Nr. 145d
o. D.
Niederschrift des Thüringer Landespräsidenten Rudolf Paul für die SMATh über seine Eindrücke vom Besuch Schlange-Schöningens

N i e d e r s c h r i f t
des Präsidenten des Landes Thüringen, Dr. Rudolf Paul, über den Besuch des Reichsministers a.D. Schlange-Schöningen, derzeitiger Ernährungsminister 1 in der englischen Zone, in Weimar vom 11.-13. Mai 1946.
Vor einigen Wochen wurde mir bekannt, dass die englische Militärregierung wegen der angespannten Ernährungs- und Futtermittellage in der englisch besetzten Zone die Abschlachtung von 60 000 Pferden verlangt. Aus diesem Grunde nahm ich durch Entsendung des Vizepräsidenten Dr. Lukaschek die Verbindungen mit Schlange-Schöningen in Hamburg auf und lud ihn zu Besprechungen 2 nach Weimar ein. 3
Schlange-Schöningen ist eine bekannte Figur im politischen Leben Deutschlands. In der Weimarischen Republik war er eine Zeit lang Reichsminister 4 und trat innerhalb der Deutsch-Nationalen Partei, der er damals angehörte, (jetzt ist er Mitglied der CDU) viel hervor. Er galt als die verkörperte Reaktion, er neigte auch zum Antisemitismus. In der englisch besetzten Zone ist er z.Zt. die einzige Zentralstelle, denn die gesamte Ernährungslage dieser Zone ist in seiner Hand vereinigt, während die anderen Ministerien noch regional aufgespalten sind, z.B.: für Westfalen oder Braunschweig, oder Hannover usw. Trotz dieser Sonderstellung, die Schlange-Schöningen in der englischen Zone einnimmt, ist sein Kontakt mit der englischen Militärregierung offensichtlich nur ein sehr dünner. So habe ich von dem persönlichen Referenten des Ministers, der ihn auf der Fahrt nach Weimar begleitete, Ministerialrat von John (ehemaliger Offizier CDU) erfahren, dass Schlange-Schöningen mit den Engländern so gut wie nie in Berührung komme – das Gegenteil versicherte Schlange-Schöningen in diesem Augenblick mir gegenüber –, es sei denn, „dass sie sich gelegentlich auf dem Korridor mit den Engländern träfen.“ – Charakteristisch ist auch, dass Schlange-Schöningen, als er auf der Rückfahrt von Weimar nach Hamburg von den amerikanischen Grenzposten nicht in die amerikanische Zone hereingelassen wurde, auf unseren Rat, seine englische Militärregierung in Hamburg anzurufen, in seiner Aufregung ungewollt etwa wörtlich bemerkte: „Das hat keinen Sinn, das ist denen egal, die lassen uns einfach hier sitzen, das kann einige Monate dauern!“
Die Ankunft Schlange-Schöningens an der Demarkationslinie entbehrte nicht der Komik. Meine Begleitmannschaft war mit Präsidialdirektor Staas als meinem Beauftragten, Vizepräsident Lukaschek und den Offizieren der Sowjet-Militärverwaltung unmittelbar bis an die amerikanische Schranke bei Gerstungen herangefahren. Drüben prüften die amerikanischen Grenzposten umständlich die Formalien. Schlange-Schöningen, der zunächst seinen Wagen – eine bescheidene Opel-Type – überhaupt ganz auf amerikanisch besetztem Gebiet zurücklassen wollte – offensichtlich befürchtete er, ihn in der sowjetischen Zone zu verlieren – fragte, bevor er die Schlagbaumlinie durchschritt, seinen Parteifreund Lukaschek: „Meine Militärregierung hat mir aufgegeben, bevor ich russisch besetztes Gebiet betrete, mir von Ihnen ausdrücklich die Zusicherung geben zu lassen, dass ich auch wieder zurückkomme.“ Bevor Vizepräsident Lukaschek eine entsprechende Versicherung abgeben konnte, wies Präsidialdirektor Staas den von Zweifeln Verfolgten daraufhin, dass er Gast des Landes sei und die Sowjetische Militäradministration zudem Offiziere an die Grenze des Landes entsandt habe. Erst daraufhin entschloss sich der Minister zum Grenzübertritt, der am russischen Schlagbaum ohne jeglichen Aufenthalt vor sich ging. Auf der Fahrt nach Weimar stand Schlange-Schöningen allen Erklärungen meines Präsidialdirektors über die von diesem geschilderten Zustände in Thüringen äusserst skeptisch gegenüber. Im Verlaufe der nächsten Tage kamen Schlange-Schöningen und sein Begleiter aus Ueberraschungen nicht heraus. Dabei bemühte sich allerdings Schlange-Schöningen, sein Gesicht zu verhängen, wie er auch in allen Äusserungen ungewöhnlich vorsichtig und übertrieben zurückhaltend war. Soweit er sich nach aussen offen gab, habe ich ihm nicht recht glauben können. So seine Behauptung gegenüber Herrn General-Oberst Tschuikow: „Ich – (Schlange-Schöningen!!) – bin reiner Sozialist“ – oder gegenüber Herrn General-Major Kolesnitschenko – „ich bin ein Gegner jeder Rassentheorie“ – wobei er im Zusammenhang damit wiederholt seine jetzt stark religiöse Einstellung stark unterstrich. Wie sehr Schlange-Schöningen bemüht war, mit verhängtem Gesicht sich in Thüringen zu geben, wird durch eine Äusserung charakterisiert, die er im Bezug auf eine Unterhaltung machte, die zwischen ihm auf der einen und General-Oberst Tschuikow, General-Major Kolesnitschenko und mir auf der anderen Seite geführt wurde. Er erklärte zu einem Parteifreund: „Wir (sich und von John meinend) waren ja verflucht in der Zange, hoffentlich haben wir beim Alkohol nichts Dummes geredet.“
Ich selbst hatte kaum eine Minute Gelegenheit, mit Schlange-Schöningen allein zu sprechen, da sein Parteifreund Lukaschek unzertrennlich von ihm schien. Feststellen konnte ich:
a) Für die englische Zone ist unter Schlange-Schöningen ein Bodenreformgesetz in Vorbereitung. Jegliche nähere Auskunft darüber wurde mit den verschiedensten Ausflüchten abgelehnt.
b) Die Ernährungsläge in der englischen Zone ist besorgniserregend. Das in den ersten Monaten offensichtlich aus Propagandagründen erfolgte Herausgeben höherer Kalorienmengen als in der Sowjetischen Zone hat sich bitter gerächt. Es werden jetzt nur rund 800-1000 Kalorien gegeben. Das ist nach den eigenen Worten von Schlange-Schöningen aber nur noch bis Anfang oder Mitte Juni möglich „dann wissen wir aber nicht mehr was wir essen sollen.“ Als fehlend gab er u.a. an: 180 000 to Getreide.Aus diesem Grund verlangt die englische Militärregierung, dass Austauschgeschäfte nur auf Basis der Gewährleistung gleicher Kalorienmengen vorgenommen werden dürfen. So wird beispielsweise für die von Thüringen zu liefernden Sämereien der Kalorienwert der daraus wachsenden Gemüse eingesetzt.
c) In der englischen Zone ist deren Aufteilung in Länder und Provinzen geplant, wobei diese sich nicht mit den Grenzen der bisherigen Länder, Provinzen und Verwaltungsbezirke decken.
d) In der Entnazifikation haben die Engländer keine klare Linie. So sind des öfteren wegen starker Belastung abgebaute Nazis von den Engländern wieder eingestellt worden, wenn sie ihnen aus irgendwelchen Gründen genehm waren. Nach Herrn von John soll dieserhalb Schlange-Schöningen der englischen Militärregierung gegenüber wiederholt die Vertrauensfrage gestellt haben.
e) Die Stimmung der Bevölkerung gegenüber der englischen Besatzung soll keine gute sein. Die Engländer distanzieren sich völlig von den Nöten und Sorgen im Lande. Erbitterung soll hervorrufen, dass in Hamburg die Engländer ohne jegliche Rücksicht auf die deutschen Belange im Aufbau der Stadt, ein neues, für die Engländer reserviertes Stadtviertel erstehen lassen sollen.
f) Der Hamburger Hafen ist von deutschen Schiffen leer. Man befürchtet, grössere Fischdampfer in den Verkehr zu bringen, da sie beschlagnahmt werden können. Infolgedessen kann der Hochseefischerei nur ungenügend nachgegangen werden, obwohl gerade jetzt infolge der langjährigen Schonungen infolge des Krieges die Nordsee fischreicher sein soll, als je in den letzten Jahrzehnten.
g) Wörtlich wurde gesagt: „Die Engländer sind falsch und unaufrichtig. Ein ja ist kein ja, ein nein ist kein nein. Darum ist bei uns kein richtiger Impuls.“
Wenn ich auch glaube, dass bei der Voreingenommenheit, mit der Schlange-Schöningen und sein Begleiter den sowjetisch besetzten Raum betraten, es ihnen an der nötigen Aufgeschlossenheit gefehlt hat, so haben die vielen positiven Eindrücke, die sie bekamen, ihre Wirkung nicht verfehlt. Dabei bleibt es abzuwarten, ob die beiden Herren in der englisch besetzten Zone den Mut zur vorbehaltlosen Schilderung haben. Ich hielt es darum für geboten, anlässlich des Empfanges des Ministers durch die Thüringische Landesverwaltung zu erklären:
„Sie Herr Minister, sind in Thüringen zu Gast. Als solcher konnten Sie hingehen wohin Sie wollten; Sie konnten sich ansehen was Sie wollten; Sie konnten sprechen mit wem Sie wollten, d.h.: Sie konnten sich überall und bei jedem informieren. Wir erwarten von keinem, der bei uns zu Besuch war, dass er sich zum Wortführer Thüringens oder des sowjetisch besetzten Raumes macht. Aber es ist eine Frage des Anstandes und eine Frage deutscher Pflicht – und beide setzen wir bei Ihnen voraus, dass der Besucher gemeinen Verleumdungen, die im Gegensatz zu den von ihm selbst gesehenen und gehörten Tatsachen stehen, entgegentritt …“
Meine Rede wurde durch den Rundfunk übertragen, der Minister erklärte für seine Person, davon absehen zu müssen, da er hierzu nicht die Genehmigung seiner Militärregierung habe. Seine Entgegnungen, vor allem seine Antworten auf die aus Kreise der Landesverwaltung an Ihn gerichteten Fragen waren so schwach und so ausweichend, dass sie nicht einmal die Zustimmung seiner Parteifreunde fanden, die in grösserer Anzahl erschienen waren. Dabei möchte ich bemerken, dass der Besuch Schöningens neben den wirtschaftlichen Besprechungen vor allem auch Besprechungen seiner Partei zu gelten schienen.
Bezüglich der wirtschaftlichen Vereinbarungen erklärte der Minister die Zustimmung seiner Militärregierung in Hamburg zu haben, doch bedürfe der Vertrag der endgültigen Bestätigung durch London.
An den wirtschaftlichen Besprechungen nahm ich infolge anderweitiger Inanspruchnahme nicht teil, ich lasse den Bericht des Herrn Lukaschek 5 hierüber nunmehr nachfolgen.
[ohne Unterschrift]

Quelle: Gosjudarstwenny archiw Rossijskoj Federazii [Staatsarchiv der Russischen Föderation, Moskau], f. 7184, op. 1, d. 14 [BArchB, Z 47 F, Film Nr. 90176], Bl. 148r-153r (deutsch; ms. Ausfertigung); russische Übersetzung Bl. 142r-145r.

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