Nr. 120a
16. März 1946
Schreiben des Landespräsidenten Rudolf Paul an den Nordhäuser Oberbürgermeister Karl Schultes

16. März 1946Dr. P./Ca.HerrnOberbürgermeister Dr. S c h u l t e s N o r d h a u s e n
Unter dem heutigen wird meine Aufmerksamkeit auf das Arbeitslager der Stadt Nordhausen, genannt Hanewacker, Im September 1945 ließ Oberbürgermeister Karl Schultes als Regierungsbeauftragter für den Wiederaufbau Nordhausens auf dem Gelände des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers der „Vereinigten Tabakfabriken AG Nordhausen“ (Hanewacker AG) ein dem städtischen Wiederaufbauamt unterstelltes Arbeitslager für zum Wiederaufbau verpflichtete ehemalige Nationalsozialisten einrichten (Stadtarchiv Nordhausen, Best. 1.5./S 192). gerichtet und dort insbesondere auf einen Fall des im Lager inhaftierten Fabrikdirektors Kling. Nach den mir vorliegenden Unterlagen ist Kling 63 Jahre alt, Diabetiker, leidet an chronischem Gelenkrheumatismus sowie an Herzmuskelentzündung. Der Betreffende soll seit einigen Wochen arbeitsunfähig sein. Kling ist in Haft genommen worden, da er Mitglied der NSDAP war und da offensichtlich der jetzige Vorsitzende des Betriebsrats Riemann, der vor über 20 Jahren einmal aus dem Betrieb entlassen wurde, Anklagen gegen Kling erhoben hat. Die Differenzen Kling und Riemann sind – wie ich erwähnte – bereits über 20 Jahre alt und selbst wenn damals Kling gegenüber Riemann im Unrecht gewesen ist, dürfte es heute kaum an der Zeit sein, die Angelegenheit, die jetzt 23 Jahre zurückliegt, wieder aufzunehmen. Im übrigen habe ich auch, abgesehen von dem Gesundheitszustand Klings, Bedenken gegen die Inhaftnahme Klings. Mir liegt vor ein Schreiben des Kreisleiters von Nordhausen an Kling. Dieses und die nachfolgend erwähnten Schreiben sind zusammen mit einem Schreiben des internierten Fabrikdirektors Kling vom 3.3.1946 an Paul in der Akte in Kopien/Abschriften überliefert (Bl. 24r-33r). In diesem Schreiben wird ihm der Vorwurf gemacht, dass er in seinem Betrieb die Pg’s nicht aufkommen lässt und dass sich alle Pg’s weigern, Ortsgruppenleiter zu werden, da sie befürchten, dann nach kurzer Zeit von Kling aus dem Betrieb hinausbefördert zu werden. Des weiteren liegt mir vor Abschrift eines Schreibens der Geheimen Staatspolizei, nach dem die Frau Klings wegen Verkehr mit der Jüdin Schenk staatspolizeilich verwarnt wird, und zuletzt ein Schreiben englischer Kriegsgefangener, die bescheinigen, dass sich Kling während der 5 Jahre des Krieges stets für diese Kriegsgefangenen eingesetzt hat. Ich bitte um Mitteilung, was Sie in der Angelegenheit Kling veranlasst haben, des weiteren über die Einrichtung des Arbeitslagers Hanewacker, das im Volksmund als Konzentrationslager bezeichnet wird. Vgl. auch die spätere Stellungnahme des damaligen Nordhäuser Oberstaatsanwalts Werner Korn v. 23.10.1948 (Dok. 396 e), der das Lager als von der SED eingerichtetes KZ für politisch Missliebige u. in einem Schreiben an Paul v. 19.1.1948 als „Schultes‘ Privat-KZ“ bezeichnete (Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, NL Rudolf Paul, Nr. 6, Bl. 34r). Wie ist die Handhabung der Internierung, welche Dauer ist vorgesehen, wie ist die Art der Behandlung, welches ist die Tätigkeit der Internierten, wie werden sie entlohnt, sind sie mit ihren Familien oder allein im Lager untergebracht, haben sie die Möglichkeit eines Verkehrs mit ihren Familien, unter welchen Gesichtspunkten ist die Auswahl der Internierten vorgenommen worden.
gez. Dr. Paul(Dr. Paul)

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Ministerium des Innern, Nr. 90, Bl. 23r, 23v (ms. Ausfertigung).