtig nahe neben der Rüstungsindustrie. Von den Alliierten wird die Linie verfolgt, Hochöfen abzubrechen, um die Gefahr der Aufrüstung zu bannen. Wenn der Hochofen in Unterwellenborn nicht zum Abbruch gekommen ist, ja wenn darüber hinaus im Kompensationswege aus der Ruhr laufend Koks und Steinkohle nach Unterwellenborn kommen, so daß wir dort für unsere Friedensindustrie Stahl und Eisen erzeugen können, so verdankt Thüringen das ausschließlich einem Mann, und dieser Mann heißt Marschall Shukow.Meine Bauern, ich weiß, daß Sie sich Sorge machen wegen des Saatgutes. Ich kann Sie beruhigen. Herr Generalmajor Kolesnitschenko hat die Bereitstellung der benötigten Mengen in Aussicht gestellt, und ich habe auf Grund dieser Unterhaltung die begründete Zuversicht, daß wir sie in Kürze erhalten. Bei den Kartoffeln ist es mit der Einfuhr von Saatgut unendlich schwierig bestellt. Früher bezogen wir es aus dem Wartheland, der Posener Gegend, aus Landstrichen östlich der Oder. Von dorther Saatkartoffeln zu erhalten, ist aussichtslos. Möglicherweise erhalten wir einige Mengen aus einer anderen Zone. Dabei warne ich vor falschen Hoffnungen. Es ist ausgeschlossen, daß wir für dieses Frühjahr auch nur annähernd die Hochzuchtmengen hereinbekommen, wie wir sie früher in Thüringen einführten. Infolgedessen gilt für Sie, meine Bauern, eines: Sie müssen sich untereinander helfen, Saatgut untereinander austauschen, um der Bodenmüdigkeit vorzubeugen. Die Arbeiten und Schwierigkeiten auf dem flachen Lande wurden noch niemals durch Verordnungen und Gesetze überwunden, sie wurden durch Männer gemeistert. Bauern, ich habe das Vertrauen zu Euch, daß Ihr Männer seid! Der Treibstoff bereitet keine Sorge. Wir werden für die Landwirtschaft mehr erhalten als in den Jahren 1944 und 1945. Der Anspann reicht gerade hin. Die geringe Anzahl fehlender Arbeitskräfte auf dem Land wird gestellt. An Arbeitsanzügen erhalten die Bauern in wenigen Wochen rund 400 000 Stück.Zur Schaffung von Wohn- und Stallraum für die Neubauern wurde vom Land zunächst ein Anlaufkredit von 87 Millionen Mark gegeben.Ich komme zur Bodenreform. Ueber sie ist viel gesprochen und geschrieben worden. Infolgedessen kann ich mich kurz fassen. Ich kann nur unterstreichen, daß die Landesverwaltung Thüringen den Standpunkt vertritt: die Bodenreform ist historisch und politisch berechtigt! Das erlassene Gesetz ist in seiner Zielrichtung gut. Wir alle wissen, daß selbst ein gutes Gesetz in den Händen Ungeschulter manchmal falsch und schlecht angewandt wird, wie umgekehrt ein guter Richter mit einem schlechten Gesetz noch Gutes anzufangen vermag. Wir sind uns infolgedessen darüber klar, daß dieser und jener Fehler bei Durchführung des Gesetzes vorgekommen ist. Er wird seine Bereinigung finden. Wenn aber Klagen kommen und der eine sagt, ich gehöre nicht zu denen, die in den Gebäuden des bisherigen großen Gutshofes verbleiben konnten, ich muß neu bauen, oder einer hängiges Gelände bemängelt und auf die ebene Lage der Felder der anderen hinweist oder bärmelt, ich habe keinen Wald gekriegt, weil eben keiner da war, so muß ich alle die, welche solche Klagen führen, bitten, zu uns zu kommen und ein Gesetz zu erlassen, das den Ansprüchen, den verschiedenartigst gelagerten Ansprüchen von 34 000 Fällen in jedem Einzelfalle gerecht wird. Bauern, man darf über dem kleinen Ich nicht das große Ganze vergessen. Was bezweckt das Bodenreformgesetz? Geschichte früherer Zeiten ist den meisten ein Buch mit sieben Siegeln; aber wenn ich Ihnen sage, Sie brauchen nur 14 Jahre zurückgehen, um sich an jene Konferenz zu erinnern, in der Hitler, Papen und Schroeder sich zusammensetzten, der eine als Repräsentant der Schwerindustrie, der andere als Vertreter der Agrarier, und der dritte, Hitler, als der „Politiker“. Die drei haben ein ehrliches Geschäft gemacht. Hitler hatte im Spätherbst 1932 in Sachsen rund 50% der Stimmen bei den Landtagswahlen verloren. Der Mann war billig geworden. Er steckte zudem mit etwa 12 Millionen Schulden seines Parteiapparates im Dreck. Die Schulden wurden bezahlt und die Wahlen in Lippe-Detmold finanziert, in diesem winzigen Winkel Deutschlands, dessen Wahlausgang man dann zum Gradmesser für ganz Deutschland machte. Hitler hat seinen Kontrahenten gegenüber dieses eine Mal sein Wort gehalten. Nicht die Großagrarier, nur die kleinen Bauern sind ins Erbhofgesetz hineingerutscht, und die Schwerindustrie hat die zugesicherten Rüstungsaufträge erhalten. 90 Milliarden sind nach Hitler die in die Aufrüstung hineingeknallten Gelder, nicht sehr viel unter der Hälfte des deutschen Volksvermögens. Was bezweckt demgegenüber das Bodenreformgesetz? Es bezweckt, eine Kaste, die jahrzehnte-, jahrhundertelang Träger der militärischen Idee, des Militarismus war, von dieser Vormachtstellung auszuschalten und ihr die Macht und die Kraft zu nehmen, die deutsche Jugend auf die Schlachtfelder der Welt zu führen. Bauern und Bäuerinnen, der deutsche Bauernjunge ist dazu da, um auf der Wiese der Heimat zu mähen, nicht aber, um fern der Heimat von Maschinengewehren dahingemäht zu werden!Wir haben fünf Monate vor uns. Diese fünf Monate müssen wir überbrücken. Denn erst dann ist der Anschluß an die Ernte da. Als im vorigen Sommer Tag für Tag und Woche für Woche der Regen auf unser Thüringer Land herunterrauschte, fand im Zimmer des Generalmajors Kolesnitschenko in Gegenwart des Generalobersten Tschuikow und einer großen Anzahl russischer Offiziere eine Besprechung statt. Ihr Inhalt war: die Sorge um die Ernte. Herr Generaloberst Tschuikow, der Sieger von Stalingrad, hat sich dabei nicht von Stalingrad unterhalten, sondern es hat ihn ausschließlich interessiert, ob und wie es möglich sei, bei diesem wochenlangen Schlechtwettereinbruch die Ernte hereinzubringen. Und ich habe damals auf seine Frage einen Satz gesagt, den ich in ähnlicher Form für die Bestellung anwenden möchte. Ich habe damals gesagt: „Herr Garde-Generaloberst, in Thüringen ist noch niemals ein Feld draußen geblieben!“ Und heute vor der Bestellung, unmittelbar vorm Start zu ihr, rufe ich als Bauer den Bauern zu: Thüringer Bauern, in Thüringen darf kein Feld, darf kein Quadratmeter nutzbaren Bodens unbestellt bleiben!Um Ihnen zu vermitteln, wie die Ernährung sich zahlenmäßig zusammensetzt, darf ich einige Tatsachen und Zahlen nennen. Die Thüringer Bauern haben mit ihrer Ablieferung eine Glanzleistung vollbracht. Sie haben, um unsere Ernährung und die Ernährung anderer deutscher Menschen in Berlin, in Sachsen, in Brandenburg, in Mecklenburg zu sichern, an Erntegut aufgebracht 340 000 Tonnen Getreide, 480 000 Tonnen Kartoffeln, 166 000 Tonnen Milch. Dabei wird es Sie interessieren, daß der Bedarf an Mehl für unser tägliches Brot, was wir in unserem Lande benötigen, im Monat die stattliche Zahl von 180 00 Tonnen erreicht. Frage, und das ist das, was Sie vordringlich interessiert, bekommen wir den Anschluß an die Ernte? Darauf ist zu sagen: Die Ernährungsdecke ist zwar hauchdünn, aber wir kommen zur Ernte hin! Wir bekommen den Anschluß an die Ernte, wenn Bauern, Verwaltungsbehörden und Bevölkerung in Erfüllung ihrer beruflichen und moralischen Pflichten restlos zusammenstehen und in keinem Punkte versagen. Bauern, ich richte meinen Appell besonders an Euch! Der Schweinebestand in den letzten Wochen ist stark heruntergegangen; das sogenannte notgeschlachtete Schwein hat als auffällige Ziffer zu verschwinden. Bauern, geht in die Stadt, seht Euch an, was jemand aus der Gruppe VI oder aus der Gruppe V erhält, klettert einmal hinunter in die Kohlengruben, seht, wie die Leute dort unter Tage unendlich schwer arbeiten, wie sie zwar die Gruppe I erhalten, wie ihnen aber letzten Endes nicht das an Nahrungsmitteln zukommt, und – es ist hart zu sagen – leider nicht zukommen kann, was sie, gemessen an ihren Arbeitsbedingungen, an sich bekommen müßten. Und wie an die Bauern und Bäuerinnen, so appelliere ich hier von dieser Stelle aus an die Moral im Lande. Wenn alle daran denken, welche Not im Volke ist, bei den Neubürgern, den Armen, den Empfängern der Gruppe VI, dann erwarte ich, daß der innere Anstand jedes Einzelnen es ablehnen muß, zu schieben und zu hamstern! Für Unverbesserliche werde ich deutlich: die Staatsanwaltschaften des Landes haben im Kampfe gegen Schieber, Schwarzschlächter und Aasgeier an der Not des Volkes gestern die Anweisung erhalten, grundsätzlich Zuchthausstrafen zu beantragen.Mit der Ernährung Hand in Hand geht die Volksgesundheit. Es liegt auf der Hand, daß ein Mensch, der gerade noch mit der Kalorienmenge ausreicht, notdürftigst ausreicht, nicht so gesund, insonderheit nicht so widerstandsfähig sein kann wie ein Mensch, der ernährungsmäßig gesehen aus dem Vollen schöpft. Darum ist die Gesundheit im Lande bei vielen Menschen schwach. Aber eins haben wir bisher verhindert: den Ausbruch von Seuchen. Wir haben als ein2s der ersten das Landesamt für Gesundheit eingerichtet und damit zum ersten Mal den Versuch unternommen, von der Zentrale eines Landes aus die gesamte Gesundheit im Lande zu steuern. Das hat sich bezüglich der Bekämpfung von Seuchen hervorragend bewährt. Wir haben, wenn ich die Organisation mit einigen Strichen andeuten darf, einen Seuchenkommissar, ihm sind unterstellt 8 Zentralstellen für Hygiene, dazu kommen 40 Kontrollpunkte, dann 100 Sprengelärzte, und schließlich 2000 Gesundheitshelfer. So haben wir das Land von den ersten Wochen des Bestehens der Landesverwaltung an mit einem Netz von Kontrollen für die Gesundheit unseres Volkes überzogen. Wir haben den Typhus in der ganzen Zeit in verhältnismäßig normalen Grenzen mit 1000 Fällen im Monat gehalten und ihn jetzt auf rund 500 herabgedrückt. Die Tuberkulose liegt wesentlich tiefer. Fleckfieber, die große Gefahr, ist bisher in insgesamt etwa 50 Fällen aufgetreten. Der Kampf gegen die Seuchen wird durch das Fehlen von Seife erschwert. Viele Menschen müssen auf engem und engstem Raum zusammenwohnen, das erschwert das Sauberhalten. Infolgedessen ist in unserer Bevölkerung eine Art Unsauberkeit aufgetreten, die wir früher in Deutschland so gut wie nicht gekannt haben: eine verhältnismäßig starke Verlausung. Gerade die Laus bedeutet eine große Gefahr bezüglich der Verbreitung von Seuchen. Auf ihre Bekämpfung ist darum besonders zu achten.Eins muß ich leider hervorheben: In den letzten Wochen und Monaten ist in unserem Lande wie auch in anderen Ländern eine Zunahme von Geschlechtskrankheiten festzustellen. Hier werden wir, wenn es sein muß, mit scharfen Maßnahmen eingreifen; denn eines müssen wir schützen, wenn wir sonst schon nicht viel mehr besitzen: die Gesundheit unserer Jugend, die Gesundheit unseres Volkes, seiner Familien. Darum ist angeordnet worden, alle Geschlechtskranken werden hospitalisiert, das heißt, sie kommen in ein Krankenhaus zur Behandlung, und zwar solange, bis sie gesund sind. Sollte dieses Mittel noch nicht genügen, dann setzen drakonische Maßnahmen ein, dann kommt die Kolonisierung. Im Interesse der Volksgesundheit, und nicht, weil wir Freude daran haben, Gesetze, Gebote und Verbote zu erlassen, müssen dann Frauen und Männer in drei oder vier großen Lagern bis zu ihrer Ausheilung untergebracht und die Allgemeinheit so vor Ansteckung geschützt werden.Gegenüber der bedauerlichen Feststellung zum Kapitel Geschlechtskrankheiten kann ich etwas sehr Erfreuliches berichten. Sie wissen, die Unschuldigsten unseres Volkes, die kleinen Kinder, die Säuglinge, waren von der Not am meisten gefährdet. In manchen Ländern treten Sterblichkeitsziffern auf, die ich nicht nennen kann. In Thüringen wollte die Seuche auch ihren Einzug halten und war im Oktober 1945 auf 26% gestiegen. Wir haben alle Mittel des Landes hineingeworfen, um dieser Säuglingssterblichkeit Einhalt zu tun. Es hatte Erfolg. Die Kinder-, die Säuglingssterblichkeit bewegt sich jetzt etwas über der Grenze der Friedenssterblichkeit, sie liegt bei 9%. Mit der Fürsorgepflicht für Kinder, für Kranke komme ich zur Sozialfürsorge. Der Krieg, sein Ausgang haben das Vermögen aller Sozialversicherungsträger in Deutschland vernichtet, denn unter Hitler mußten die Groschen der Sozialversicherungsnehmer, die Gelder der Sozialversicherungsträger zu 70 in Reichsanleihen angelegt werden. Als wir die Landesverwaltung übernahmen, standen wir vor einem Nichts. Wir schufen ein Landesamt für Sozialwesen. Es wurde ein Gesetz erlassen zur Zusammenlegung der Krankenversicherungen, 207 wurden auf 24 zusammengelegt. Es erschien ein Gesetz zur Vorbereitung der Sozialversicherung und eines über die Leistungen der Sozialversicherung. Sie werden sagen, man zitiert Gesetze und Gesetze, die Paragraphenschuster sind wieder einmal unter sich, und die Pergamentlaus feiert Orgien. So ist es aber nicht. Wir haben durch diese Gesetze außerordentlich Positives, wir haben durch sie wieder die Sozialversicherungsträger geschaffen. Diese Sozialversicherungsträger sind zudem wieder fundiert und die Sozialversicherungsträger darum wieder leistungsfähig. Infolgedessen kann ich Ihnen erfreulicherweise mitteilen: ab 1. März 1946 beginnt sichtbar für jeden einzelnen von Ihnen das, was wir bisher nur in bescheidenen, ungenügenden Abschlagszahlungen vornehmen konnten, am 1. März beginnt wieder die normale Rentenzahlung. Darüber hinaus haben Sie die Gewißheit, daß die Kranken-, die Unfall-, die Knappschaftsversicherungen wieder laufen und die Berufsfürsorge für Arbeitsbehinderte wieder einsetzt. Aus einem Nichts haben wir neue Sozialversicherungsanstalten geschaffen, Anstalten, die ausschließlich einem Interesse dienen, dem des Versicherten!Mit dem Landesamt für Sozialwesen ist das Landesamt für Arbeit verbunden. Was fanden wir vor? Verbrannte Karteien! Wir sind uns klar darüber, daß es gerade auf dem Gebiete des Arbeitsmarktes heute noch diese und jene Panne gibt. Aber bevor Sie zur Kritik gehen, denken Sie bitte an die Häufchen Asche, die wir als einziges Erbe übernahmen. Der große Apparat der Arbeitsvermittlung mußte völlig von Grund auf neu aufgezogen, neu durchorganisiert werden. Heute steht er. Ich darf Zahlen nennen:Es sind im Arbeitseinsatz 977 000 Menschen erfaßt. Die Zahl der voll einsatzfähigen, aber nicht beschäftigten Männer beträgt 15 000, die der Frauen rund 40 000. Die Zahlen werden heute schon nicht mehr stimmen. Sie wurden mir vor 8 Tagen gegeben; inzwischen ist ein großes Kaliprogramm mit Anforderungen vieler Arbeitskräfte angelaufen. Die Umsiedlertransporte bringen uns leider, was Arbeitskräfte anbelangt, wenig Hilfe. Sie rekrutieren sich zum großen Teil aus Frauen, Kindern und Greisen. So erklärt es sich, daß das Land Thüringen rund 100 000 „nur beschränkt einsatzfähige“ Menschen hat. Es sind Umschulungskurse für 30 Mangelberufe eingerichtet worden; in ihnen werden zur Zeit über 2000 Männer und Frauen umgeschult.Thüringen hat als erstes das Gesetz über die Bildung der Betriebsräte geschaffen. Die Betriebsräte unseres Betriebsrätegesetzes sind nicht mehr, wie es beim früheren der Fall war, eine Art Farce, sondern der Betriebsrat von heute hat große Rechte. Mit den Rechten kommen Pflichten, kommt Verantwortung, und ich kann zu meiner Freude namens der Landesverwaltung den Betriebsräten das Zeugnis ausstellen, daß sie nahezu allerorts sachlich und verantwortungsbewußt im Interesse der Betriebe und damit im Interesse des Aufbaues des Landes mitgearbeitet haben.Mit dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund laufen zur Zeit Verhandlungen über den Abschluß einheitlicher Tarifverträge. Und hier darf ich ein Wort über die Freien Deutschen Gewerkschaften einfügen. Meine Damen und Herren, die Schwierigkeiten und die Sorgen, die vor uns stehen, sind oft so, daß man sie nicht vom grünen Tisch allein, von der bürokratischen Seite her erledigen kann. In allen diesen Fällen, sei es in der Frage der Kohlen, in der Ernährung und allen wirtschaftlich wichtigen und entscheidenden Fällen, hat sich der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund, wenn wir ihn um seine Unterstützung angingen, in keinem Falle versagt. Wenn einmal die Geschichte über den Aufbau des Landes Thüringen geschrieben wird, dann wird sie Blätter enthalten müssen über das hohe Lied der Freien Gewerkschaften beim Neuaufbau. – Einer Aufbesserung der Löhne steht im Augenblick der Preisstopp entgegen. Grundsatz ist, das Preisgefüge darf auf keinen Fall erschüttert werden.In Erfüllung von Fürsorgemaßnahmen für Kriegsversehrte, für Unterstützungsfälle, Heilfürsorge, Tbc-Hilfe, Blinde, Schwerbeschädigte gibt das Land laufend zahlreiche Millionen aus. Es ist eine Suchkartei errichtet für Verschollene. Ueber 700 000 Personen haben sie in Anspruch genommen. Das Wohnungs- und Siedlungswesen wird selbstverständlich gefördert. Das Land Thüringen hat im Rahmen dieser Aufgaben das größte Wohnungsunternehmen Deutschlands, die Gagfah, übernommen. Sie hat ein Vermögen von rund 100 Millionen Mark.Wohnung und Siedlung führt hinüber zu einem anderen Kapitel, zum Kapitel Umsiedler, jetzt Neubürger genannt. Bei der Umsiedlung sind vier verschiedene Etappen zu unterscheiden. Die erste Etappe hieß Rückführung der Westevakuierten. Sie sind bis auf 66 000, die sich noch in Thüringen befinden, zurückgeführt. Die zweite Etappe hieß Durchschleusung von Umsiedlern nach Osten und Westen. Ich kann Ihnen sagen, daß allein durch Heiligenstadt über 1 Million Menschen geschleust worden sind, und ich stelle dem Kreise Heiligenstadt, der wirklich nicht von der Natur mit Reichtümern gesegnet ist, der ein besonders armer Kreis ist, der in diesem Jahre zusätzlich noch von Hagelwettern zusammengedroschen wurde, namens der Landesverwaltung das Zeugnis aus, daß seine Einwohner buchstäblich bis hinunter auf den letzten Strumpf alles gegeben haben, was sie geben konnten, um armen Rückwanderern bei der Durchschleusung zu helfen. Die dritte Etappe hieß Rückführung von Ostumsiedlern, d.h. Deutsche, die in Brandenburg, Pommern, Sachsen beheimatet waren und zu uns verschlagen wurden. Diese Rückführung ist beendet.Damit komme ich zum Hauptpunkt, zur Hereinnahme von Ostumsiedlern, zu unseren Neubürgern. Ihre Zahl beträgt zur Zeit rund 500 000. Sie werden zunächst in Uebernahmelager, dann Quarantäne- und dann Aufenthaltslager aufgenommen mit dem weiteren Ziel, sie in Wohnungen unterzubringen. Meine Damen und Herren, ich bin in Lagern gewesen, ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie schwer die Lage dieser Menschen ist und daß in der Umsiedlerbetreuung von uns Fehler gemacht worden sind. Um dem zu begegnen, haben wir jetzt eine Kommission gebildet, die aus Vertretern aller Landesämter, der Gewerkschaften, den antifaschistischen Parteien, der Presse und der Thüringen-Aktion gegen Not besteht und die näher an den Präsidenten herangezogen worden ist, um so die Möglichkeit zu schnellerem Eingreifen zu geben. Es ist ein großes Problem, Thüringer, das sich vor uns auftut. Es ist das Problem, eine Million Menschen, mehr als ein Drittel unserer bisherigen Bevölkerungszahl unterzubringen und diese dabei nicht zu behandeln als „lästige Ausländer“, sondern als Menschen, die alles verloren haben. Und darum, Thüringer, tretet den Neubürgern nicht ablehnend gegenüber, behandelt sie nicht als wildfremde Menschen, sondern bedenkt, es sind hilfsbedürftige, in äußerster Not befindliche Deutsche, denen geholfen werden muß. Den Neubürgern möchte ich sagen: wir hatten bei uns während des Krieges Evakuierte aus den verschiedensten Teilen Deutschlands. Die meisten von ihnen betrachteten sich damals als „Gäste des Führers“, sie taten nichts, sie sommerfrischlerten. Neubürger, Ihr kommt in ein Land, das um seine Existenz kämpft, in dem unter schwierigen Lebensbedingungen gearbeitet, aufgebaut wird. In einem solchen Land dürft Ihr nicht untätig daneben stehen, sondern in einem solchen Land müßt Ihr mithelfen, müßt Ihr mit anpacken, mit vereinten Kräften mit uns den Karren aus dem Dreck herausziehen! Es ist selbstverständlich für uns ein sehr ernstes Problem, für so viele hinzukommende Menschen zusätzlich sorgen zu müssen. So kam kürzlich ein Transport mit Frauen an, die im wahrsten Sinne des Wortes nichts weiter als armselige Wickelschürzen besaßen. Wir müssen für die Neubürger Wohnraum, Kleidung und Schuhe stellen. – Vom Planungsverband ist im Zusammenwirken mit der Bauhochschule ein zweigeschossiger Haustyp entworfen worden, mit dessen Bau begonnen wird. Dabei ist es eine Selbstverständlichkeit, das ortsgegebene Material zu verwenden und nicht in die Ferne zu schweifen. Wir werden die Neubürger nur in den Teilen unseres Landes ansiedeln, die aktiv sind, sie können nicht einfach wahl- und systemlos sich an jeder Stelle niederlassen. Ueber Jahrzehnte und Jahrhunderte hindurch gemachte Untersuchungen zeigen deutlich, welche Teile Thüringens immer und immer wieder der Abwanderung unterliegen, im Sinne der Ansiedlung negativ sind; das gilt zum Beispiel für das reußische Oberland. Für die Neubürger müssen rund 250 000 Wohnungen erstellt werden. Im Rahmen der Einbürgerung haben wir zwei bedeutende Gewerbezweige nahezu geschlossen nach Thüringen gebracht: die in der ganzen Welt bekannte Gablonzer Schmuckwarenherstellung und die Heidaer Glasschleiferei. Hervorragend bezüglich des Menschenmaterials waren die antifaschistischen Transporte besetzt, weil sich bei ihnen wertvolle Spezialarbeiter befanden. Unser Ziel bei der Einbürgerung heißt: die Neubürger sollen bei uns keine Notunterkunft, sondern eine neue Heimat finden! Vgl. dazu auch den Artikel des Regierungsrates Reuß „Ziele und Wege der Umsiedlung“, in: Thüringer Volkszeitung [KPD], 29.3.1946 sowie die hs. Stichworte Pauls zu einer Rede über die Neubürgerfrage (Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 36, Bl. 337r-353r) Ich erwähnte vorhin die Thüringen-Aktion. Es ist mir nicht unbekannt, daß im Land dahin geschwafelt wird: „Das ist ja alles schon dagewesen, das ist ja die kopierte NSV, das ist ja das nachgemachte Winterhilfswerk.“ Demgegenüber möchte ich nur auf zwei Tatsachen hinweisen: Die Thüringen-Aktion kennt keine Zwangsmitgliedschaft, ebensowenig kennt sie, wie beim Winterhilfswerk, die vorher genau festgelegten Zwangsspenden. Die Thüringen- Aktion ist getragen von Menschen, die ein warmes Herz im Leibe haben, sie ist geschaffen von Menschen, denen es von sich heraus, nicht weil irgendwelche Sternchen oder Rangabzeichen oder Beförderungsgrade blühen, um eins geht: zu helfen den Aermsten der Armen. Darum möchte ich an dieser Stelle allen denen, die gespendet und in der Thüringen-Aktion gearbeitet haben, dafür danken, daß sie in der größten Not unseres Landes nicht versagten, sondern an hervorragender Stelle und in zahlreichen Fällen Helfer und Linderer größter Not gewesen sind.Ich komme zum Aufbau. Das Wort Aufbau ist in unserer Zeit viel genannt und Sie kennen den alten Satz: Man spricht am meisten von dem, was man am wenigsten hat. Dieser Satz ist durch die Tatsachen in Thüringen widerlegt worden. Wir haben einen Aufbau in bezug auf das Land, wir haben einen Aufbau in bezug auf den Staat und wir haben einen Aufbau in bezug auf die Wirtschaft. Die spätere Zeit – der Gegenwart fehlt es in der Regel an der genügenden Distanz, um treffend urteilen zu können – wird einmal zu würdigen wissen, was in Thüringen in diesen zurückliegenden acht Monaten an Aufbau geleistet worden ist. Als wir die Verwaltung des Landes übernahmen, fanden wir im wesentlichen nur den geographischen Begriff Thüringen vor, der politische war wohl umrissen, doch im wesentlichen nur in der Theorie vorhanden. Jede Stadt, jeder Landkreis machten damals noch was sie wollten. Dabei fanden wir einen Beamtenapparat vor – vergessen Sie nicht: Thüringen, Schutz-und Trutzgau Adolf Hitlers! – mit 96 bis 98% Mitgliedern der NSDAP!Wenn ich heute zurückblicke auf die ersten Tage und Wochen, so sehe ich, wie mit mir die Vizepräsidenten und Landesdirektoren Tag für Tag bis in die Nächte hinein zusammensaßen, weil keiner allein die Sorgen tragen konnte, die an uns in unüberwindbar scheinender Fülle herangetragen wurden. Aus diesem Damals ist das Heute, der Aufbau der sich darüber zur Kritik stellenden Landesverwaltung entstanden.Damals hatten wir kein Benzin, wir liefen fast alle zu Fuß, unser Amtsgebäude hatte Pappfenster, Post und Eisenbahn waren noch in den ersten Gehversuchen. Der Aufbau des Landes ist heute, begonnen an der Spitze, im Präsidium, bis hinunter zum Bürgermeister des kleinsten Ortes restlos vollzogen. Um die Schwierigkeiten beim Herumwerfen und Aufbau des neuen Verwaltungskörpers zu ermessen, will ich Ihnen einige Zahlen nennen: Wir haben allein auf dem Gebiete des Kommunalwesens, also in der Sparte nur eines Landesamtes, 20 485 Personen aus politischen Gründen entlassen müssen. Diese 20 485 Personen mußten allein im Aufbau des Kommunalwesens durch neue ersetzt werden. Diese Neuen mußten sich einarbeiten und fanden bei dieser Einarbeitung zugleich Berge von Schwierigkeiten vor. Wenn Sie, meine Damen und Herren, nur diese eine Zahl hören, scheint es mir nicht schwer zu entscheiden, was geleistet werden mußte, um die sich überschneidenden Schwierigkeiten zu überwinden und um den Ablauf der Arbeit für das Land und seine Wirtschaft in nur halbwegs glatte Bahnen zu leiten. Es kam hinzu, daß Thüringen einen neuen Gebietszuwachs zu verarbeiten hatte, den preußischen Regierungsbezirk Erfurt, der immer eine störende Großenklave im politischen Thüringen bildete. Ich möchte hier sagen, was ich schon einmal in Erfurt ausführte: Die Stadt Erfurt führt in ihrem Wappen ein Rad. Dieses Rad ist nicht das fünfte an unserem Wagen, es spurt als Vorderrad unseres Geschirrs und wir sind froh, daß sich endlich das politische und das geographische Thüringen miteinander decken. Im Lande selbst haben wir keine Enklaven mehr; die Zwergkreise haben wir zusammengelegt.Völlig neu, von unten her aufzubauen war die Justiz. Auch dieser Aufbau ist vollzogen. In unserem Apparat befindet sich kein Mitglied der NSDAP mehr. Das Justizwesen umfaßt rund 1500 Menschen. Es ist selbstverständlich, daß die Gerichte zahlenmäßig noch schwach besetzt sind. Ich will auch nicht bestreiten, daß sich da und dort einmal ein Lapsus eingeschlichen hat. Das ist im wesentlichen bedingt durch die Knappheit des Personalbestandes und zum Teil auch durch seine hohen Altersdurchschnitte. Aber – und damit stelle ich mich namens der Landesverwaltung vor die Justiz – wir wehren uns dagegen, die Justiz zum Prügelknaben zu machen.An Gesetzen, die wir erlassen haben, möchte ich nur eines zitieren: das „Gesetz zur Anwendung des Strafgesetzbuches in Thüringen“. Meine Damen und Herren, es ist in Deutschland, ich möchte fast sagen, seit zwei Menschenaltern an diesem neuen Strafgesetzbuch gearbeitet, es ist aber bis vor kurzem nicht aus der Taufe gehoben worden. Wir haben diesen Entwurf, der in der Hauptsache von Professor Kohlrausch und dem an unserer Universität tätigen Dekan Professor Lange bearbeitet worden ist, im Lande Thüringen eingeführt und ich bitte die Presse, sich einmal mit den hervorragenden Neuerungen zu beschäftigen, die dieses neue Strafgesetzbuch enthält. Eins enthält es nicht – und das möchte ich den Herren Nationalsozialisten sagen – die sogenannte Festungshaft. Damit ist es vorbei! Wie es überhaupt damit vorbei ist, sich einer Landesverwaltung gegenüber zu sehen, die aus Weihnachtsmännern besteht und die von Amnestie zu Amnestie darum bittet, weiter im politischen Amtsleben bleiben zu dürfen.Unsere P o l i z e i geht noch in neuen Schuhen und muß sie erst einlaufen. Wir alle begrüßen es, daß die Bluthundgesichter unterm Mützenschirm der SS aus dem deutschen Straßenbild verschwunden sind! Unsere Polizei ist volkstümlich. Ich erinnere nur an unsere blauen Ordnungsmädels, die auf der Straße so fleißig und so gewissenhaft ihren Dienst tun und die ob ihres guten Aussehens fast die Gefahr in sich bergen, zum Verkehrshindernis zu werden. Ich habe die Ueberzeugung, daß unsere Polizei Ruhe, Ordnung und Sicherheit – und das sind die drei Grundnenner, auf denen sie zu stehen und für die sie einzutreten hat – für unser Land gewährleistet.Ich komme zu dem Aufbau aus Holz, Eisen, Stein. Die Kriegsschäden im Lande betragen 1 102 000 000 Mark. Für sie gilt der Satz: „Das danken wir dem Führer!“ Wir verdanken sie Herrn Göring, alias Meier, der die Bomber nicht einmal bis zur Ruhr kommen lassen wollte. Wir verdanken sie Herrn Göbbels, der das frivole Wort aussprach: „Das Radikalste ist gerade noch radikal genug!“ – Wohnungen sind – ich sagte es schon – zirka 250 000 für Neubürger zu erstellen, an zerstörten Wohnungen sind rund 70 000 in den Stadt- und Landkreisen in Ordnung zu bringen, zu ihnen kommen rund 15 000 Neubauernstellen hinzu. Wenn ich Ihnen diese Zahlen nenne, dann wissen Sie, vor welchen außerordentlichen Aufgaben in diesem Augenblick und in der Folgezeit die Landesverwaltung steht.In kultureller Beziehung mußte die S c h u l e wie die Justiz völlig von vorn anfangen. Es waren keine Lehrer da. Die Lehrer waren in besonderem Maße mit fliegenden Fahnen zu Adolf Hitler übergegangen. 98% gehörten zu seiner Gefolgschaft. Zu den fehlenden Lehrern kamen fehlende Bücher. Mit Büchern, welche mit der Glaubensformel beginnen: „Ich glaube an Adolf Hitler, den Führer aller Deutschen ...“ kann man schlechterdings keine neue Schule aufbauen. Der Aufbau unserer Schulen ist im wesentlichen vollzogen. Es sind zur Zeit eingeschult 452 000 Schüler mit 6500 Lehrern. Es werden neue Fachkräfte, neue Lehrkräfte ausgebildet. 8000 haben sich gemeldet, 4000 werden noch gebraucht. Es liegt ein Gesetz vor über die neue deutsche demokratische Einheitsschule, das der Oeffentlichkeit, sobald darüber in der Landesverwaltung gesprochen wurde, in weiteren Kreisen zugängig gemacht wird. – Der konfessionelle Religionsunterricht ist aus dem Lehrplan der staatlichen Schule ausgeschieden. Es ist zu erwarten, daß die Kirche über geeignete Kräfte verfügt, um die Kinder in ihrem Glauben zu unterrichten, wie sie es ja auch bereits im Konfirmandenunterricht tut.Unsere U n i v e r s i t ä t Jena ist mit allen Fakultäten angelaufen, 1500 Studenten sind im Augenblick zugelassen. Wir haben den Grundsatz, daß die Besten und nicht mehr die Wohlsituiertesten des Landes die Universität besuchen sollen. In der Vergangenheit – ich möchte noch hinzusetzen, lang, lang ist's her – gab es einen verhältnismäßig kleinen Prozentsatz von Studenten, die im Simplicissimus und den anderen Ulkblättern als Repräsentanten der studierenden Jugend immer wieder aufgeputzt wurden. Es war der vereinzelte Typ des Müßiggängers und Geldvertuers. Der Student von heute, meine Damen und Herren, ist oft, ist meistens in wirtschaftlicher Not. Der Student von heute arbeitet unter den schwersten Bedingungen. Für den Studenten von heute, der in einer Welt der Lüge aufwuchs, der sich plötzlich zwischen Trümmern sieht, der Anschluß an das neue demokratische Deutschland sucht, der mit sich ringt, der Sorgen trägt, der arbeitet, für ihn setze ich mich, für ihn setzt sich die gesamte Landesverwaltung Thüringen ein.Wir haben die große Freude, daß vor einigen Tagen seitens der SMA die Eröffnung der Volkshochschulen genehmigt worden ist. Wir alle wissen, wie außerordentlich groß gerade die Verdienste der Volkshochschulen um die werktätige Bevölkerung gewesen sind. Sie haben am Abend den Ausgleich für das Eintönige und Schwere des Alltags der Arbeiter gebracht und ihnen über vieles hinweggeholfen, über das sie sonst um vieles schwerer hinweggekommen wären.Die Theater des Landes spielen sämtlich. Unser Konzertleben beginnt neu zu erblühen. Ich nenne den großen Könner am Dirigentenpult in unserem Hause, unseren Professor Abendroth.Das Goethe-Nationalmuseum ist wieder hergestellt.Der Rundfunk, meine Damen und Herren, wer hätte daran je geglaubt, hat in dieser schweren Zeit des ersten Aufbaues in unserem neuen Landessender Weimar einen, wie ich zuversichtlich hoffe, wertvollen Zuwachs bekommen.Die Jugend, insonderheit die in der Freien Deutschen Jugend erfaßte, hat ihre Verbundenheit mit dem neuen Deutschland durch die Tat bewiesen. Ich verweise auf die umfangreichen Holz- und Kleidersammlungen, auf die Kinderbetreuungen und Weihnachtsbescherungen, sowie auf den Losverkauf und vieles andere mehr. Unserer Jugend von Thüringen möchte ich sagen: Jungens und Mädels, so es noch nicht geschah, rückt nahe an das neue Deutschland heran, überlaßt nicht dem Alter die gesamte Arbeit. Helft mit am Aufbau, denn es geht um unser Volk, um unser Vaterland oder, wenn ich es volkstümlich sagen darf, es geht um Euer Nest!Wenn wir vom Aufbau sprechen, dann wollen wir auch den wichtigsten nicht vergessen, den Aufbau des menschlichen Körpers, und auch hier können wir zu unserer Freude feststellen, daß der Sport in ganz Thüringen angelaufen ist. Unsere Jugend hat endlich wieder Gelegenheit, sich auf dem grünen Rasen gesunde Lungen und Lebensfreude zu holen.Ich komme zum Straßenverkehr. Die Unterhaltung der Straßen, der Brücken, der Autobahnen in Thüringen kostet im Jahre rund 12 Millionen Mark. Wir hatten bei uns über 200 gesprengte Brücken. Diese Brücken sind, abgesehen von einigen wenigen im reußischen Oberland, nahezu restlos repariert. Das Straßennetz kann als in Ordnung befindlich bezeichnet werden.Der Postverkehr geht aufwärts. Ich will Ihnen Zahlen nennen: Im Juli 1945 waren die Briefe nur durch Kuriere zuzustellen, im Januar beförderte die Post 20 Millionen; an Einzahlungen gab es im Juli 0, im Januar 57 Millionen; Ortsgespräche waren im Juli schneller zu Fuß als durch den Draht zu erledigen; im Januar wurden über 3 Millionen geführt; Telegramme im Juli 1945 rund 18 000, im Januar 1946 87 000. Die Posteinnahmen betrugen im Juli 37 000 RM., im Januar 3 198 000 RM. Mit anderen Worten: die Post, die wirtschaftlich monatelang passiv lag, ist wieder aktiv geworden, sie trägt sich restlos selbst.Damit komme ich zur Schwester der Post: zur Eisenbahn. Sie wissen, daß Deutschland bis zum Jahre 1933 die beste Eisenbahn der Welt hatte. Adolf Hitler war es vorbehalten, diese Eisenbahn Deutschlands zu vernachlässigen und zu einer mittelmäßigen herabzudrücken. Er hat uns die „Straßen des Führers“ geschenkt, allerdings ohne das dazu nötige Benzin und ohne den ebenso nötigen Gummi. Dafür erbten wir eine jahrelang stiefmütterlich behandelte Eisenbahn. Diese Eisenbahn hat bei den Rückzügen der Wehrmacht unendlich viel Material verloren. Die Bomber der Alliierten haben Zusätzliches zur Zerstörung getan. Darum ist ihr Waggonpark stark zusammengeschrumpft. Hinzu kommt, daß Thüringen beim Besatzungswechsel rund 10 000 Waggons verlor. Der tägliche Verkehr Thüringens an Güter- und Personenzügen beträgt zur Zeit 826 Züge. Infolge noch schlechterer Waggonraumlage in anderen Ländern hatten wir Waggonraumverlust. Gegen diese Waggonknappheit kämpfen wir an. Wir haben drei große Eisenbahnreparaturwerkstätten, sie heißen Gotha, Erfurt und Meiningen. Wir begannen mit einer Belegschaft von 1700 Mann, haben heute 4500 und werden in Kürze 6000 haben. Dazu kommen 30 Privatfirmen, die auch Waggons reparieren. Bisher wurden repariert:465 Lokomotiven4 426 Personenwagen38 719 Güterwagen.Diese Zahlen enthalten auch die Wagen, die selbstverständlich zu wiederholten Malen in Reparatur kamen. Die Glanzleistung unserer Eisenbahn besteht in folgendem: Unsere Eisenbahn hat es fertiggebracht, obwohl ihr Wagenbestand eine ungeheure Abnahme, nämlich von rund 60% aufweist, trotzdem die Verladeleistung, die im Oktober 565 Wagen pro Tag betrug, auf 950 im Januar zu steigern. Das ist durch Abkürzung des Wagenumlaufes gelungen, durch Kürzung der Abladefristen. Darum bitte ich Sie, haben Sie Verständnis dafür, wenn auf dem Zettel steht, daß der Wagen in 1, 2 oder 3 Stunden unbedingt abgeladen sein muß. – Von der Gesamtlänge an Gleisen, die Thüringen besitzt, rund 4500 km, sind heute nur noch 5 km Hauptgleis und 12 km Nebengleis reparaturbedürftig.Ich komme zu dem großen Problem unserer Tage, zur Kohlenlage, zur Kohle überhaupt. Sie wissen, daß wir die bedeutenden Steinkohlenvorkommen in Schlesien, an der Saar und an der Ruhr verloren haben, beziehungsweise von ihnen zur Zeit nur sehr beschränkt Steinkohle erhalten können. Sie wissen weiter, daß unsere Braunkohlenproduktion viele Monate hindurch infolge der Kriegshandlungen nahezu geruht hat. Etwa 4 ½ Monate sind ausgefallen, denn die Braunkohlenproduktion war infolge der Kriegshandlungen auf 20% herabgesunken. Während in Friedenszeiten im Sommer die Kohle gestapelt werden konnte, insonderheit die Hausfrau ihren Bedarf in dieser Zeit mit der billigen Sommerkohle eindeckte, war das im Jahr 1945 nicht oder nur in äußerst beschränktem Maße möglich. Die Braunkohlenproduktion war, wie ich schon erwähnte, auf 20,2% abgesackt, sie ist auf 85,1% gestiegen. Das ist über 120% des Liefersolls. Die Brikettfabrikation war heruntergegangen auf 32,5%, sie ist hochgegangen auf 88,9%. Meine Damen und Herren, ich bin wiederholt in den Gruben gewesen, ich habe mit eigenen Augen gesehen, mit welch mangelhaftem Material gearbeitet werden muß, wie es da und dort am Nötigsten fehlt, wie unsere Bergarbeiter, mäßig ernährt, schlecht gekleidet, insbesondere oft mit ungenügender Fußbekleidung, gearbeitet haben. Und wenn Sie solche Zahlen hören, dann frage ich Sie, wo ist Größeres an Arbeit, an Glauben, an Aufbauwillen geleistet und aufgebracht worden? Wenn wir heute fühlbaren Mangel an Kohle haben, so findet das neben dem oben Gesagten darin seine Erklärung, daß die Eisenbahn heute mit Briketts gefeuert wird. Die Lokomotiven verfeuerten früher selbstverständlich nur Steinkohle. Aber auf Steinkohle und nicht auf Briketts ist die Feuerung der Lokomotiven eingestellt. Die Brikettfeuerung ist die unwirtschaftlichste, denn es werden nur 55% ausgenutzt. Wenn nachts die Eisenbahn fährt, kann jeder von Ihnen es sehen, wie die Hälfte der Braunkohle herausfällt. Die Zwangslage zwingt uns zur Unwirtschaftlichkeit. Die Eisenbahn im sowjetisch besetzten Raum verfährt am Tage 10 000 t. Hätten wir die 6000 t Steinkohle zur Verfügung, welche die Lokomotiven benötigen, so würden die uns dann zur Verfügung stehenden 10 000 t Braunkohle pro Tag alle Nöte überbrücken. Dieses Wenn, Aber und Hätte ist zur Zeit noch nicht gelöst, doch wir hoffen, es wird in Bälde geschehen. Wenn für uns Thüringer diese Kohlenknappheit in den letzten Wochen besonders fühlbar geworden ist, so liegt die Erklärung hierfür in folgendem:Wie ich schon sagte, wird sonst im Sommer in den Braunkohlenrevieren der Abraum weggeschafft. Aber gerade in dem Bezirk, aus dem wir die Kohle beziehen, in dem Deubener und Weißenfelser Bezirk wurde im letzten Frühjahr und Sommer nicht so „abgeräumt“ wie in Friedenszeiten. Infolgedessen sind wir in eine Kohlenknappheit hineingeraten, die uns in unserem Aufbau Schwierigkeiten macht und die zeitweise so stark auftrat, daß wir manchmal gezwungen waren, diese oder jene Werke kurzfristig auszuschalten. Wenn der Einzelne von Ihnen zu Hause nicht die Kohlenmenge hat, die er braucht, so will ich doch eines betonen: in Thüringen haben wir mehr Kohle als anderwärts, ausgenommen vielleicht in der Provinz Sachsen. Denken Sie an den Westen, der um vieles knapper daran ist, denken Sie an Bayern, das bezüglich der Kohle besonders ungünstig liegt. Bei uns gab es noch verhältnismäßig warme Stuben, da wir für die Hausfeuerung einen großen Holzeinschlag freigaben. Der Hausbrand mußte gegenüber der Notwendigkeit, unsere Energie zu erhalten, zurücktreten. Wir mußten unsere Elektrizität stützen. Wir beziehen den elektrischen Strom im Gegensatz zu früher jetzt zum größten Teil aus unseren Thüringer Werken. Die Elektrizitätserzeugung ist befriedigend, sie betrug im Juli 31 Millionen Kilowatt, heute 52 Millionen. An Ferngas hatten wir im Juli 34 000 cbm, im Januar 900 000. Ein besonders großes Loch schlägt die Kaliförderung in unser Braunkohlenkontingent. Wir sind gehalten, in großen Mengen Kali zu fördern, um in allen Provinzen und Ländern eine möglichst gute Ernte zu erzielen. Zur Kaliförderung gehört Kohle. Ich nenne eine Zahl: das Liefersoll Thüringens im März an Kali beträgt rund 68 000 t.Ich komme zu den F i n a n z e n des Landes. Ein schwedischer Staatsmann namens Oxenstierna hat einmal gesagt: „Mein Sohn, Du glaubst nicht, wie wenig Klugheit dazu gehört, ein Land zu regieren.“ Es tut mir in der Seele weh, daß wir Herrn Oxenstierna nicht aus seinem kühlen Grabe herausholen und an die Spitze dieses oder jenes Landes setzen können. – Finanzen! Was war vorhanden, als Hitler ging, und was haben wir heute? Ich möchte zum Verständnis des Ganzen etwas vorausschicken. Sie wissen, wir haben in Westeuropa seit Jahrzehnten die nationalökonomische Auffassung, daß der Wert des Geldes nicht gehalten und nicht repräsentiert wird durch die sogenannte Goldreserve, sondern durch die sogenannte Währungsbalance. Was heißt Währungsbalance? Währungsbalance besagt, die Bank, im bisherigen Deutschland war das die Reichsbank, gibt nie mehr Geldmittel in Umlauf, als dem Wert der jeweils im Umsatz begriffenen tauschbaren Leistungen des Volkes entspricht. In dem Rahmen der Sachen, die man tauschen kann, und die vorhanden sind, wird Geld in Umlauf gegeben, wird die Währung laufend balanciert. Im engen Zusammenhang mit der Währungsbalance steht die Handelsbilanz eines Landes. Vor 1914 hatte Deutschland eine aktive Bilanz. Es war so, daß Deutschland durchschnittlich im Monat für ungefähr 300 bis 400 Millionen Mark mehr Güter exportierte als eingeführt wurden. Dann kam die von Hitler so oft verfluchte Systemzeit. In dieser sogenannten Systemzeit war die deutsche Handelsbilanz ebenfalls durchaus noch aktiv. Wir hatten eine Aktivität von 300, 400, 500, ja sogar 800 Millionen Mark im Monat. Der Grund ist klar, der Lebensstandard unseres Volkes war nach dem verlorenen ersten Weltkrieg wesentlich bescheidener geworden, und so wurden bedeutend weniger Luxusgüter eingeführt. Als Hitler ans Ruder kam, fand er demnach einen Milliardenfonds an Devisen vor. Er war schnellstens dahin, denn das wirtschaftliche Bild Deutschlands änderte sich von Grund auf. Jeder kennt den berühmten Satz: „Kanonen statt Butter!“, und getreu diesem Satz wurde gehandelt. Die Folge solcher Wirtschaftsführung des Staates war, daß wir in Kürze eine passive Bilanz hatten. Deutschland führte in den Monaten des Jahres 1939 im Monat für ungefähr 500 Millionen mehr ein als es ausführte, obwohl wir durch die Industrieabgabe das Exportgeschäft forcierten. Am Ende dieser hitlerischen Wirtschaftspolitik stand zwangsläufig die Notwendigkeit der Kriegsführung. Denn ein Mann wie Hitler war niemals aus dem Holz, um sich vor das Volk zu stellen und einzugestehen: meine Politik war falsch, ich habe Euch in den wirtschaftlichen Ruin geführt. Zur Korrektur dieser seiner falschen Wirtschaftspolitik, oder richtiger: in geradliniger Folge seiner auf den Krieg zugeschnittenen Politik sind wir in den Krieg hineingeführt worden.Noch immer gibt es Narren, die da sagen: „Hitler hat den Krieg nicht gewollt“, – „die Welt hat ihm seine Erfolge nicht gegönnt, dadurch ist er in den Krieg hineinmanövriert worden“. Vor mir liegt ein Aktenstück aus den Jahren 1935 und 1936. Auf seinem Umschlagdeckel steht:G e h e i m.1. Dies ist ein geheimer Gegenstand im Sinne des § 88 R.St.G.B. (Fassung vom 24. April 1934).2. Nur an persönliche Anschrift weitergeben.3. Weitergabe nur durch Vertrauensperson oder Kurier.4. Vervielfältigung jeder Art sowie Herstellung von Auszügen verboten.5. Empfänger haftet für sichere Aufbewahrung.Ein solcher Aktenband ist nicht das Sturmgepäck von irgendwem, sondern von einem hoch- und höchstgestellten Beamten des Reiches. Er sollte dieses Material betreuen und vor allem, verhindern, daß es jemals in die Hände Uneingeweihter käme. Die Gründe hierfür sind nicht schwer zu finden.Im Jahre 1935 wähnten sich noch weite und weiteste Kreise unseres Volkes außerhalb jeglichen zukünftigen Kriegsgeschehens, und die Wahrheit?Das Aktenstück beginnt mit einer an Hitler gerichteten Denkschrift Schachts, betitelt:„F i n a n z i e r u n g d e r R ü s t u n g.“„Die nachfolgenden Ausführungen gehen davon aus, daß die Durchführung des Rüstungsprogramms nach Tempo und Ausmaß d i e Aufgabe der deutschen Politik ist, daß demnach alles andere diesem Zweck untergeordnet werden muß, soweit nicht durch Vernachlässigung anderer Fragen das eine Hauptziel gefährdet ist . . . Der Umstand, daß unsere Rüstung bis zum 16. März 1935 völlig und seitdem immer noch zum großen Teil getarnt werden muß, hat dazu geführt, daß die Notenpresse schon am Anfang des ganzen Rüstungsprogramms in Anspruch genommen worden ist, während es an sich das Natürlichste gewesen wäre, sie an den Endpunkt der Finanzierung zu setzen . . .“Gibt es etwas Klareres? D i e Aufgabe der nazistischen Politik ist von Anbeginn an die Rüstung, der alles andere untergeordnet werden muß. Sie ist das „Hauptziel“.Doch Göring und Hitler wollen nicht nur Schacht hören. So geht ein Aufforderungsschreiben vom 8. August 1936 an den im Ostseebad Rauschen weilenden Oberbürgermeister Goerdeler hinaus, sich gutachtlich zu äußern. Er tut es in einem 18 Seiten umfassenden Schreiben.„Meine Stellungnahme ist getragen von dem heißen Wunsche, unserem Volke und unserem Vaterlande zu dienen . . .“Ein solcher Mann mit solcher Einstellung konnte vor den Augen Görings und Hitlers nicht bestehen. Darum schreibt Göring:„Mein Führer! Soeben erhalte ich dieses Gutachten von Goerdeler. Ich bitte Sie, dasselbe ab Seite 8, vorher ist es uninteressant, zu lesen. Es ist für Ihre Denkschrift, mein Führer, doch sehr wichtig, da es die ganze Verworrenheit und Fehlauffassung unserer bürgerlichen Wirtschafter aufzeigt; Rüstungseinschränkung, Defaitismus, Verkennung der außenpolitischen Lage etc. wechseln ab. Seine Vorschläge taugen für einen Bürgermeister, nicht für die Staatsführung.“Und was schrieb dieser so ungnädig beurteilte Goerdeler?Er setzt Göring zunächst auseinander, was Währung ist:„…Das Geld ist als Mittler für den Tausch der Arbeitsleistungen unentbehrlich. Dabei muß ich sicher sein, daß das Geld, das ich für den Verkauf meiner Ware bekomme, bis zum Einkauf einer anderen gleichen Tauschwert behält. Schöpfer des Geldes ist der Staat. Also muß der Staat für diese Gleichwertigkeit sorgen. Das tut er durch seine Bank …“Die Ausführungen Goerdelers sind erkennbar einfach gehalten. Man sieht förmlich, wie der, für dessen Auge diese Zeilen bestimmt sind, vorsichtig gleich einem des Gehens unkundigen Kinde geführt wird. Die Binsenweisheit der westeuropäischen Währungsbalance wird entwickelt. Und der Mann, in dessen Hände die gesamte deutsche Wirtschaft gelegt war, dieser Göring, der unbeschränkte, der allmächtige Gebieter des Vierjahresplanes, läßt die ganze Armseligkeit seines Wissens mit der Randbemerkung aus dem Sack: „Wer soll das abschätzen?“Doch nun legt sich Goerdeler ins Geschirr. Er wagt das Wort „Inflation“ zu nennen, und erntet dafür ein „oho!“ „Nur theoretische Phantasten können einer Kreditschöpfung das Wort reden“ und wieder tönt Göring mit einem falschen „oho“. Dann ist es um Goerdeler und seine Ausführungen geschehen. Sein Hinweis, daß das Diktat von Versailles „den ersten Grund zur Zerrüttung der Währungen gelegt“ habe, erhält die dick geschriebene Randnote: „die Juden!“ Seine Ausführung: „in allen Völkern haben die verantwortlichen und einsichtigen Männer erkannt, daß ohne eine Wiederherstellung der Währungssicherheit überhaupt kein Herauskommen aus Sorgen, Unruhen und schließlicher Verzweiflung ist“, bekommt Görings kindische Randbemerkung: „In England und anderen abgewerteten Ländern lebt es sich ganz gut und billig“.Als Goerdeler dann wieder schreibt: „Deutschland hat die große moralische Gelegenheit, die Grundlage für eine Gesundung der ganzen Welt mit herbeizuführen …“ quittiert der unreife Bursche Göring das ethisch hohe Niveau des Briefschreibers mit einem „w i r wollen gesund werden“. Doch dann begibt sich Goerdeler auf ein gefährliches Parkett: „Ich könnte mir denken, daß wir manche Frage, wie z. B. die Judenfrage, die Logenfrage, die Rechtssicherheit, die Kirchenfrage, in eine gewisse größere Uebereinstimmung mit imponderablen Anschauungen anderer Völker werden bringen müssen ...“ – „oha!“, „Frechheit!“ lauten die Zensuren Görings auf diese vom klaren Verstand getragenen Ausführungen.Ich frage: Gibt es bei solchem Urkundenmaterial wirklich noch einen, der an der vom ersten Tage an gegebenen Kriegspolitik Hitlers Zweifel hegt?!Was hat die Landesverwaltung als Erbe solcher Politik übernommen? Einen zusammengebrochenen Finanzapparat! Chaotische Zustände auf dem Gebiete der Steuer- und Finanzpolitik! Und was haben wir demgegenüber getan? In den ersten Wochen arbeiteten wir mit Improvisationen. Die folgenden Haushalte bis Oktober, und der zweite – 4. Quartal 1945 –, beide schon spezialisiert, waren ausgeglichen. Das gilt auch für den jetzt laufenden. Einen gewissen Ueberblick über die wirtschaftliche Lage des Landes geben Steuerzahlen. Die Einkommensteuer, die im 3. Quartal 1945 30 Millionen Mark betrug, ist im 4. Quartal auf 62 Millionen gestiegen; die Lohnsteuer von 8 auf 14 Millionen Mark; die Umsatzsteuer von 11 auf 21, und die Verbrauchssteuer von 18 auf 61 Millionen Mark, wobei in dieser letzten Ziffer die hohe Alkoholsteuer eine wesentliche Rolle spielt.Vom Geld komme ich zur Wirtschaft. Ich bitte Sie, wenn ich jetzt von der Wirtschaft spreche, einmal an den Juli 1945 zurückzudenken. Juli 1945: ein Volk auf der Straße! Kaum einmal ein Zug, kaum ein rauchender Schornstein, nahezu kein Benzin. So drohten in Thüringen an einem Ort Lebensmittelvorräte zu verfaulen, die infolge fehlender Transportmittel an Notstandsgebiete nicht herangebracht werden konnten. Heute ist unsere Industrie angelaufen, und ich versichere Ihnen, meine Damen und Herren, sie wäre 100%ig angelaufen, sie ginge 100%ig auf Touren, wenn wir das böse Wenn mit der Kohle- und Rohstoffverknappung nicht hätten. Zur industriellen Ingangsetzung Thüringens einige Zahlen:am 1. 7. 1945 liefen in Thüringen 36% der Betriebeam 1. 8. 1945 „ „ „- 47% „ „am 1. 9. 1945 „ „ „ - 75% „ „am 1. 10. 1945 „ „ „ - 80% „ „am 1. 11. 1945 „ „ „ - 83% „ „am 1. 12. 1945 „ „ „ - 89% „ „am 1. 1. 1946 „ „ „ - 90% „ „am 1. 2. 1946 „ „ „ - 91% „ „d.h. von 5550 Betrieben arbeiten 5053!Meine Damen und Herren! Sie können sich vorstellen, wie bitter es für die Landesverwaltung ist, die mit Mühe in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und den Arbeitern, den Unternehmern, die Industrie angekurbelt hat, zusehen zu müssen, wie schwere Engpässe entstehen, die das Land aus eigener Kraft allein nicht beheben kann. Wir sind in den verflossenen Monaten an Schwererem nicht gescheitert, wir haben die feste Ueberzeugung, und nicht nur sie, sondern den harten Willen, diese Engpässe auszuweiten.Mit der steigenden Ankurbelung der Wirtschaft ging die Industrieerzeugung mit. Sie ist um 120% gegenüber dem Juli 1945 gestiegen. Die Erzeugung trägt dabei den Bedürfnissen unserer Tage Rechnung. Wir haben allein an Sparherden in wenigen Wochen 10 000 Stück erstellt. 60 Betriebe sind auf Haushaltsgeschirr umgestellt worden. 5000 elektrische Kochplatten werden im Monat erstellt. Wir haben eine völlig neue Flachglasindustrie aufgezogen. Die Zellwolle Schwarza läuft stetig wachsend. Die Textilindustrie haben wir von 855 000 Meter im September auf 1,7 Millionen Meter in diesem Monat gebracht.Unsere handwerklichen Betriebe sind voll beschäftigt. Unsere besondere Hoffnung gilt Unterwellenborn, das uns Eisen und Stahl bringt.Eisen und Stahl, Härte und doch Elastizität müssen wir uns zu eigen machen, um die große Schicksalsprüfung unseres Landes und unseres Volkes durchzustehen. Was planen wir? Ich will Ihre Hoffnungen zunächst nicht zu hoch spannen, und doch möchte ich es Ihnen auch nicht ganz vorenthalten. Darum nenne ich zunächst keine Zahlen. Die Landesverwaltung Thüringen läßt seit einer Woche in Nordthüringen auf Steinkohle bohren, weil man dort ein größeres Steinkohlenvorkommen festgestellt hat. Wir bohren nach Erdgas und Erdöl, und Sie können sicher sein, daß diese Bohrungen nicht auf bloße Vermutungen hin geschehen, sondern weil entsprechende Ermittlungen vorliegen.Meine Damen und Herren! Ich gab Ihnen eine Bilanz über die Tätigkeit der Verwaltung des Landes und habe dabei wirtschaftliche Ausblicke angedeutet. Ich möchte nicht schließen, ohne die Probleme unserer Tage berührt zu haben. Eines dieser Probleme heißt: Besatzung. Ich stelle an die Spitze, daß noch niemals eine Besatzung ausgesprochen schön war. Eine Besatzung ist der sichtbarste Ausdruck der Niederlage. Aber – und dieses Aber möchte ich unterstreichen – wir müssen uns daran erinnern, daß ohne die Alliierten und insonderheit ohne die Rote Armee das ewige Morden im Innern Deutschlands, das unter Hitler 12 Jahre lang gehandhabt wurde, jenes Morden in den KZ's, in den Kellern der Gestapo und Gestapa, nie ein Ende genommen hätte. Niemals hätte zudem draußen in der Welt diese ewige Schändung des deutschen Namens ein Ende genommen. Wenn Wilhelm II. bei einer Rekrutenvereidigung einmal den viel zitierten Satz hinausgerufen hat: „Wenn ich es befehle, dann müßt Ihr auf Euren Vater und Eure Mutter schießen!“, so kann man vielleicht zu seinen Gunsten annehmen, ohne ihn damit entschuldigen zu wollen, daß er einer spontanen Regung entsprang. Demgegenüber steht das kalte, in ein System gebrachte, über ein Jahrzehnt anhaltende, und in der Zahl ständig zunehmende Hinmorden von Tausenden, Hunderttausenden, ja schließlich Millionen von Menschen. Mit diesem Hinschlachten menschlichen Fleisches ging Hand in Hand jene systematische Zerstörung der kleinsten Zelle im deutschen Volk, der Familie, die systematische Aufhetzung der Kinder gegen die angeblich verkalkten Eltern, das räumliche Auseinanderreißen der Ehepaare, der Kinder von ihren Eltern, und das zynische In-den-Schmutz-Ziehen aller ethischen Bande. Der Uniformträger wurde zum Halbgott, der kleinste Pimpf förmlich zum Haushaltungsvorstand gemacht. Ein Anrühren seiner Person wurde, wenn er Uniform trug, zur Verletzung des in Gottesnähe hochgespeichelten „Führers aller Deutschen“ gestempelt und hatte Konzentrationslager im Gefolge. Wie oft haben diese zu Spitzeln der Gestapo mißbrauchten Kinder in Uniform die eigenen Eltern ins Zuchthaus oder in die Schlinge des Henkers gebracht.Jede Besatzung, welcher Nation sie auch sei, birgt die Gefahr von Uebergriffen in sich. Wann und wo gab es in der Geschichte der Völker je ein großes Heer, in dem nicht dieses oder jenes schwarze Schaf mitgelaufen wäre? Schweigen will ich dabei fürsorglich von den Besatzungsmethoden Hitlerscher Heerscharen. Es ist selbstverständlich, daß jeder von einem Uebergriff Betroffene darunter leidet. Aber nicht nur er und die Landesverwaltung möchten den Uebergriff aufgeklärt und gesühnt haben, dasselbe will, und diese Versicherung kann ich Ihnen geben, die Sowjet-Militär-Administration. Von ihr wird im Zusammenwirken mit unserer Polizei und unseren Staatsanwaltschaften alles getan, um die Friedensstörer zu fassen. Die Gerechtigkeit verlangt zu erklären, daß sich nach den Berichten unserer Strafverfolgungsbehörden unter den Tätern nur zu oft Deutsche, und nicht zu vergessen: Kriminelle befinden. Die Administration macht mit den Erfaßten schnellen und reinen Tisch.Damit bin ich bei unserer Sowjet-Militär-Administration Weimar. Sie repräsentiert die oberste Verwaltung des Landes. Aus dieser Stellung kommen Anfragen, Rückfragen, Fristen, Anforderungen statistischen Materials, Anweisungen, Auflagen und anderes mehr. Es ist erklärlich, daß die mit der Erledigung dieser Aufgaben betrauten Beamten, zumal solche Arbeitsbürde zu ihrer Verwaltungsarbeit zusätzlich kommt, diese nicht immer mit heller Freude begrüßen. Aber – und auch dieses Aber möchte ich unterstreichen – was steht hinter diesen Anweisungen, diesen Fristen, diesen Rückfragen, den Statistiken? Es steht dahinter die Tatsache, daß die Besatzungsmacht sich um unsere Sorgen mit kümmert und diese Sorgen oft zu ihren eigenen macht. Ich habe Gelegenheit gehabt, in Berlin-Karlshorst mehrere Tage lang Herrn Marschall Shukow, seiner Generalität und seinen Wirtschaftsexperten unmittelbar gegenüber zu sitzen. Meine Damen und Herren! Zu einer solchen Konferenz fährt man nicht unvorbereitet. Man beherrscht im wesentlichen das Material, insbesondere auch die maßgeblichen Zahlen des Landes. Und das tat not. Ich habe in den zwei Tagen feststellen müssen, daß Marschall Shukow und seine Umgebung so hervorragend über die Lage jedes einzelnen Landes informiert waren, so daß jeder, der in dieser Konferenz etwas über den Daumen hinweg behauptet, oder gar mit ungenauen Zahlen um sich geworfen hätte, auf das ärgste in Verlegenheit gekommen wäre. Es ist für uns alle, es ist für unsere Zone – und für die Richtigkeit dieser Behauptung spricht der sichtbare Erfolg – ein Gewinn, daß die Besatzungsmacht sich um unsere Sorgen mit kümmert. Bei uns wird man bestraft, wenn man unbegründeterweise nicht arbeitet. Wenn Thüringen bei allem Fleiß seiner Arbeiter, seiner Bauern, Unternehmer und Intellektuellen und seiner Landesverwaltung heute so dasteht, wie ich auszuführen Gelegenheit hatte, so verdanken wir dieses Ergebnis nicht zuletzt der Unterstützung durch die Sowjet-Militär-Administrationen Weimar und Karlshorst.Wir haben Reparationen zu tragen. Sie wissen, im Jahre 1919 haben sich größte Teile des deutschen Volkes gegen das „allein schuldig“ des Vertrages von Versailles empört. Dieses Mal, für den Kriegsausbruch 1939, steht für jeden, der objektiv denken kann, eines völlig außer Zweifel: ein unbarmherziges, nicht wegzuhandelndes Schuldig für uns, schuldig an all dem, was im Laufe dieses Krieges an Ungeheuerlichem geschah. Bei aller Erkenntnis solcher Schuld treffen uns die uns auferlegten Lasten trotz allem bisweilen hart.Wir haben in Berlin Zentralverwaltungen, deutsche Zentralverwaltungsstellen. Wenn diese Zentralverwaltungen in Berlin nicht von Herrn Marschall Shukow eingerichtet worden wären, so bin ich überzeugt, daß die Länder und Provinzen eine dahingehende Bitte ausgesprochen hätten. Diese deutschen Zentralverwaltungen sind nötig, zu koordinieren und auszugleichen in der Ernährung, bei der Wirtschaft, im Güteraustausch, der Post, der Justiz, der Eisenbahn und in anderem mehr. In diesem Sinne haben die deutschen Zentralverwaltungen ein dankbares, ein produktives Feld. Sie sind dann unserer vollsten Unterstützung gewiß. Wir müssen uns aber dagegen wehren, wenn die Zentralverwaltungen ihre Aufgaben mißverständlich dahin auffassen, eine Befehlszentrale zu sein.Damit komme ich zum Schluß des Tätigkeitsberichtes der Landesverwaltung. Der Bericht ist Ihnen in jeglicher Beziehung offen erstattet. Er unterliegt der Kritik, und ich bitte darum. Ich habe im Laufe des Berichtes die großen Linien aufgezeigt, welche die Landesverwaltung gegangen ist. Wenn Sie zum Bericht Stellung nehmen, so gehen Sie von einem alten Rechtsgrundsatz aus: „Um Kleinigkeiten kümmert sich der Richter nicht!“ Lassen Sie das Kleine beiseite, machen Sie es nicht wie jener kleine Junge, der aus dem Stollenteig der Mutter – man ist versucht zu sagen: lang, lang ist's her! – die bittere Mandel herauspickt und diese dann mit dem Stollenteig in seiner Gesamtheit identifizieren will. Ich weiß, aus der Gegenwart, bei der in ihr fehlenden Distanz ist es oft schwer, eine Kritik zu üben. Doch das soll Sie nicht abhalten, es trotzdem zu tun.Ich kann meinen Bericht nicht schließen, ohne zuvor tiefer Dankespflicht genügt zu haben. Im Namen des Landes Thüringen danke ich Euch, Thüringer Arbeiter! Ein Gebäude ist nur von unten her, ist nur auf gesundem Fundament zu errichten. Das Land dankt Euch, daß Ihr mit persönlichen Opfern ohnegleichen, mäßig ernährt, schlecht gekleidet, die Basis für den Aufbau schuft. Dabei seid Ihr, dabei ist das Land hervorragend vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund unterstützt worden. Er war Mittler und Helfer. Ich danke Euch, Bauern! Ihr habt unter Uebernahme persönlicher Opfer für die Wintersaat gesorgt und die Ernährung im Lande sichergestellt. Die Hoffnung des Landes ist auch für dieses Jahr auf Eure Fäuste, auf Eure kräftigen Schultern gestellt. Die Landesverwaltung dankt dem Handwerker, sie dankt dem Intellektuellen und dem Unternehmertum des Landes. Sie haben durch Zusammenfassung und Einzahnung vorhandener Kräfte das Räderwerk des Handels und der Industrie in Gang gesetzt und in Gang gehalten. Das Land dankt den vielen Namenlosen, welche sich in den Aufbau mit eingeschoben und Not und Leid gelindert haben. Das Land dankt der Presse, es dankt den vier antifaschistischen Parteien, die sich in keiner Situation versagt, sondern sich und ihren Apparat jederzeit zur Unterstützung der Landesverwaltung bereitwilligst eingesetzt haben. Als Präsident danke ich allen Beamten und Angestellten des Landes. Mein ganz besonderer Dank gilt Ihnen, meine Herren von der engeren Landesverwaltung, die Sie heute mit mir auf diesem Podium sind und mit mir die Lasten der letzten Monate getragen haben.Ich komme zum Schluß. Wenn da und dort in deutschen Landen Kräfte am Werke sind, welche um der Bequemlichkeit einiger Jahre willen jahrtausendjährige deutsche Geschichte, unsterbliche deutsche Kultur, Volk und Vaterland in Separatismus verraten wollen, so erheben wir dagegen mahnend unsere Stimme. Unser Land Thüringen steht in unverbrüchlicher Treue, frei von jedem Partikularismus zur wirtschaftlichen und politischen Einheit Deutschlands. Thüringen ist getragen von dem Willen, durch die Tat, vollbracht unter den schwierigsten Bedingungen, der Umwelt Achtung abzugewinnen und den Ring des Mißtrauens zu sprengen, der heute noch deutsches Land und deutsches Volk umschließt. Im Rahmen unseres Volkes, im Rahmen unseres Vaterlandes haben wir Thüringer das Ziel, ein starker Eckpfeiler zu werden zum neuen deutschen Dom, zum neuen demokratischen Deutschland!

Quelle: [Paul]: Werdender Staat (1946/C) (gedr. Broschüre). Nach einer Information vom 13.4.1946 an das Präsidialamt ordnete der SMATh-Zensor Weil an, die Rede – falls er nicht anwesend seine sollte – seinem Stellvertreter vorzulegen, der sie abzeichne und sofort zurückgebe, damit der Druck nicht aufgehalten wird Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 513, Bl. 322r).