Nr. 121
17. März 1946
Bericht des 1. Vizepräsidenten Ernst Busse auf der Landeskonferenz der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe über die Durchführung der Bodenreform im Land Thüringen

L a n d e s k o n f e r e n z „Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe“ am 17. März 1946, 10 Uhr, in der Weimarhalle.

[…] Begrüßung durch Vizepräsident Busse, Begrüßungsworte der Vertreter der SPD (Frölich) und der KPD (Eggerath). Vizepräsident Busse : Vorsitzender der Landeskommission zur Durchführung der Bodenreform. Bericht der Landeskommission über die Durchführung der Bodenreform
Vizepräsident Busse führte u.a. aus: Die Weimarhalle war Ausgangspunkt einer Bewegung, die heute durch diese Tagung zu einem gewissen Abschluß kommt. Die große erste Tagung der thüringischen Bauern fand nach dem Zusammenbruch des Hitlerregimes, nach seiner Zerschlagung durch die Alliierten und dem gewaltigen Marsch der Roten Armee im Beisein des heutigen Hauptreferenten, des Leiters der Zentralverwaltung Land- und Forstwirtschaft Genossen Hoernle, auch hier statt. Landesbauernkonferenz am 2.9.1945 (Dok. 40 a, b). Von hier aus gingen die Vertreter der thüringischen Bauern wieder ins Land, von hier aus begann die Diskussion über den Weg, den man auf dem Dorf zur Sicherung der Ernährung der Bevölkerung Thüringens und des sowjetisch besetzten Raumes zu gehen hatte. Von hier aus gingen die ersten Forderungen nach Liquidierung des Großgrundbesitzes, zur Herausgabe eines Gesetzes zur Durchführung der Bodenreform. Der Weg vom September 1945 bis März 1946 ist kein gerader, glatter Weg gewesen, nicht nur ein Weg mit nur Freuden. Dieser Weg ist ein holpriger gewesen, ein Weg zur Überwindung vieler Schwierigkeiten und Widerstände verschiedenster Art; Widerstände, deren Wurzeln in den vergangen[en] Ergänzt. 12 Jahren begründet lagen und in dem Verwachsensein des Dorfes untereinander und der Verflechtung in der Familien- und Dorftradition, Widerstände aus persönlichen und sachlichen Ursachen und Wirkungen. Das Gesetz der Bodenreform brachte den Grundsatz „Enteignung des Großgrundbesitzes“ in Paragraphen. Daß die Bauern diesen Gedanken aussprachen und auch bereit waren, ihn in die Tat umzusetzen, daß wir heute fast vor der Vollendung dieser Enteignung stehen, gibt uns Veranlassung, uns eine geschichtliche Tatsache zu vergegenwärtigen, nämlich daß schon einmal in Deutschland versucht wurde, eine Enteignungskampagne durchzuführen. – Die Enteignung der Fürsten –! Wenn wir die zaghaften Forderungen der damaligen Zeit mit den Ergebnissen der heutigen Bodenreform vergleichen, dann können wir ein klein wenig die Größe des heute Geschaffenen ermessen. Wir haben durch die Bodenreform den Großgrundbesitz enteignet. Im Lande Thüringen besteht kein Großgrundbesitz mehr. Das war die erste und entscheidenste Forderung der Bauern, das war das wichtigste, das vom Gesetz gefordert wurde – Einlösung dieser alten Bauernforderung! Ein Opfer dieser Bauernforderung war Thomas Müntzer. Von ihm aus gingen dann später immer wieder die Forderungen, die Enteignung des Grundbesitzes Wirklichkeit werden zu lassen. Diese alte Bauernforderung, Liquidierung der feudalen junkerlichen Großgüter, ist als Gesamtforderung gesehen in Thüringen, in der sowjetischen Zone durchgeführt worden. Diese Forderung aufstellen und bewältigen heißt natürlich auch, den Weg finden, daß nicht nur enteignet wird, sondern daß der Boden weiter bearbeitet wird, besser bearbeitet wird. Zu besseren Ergebnissen und Erträgen führt nur eine Eigentumsverschiebung. Verschiebung von einem Großgrundbesitzer zum anderen kann nicht der Sinn einer geschichtlichen Umwälzung sein, wie die der Bodenreform ja ist. So wurde die erste Forderung – Aufteilung – wie sie das Gesetz formuliert, konkretisiert in die zweite: Das Land wird den Landarbeitern übergeben. Es wird denen übergeben, die bisher als schlecht bezahlte Knechte auf den Gütern tätig waren, es wird den landlosen Bauern der Güter übergeben, die bisher ihre Arbeit nur auf gepachtetem Land verrichteten, es wird an landarme Bauern übergeben und es wird an Umsiedler übergeben, die durch den Wahnsinn des Hitlerkrieges ihre Heimat verloren. Weiter soll das Land an interessierte Arbeiter und an kleine gärtnerische Wirtschaften abgegeben werden. Ausdrücklich wurde festgelegt, der Großgrundbesitz geht als Privatbesitz an die neuen Träger der Neubauernwirtschaften über. Das Land wurde mit dem Ziel aufgeteilt, die Sicherung der Ernährung über diese Familien für das ganze deutsche Volk sicherzustellen. So kamen wir auf Grund vieler praktischer Erfahrungen zu der Festlegung durch das Gesetz, daß eine normale Wirtschaft unter normalen Verhältnissen nicht über 5 ha groß sein soll, daß entsprechend der Bodenart darüber hinaus auch bis zu 7, 8 oder 10 ha gegangen werden kann. Diese Aufgabe war keine leichte. Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß es nach sechs Wochen Gesetz auf einzelnen Gütern noch Stimmen gab „Der Herr ist noch da, und wir können ihn nicht herunter jagen und können nicht aufteilen“. Das ganze Dorf stimmte einmütig für das Gesetz, es gab keinen politischen Widerstand, nur den einen Gedanken, der Herr muß herunter vom Hof! Aber solange der Herr noch auf dem Gute war, fehlte der Mut zur Durchführung der Bodenreform. Es bedurfte erst einer Aufklärungswelle und der Evakuierung des Herrn vom Gut, bis es zur Aufteilung des Landes kam. Hiermit will ich andeuten, daß zwischen Beschlußfassung und Durchführung die Wege außerordentlich verschieden waren, und daß diese Wege mit Menschen gegangen werden mußten, die 12 Jahre Faschismus hinter sich gebracht hatten; Menschen, die entweder in den Betrieben, in den Dörfern, in den Zuchthäusern, in den Lagern geknetet und geknechtet waren und die draußen auf den Dörfern und in den Betrieben kaum gewagt hatten, einen eigenen Gedanken auszusprechen oder gar versucht hatten, ihn in die Tat umzusetzen. Die Bodenreform war durchzuführen gegen die nazistische Propaganda, die immer wieder sagte, wie lange wird die Rote Armee denn die Bodenreform noch durchführen?Hindernisse legten sich uns auch durch die nicht immer glatte Beförderung mit der Reichsbahn in den Weg.Wir mußten immer wieder, um vorwärts zu kommen, den Sinn der Eintragung in das Grundbuch, der Waldverteilung, der Grenzsteine klar machen; wir mußten immer wieder zurückkommen auf die große Idee der Bodenreform, daß das Land, der Großgrundbesitz, Träger einer der entscheidenden Bastionen der Reaktion und des Krieges war. Dieses müssen wir uns immer wieder vor Augen halten. Große Ideen fordern auch große Opfer. Aber diese Opfer haben sich gelohnt. Denn wenn wir die Ergebnisse der Bodenreform in Thüringen im Gesichtspunkt der Ernährung und im Gesichtspunkt einer neu erkämpften Demokratie sehen, dann dürfen wir sagen: „Diese Bodenreform in Thüringen mit all ihren Begleiterscheinungen des Unangenehmen ist in der Größe gesehen doch wert, daß wir uns eingesetzt haben!“ Geschichtlich gesehen hat der russische Bauer für die Durchführung seiner Bodenreform viel mehr Opfer bringen müssen. Wenn wir allerdings den verlorenen Krieg und Deutschland als Trümmerhaufen mit in Rechnung stellen, sind die unseren auch größer, aber diese Opfer haben wir ja nicht gebracht für die Bodenreform und für das demokratische Deutschland, sondern indem wir uns unter einem Terror beugten für den Faschismus, für den blutigen Versuch, die Welt unter Deutschlands Terror zu beugen.Die Bodenreform ist eine Abschlagzahlung an die Welt, der wir jetzt zeigen können, daß das deutsche Volk auch einen anderen Weg kennt. Von diesem Blickpunkt aus wollen wir die Zahlen der Bodenreform betrachten.
Wir haben im Lande Thüringen an Wirtschaften über 100 ha, an Wirtschaften der Kriegsverbrecher unter 100 ha und an vom Staat in den Bodenfonds eingebrachten Ländereien insgesamt 1 007 Wirtschaften in den Bodenfonds gebracht. Das Ackerland aus diesem Bodenfonds betrug 70 772 ha. Mit Gärten, Wald und Wiesen und allen anderen Grundstücken, die noch erfaßt wurden, haben wir im ganzen 170 103 ha Land in den Bodenfonds übergeben. Aufgeteilt wurde das Land an7 985 Landarbeiter und landlose Bauern,11 596 landarme Bauern,14 656 Kleinpächter,2 296 Umsiedler und nichtlandwirtschaftliche Arbeiter44 318 Landgemeinden, Güter für Stammzucht, an Behörden und Lehrgüter
Viehaufteilung An Pferden wurden insgesamt 3 636 verteilt, darunter befinden sich Arbeitspferde und Zuchthengste,Milchkühe wurden rund 23 000 verteilt,Schweine rund 9 000,Maschinen, wie Schlepper, Ackerwagen usw. 3 952,Inventar, wie Pflüge und Eggen wurden direkt an die Bauern gegeben 13 300.Die Bodenreform hat die Gebäude und Ställe samt Zubehör verteilt.
Die Bodenreform wurde von 9 578 Mitgliedern durchgeführt, davonsind2 346 landwirtschaftliche Arbeiter und landlose Bauern4 500 Kleinpächter und landarme Bauern,568 Umsiedler,2 091 nicht besonders zu kennzeichnende Personen.
Kommunisten - 1 630Sozialdemokraten - 1 347Andere Parteien - 312Parteilos - 6 289
Die parteipolitisch organisierten haben aktiv zu sein. Das ergab die Tatsache, daß sie Beschließer In der Vorlage „Schließer“. des Gesetzes waren.
Die große Zahl der Parteilosen stellte sich zur Verfügung. Das ist ein Plus der demokratischen Entwicklung.Vollwertige Mitglieder der Komitees zur gegenseitigen Bauernhilfe:Mitgliederbestand (ändert sich täglich): 8 329davon Kommunisten: rund 1 300„ Sozialdemokraten: „ 1 100„ andere Parteiangehörige: „ 300„ parteilos: „ 5 500.
Wir haben versucht, die Bodenreform so zu gestalten, daß das deutsche Volk zufrieden sein wird.Die Schlußfolgerung: Dieser Schritt war schwer. Aber er berechtigt uns zu dem Bewußtsein, einen Stein gelegt zu haben, der nicht so ohne weiteres von der Stelle gerückt werden kann.Abschließend betonte Vizepräsident Busse, daß die Neubauern die ihnen übertragenen Aufgaben mit Unterstützung der Komitees zur gegenseitigen Bauernhilfe in tiefer Liebe zu Deutschland lösen werden.
[…] Ausführungen des Vizepräsidenten und Landesdirektors für Land- und Forstwirtschaft Hans Lukaschek über „Aussaat und Anbauplanung“, Referat des Deutsche [Zentral] Verwaltung für Land- und Forstwirtschaft-Präsidenten Edwin Hoernle und Diskussion.

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 251, Bl. 79r-99r, hier Bl. 81r-85r (ms. Ausfertigung).